Europäisches Theater – wie geht das?

Bärbel Nückles

Von Bärbel Nückles

Fr, 29. Juni 2018

Theater

Die beiden Straßburger Bühnen Le Maillon und das Nationaltheater TNS vor der Spielzeit 2018/2019.

Ein neues eigenes Haus. Für Barbara Engelhardt wird dieser Traum wahr. Le Maillon, Straßburgs städtische Bühne ohne eigenes Ensemble (wie in Frankreich üblich), wird im kommenden Jahr ein neues Gebäude beziehen. Nach vier Jahrzehnten endlich eine eigens konzipierte Spielstätte. Der Umzug am Ende einer verkürzten Saison 2019 wird die deutsche Theatermacherin Engelhardt und ihr Team allerdings nur schräg gegenüber des alten Hauses im Stadtteil Wacken führen. Somit bleibt das Theater in unmittelbarer Nähe zur Politik (dem Sitz der Region) und zur Messe. Das neue Haus für 27 Millionen Euro ist ein opulenter Entwurf mit monumentalen Fensteröffnungen, durch die die Besucher die politische Welt und das Geschäftstreiben draußen wie durch Bilderrahmen wahrnehmen sollen.

Engelhardts Programm ist vielfältig und ignoriert Kategorien. Es gibt 25 Gastspiele, davon fünf Premieren, zwei Koproduktionen, Stücke an unterschiedlichen und ungewöhnlichen Orten. Inhaltlich setzt sich das Maillon ab Herbst zunächst mit dem Erbe der Revolte von 1968 und ihren Utopien auseinander. Unter den Regiearbeiten in diesem Kontext hebt Engelhardt die Arbeiten zweier junger Frauen hervor, der Serbin Sanja Mitrovic und der Belgierin Émilie Rousset.

Auf ihrer "scène européenne", wie sich das Maillon im Untertitel nennt, geht es Engelhardt – wie schon ihren Vorgängern – immer darum, wie man im Theater europäische Perspektiven debattieren kann. Darum, wie Politik in Zeiten erstarkenden Populismus’ etwa mit Fragen zu Migration und Zukunft demokratischer Werte umgeht.

Das Maillon probiert viele Formen des Dialogs zwischen den Kulturen – etwa mit einem Stück, bei dem parallel zum Geschehen auf der Bühne gekocht und das Essen danach mit 400 Zuschauern geteilt wird. "Wenn unser Europabild Risse bekommt", sagt Engelhardt, muss es immer wieder an der Realität überprüft werden." Kunst und Theater könnten es schaffen, dass man eine Vision teilt, sich genauso aber an einem Ideal abarbeitet. Für "Empire" war Regisseur und Autor Milo Rau in einem Lager in Ungarn und zeichnet vielsprachig die Leben von Männern nach, die dort leben müssen. Engelhardt macht kein Programm allein für Franzosen, genauso wenig wie für Deutsche, die sich hier allerdings gut aufgehoben fühlen dürfen. Von Sprachkenntnissen solle es im Maillon nicht abhängen, ob das Theater sein Publikum erreicht. Sie wolle, dass sich die Leute auf Unbekanntes einlassen, dass sie tolle Entdeckungen machen, sagt Engelhardt. "Wir haben viel deutsches Publikum, aber wir tun auch etwas dafür."

Das Straßburger Nationaltheater (TNS) muss sich als eine der wenigen französischen Bühnen mit diesem Sonderstatus nicht nur um sein Straßburger Publikum bemühen, sondern auch um seine nationale Ausstrahlung. Sein Intendant Stanislas Nordey kommt bei der französischen Presse allerdings bestens an. Nichtsdestotrotz fällt die Zahl der Neuproduktionen in der kommenden Saison geringer aus, was auch mit neuen Sparzwängen zu tun hat. Dafür kann sich das Publikum auf Wiederaufnahmen freuen, die in Straßburg bestens ankamen, wie "Je suis Fassbinder" von Falk Richter. Dass Nordey im 50. Jahr des Bestehens des TNS verstärkt Produktionen eingekauft hat, verteidigt der Theaterchef als Vorteil auch für das Publikum. Bei diesen Inszenierungen wisse man, dass sie, wenn auch andernorts, bereits gut aufgenommen worden seien.

Zu sehen ist in der neuen Spielzeit auch ein neues Stück des deutschen Dramatikers und TNS-Hausautors Falk Richter ("I am Europe"). Nordey selbst inszeniert neben "John" von Wajdi Mouawad "Qui a tué mon père" von Edouard Louis.

Das deutsche Publikum sucht diesmal leider vergebens nach Theaterabenden mit deutschen Übertiteln. Mehrere tausend Euro Kosten pro Stück will sich das TNS nicht mehr leisten. Zu wenige deutsche Zuschauer hätten das Angebot in der Vergangenheit genutzt, heißt es. Und bei den wenigen TNS-Besuchern mit Wohnsitz in Deutschland handle es sich entweder um Deutsche, die dezidiert französisches Theater sehen wollten, oder Franzosen, die in Baden-Württemberg leben.

Programm und weitere Informationen auf http://www.tns.fr und http://www.maillon.eu Das Programm des Maillon liegt auch als deutsch-französische Broschüre vor.