Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
01. August 2012
Exklusiver, teurer, glamouröser
SALZBURGER FESTSPIELE II: Der neue Intendant Alexander Pereira setzt Schwerpunkte.
Die erste Frage an Elina Garanca ist gerade gestellt, da fangen die Kirchenglocken an zu läuten. Auf der Terrasse des Pressezentrums am Mönchsberg ist am Eröffnungstag der Salzburger Festspiele für einige Minuten keine Unterhaltung mehr möglich, zumal die lettische Mezzosopranistin, die am nächsten Tag einen Liederabend mit Werken von Schumann und Strauss zu singen hat, ihre Stimme nicht forcieren will. Es scheint fast so, als wollte die Stadt mit dem lauten, vielstimmigen Glockenklang auf ihre lange geistliche Tradition aufmerksam machen. Die grünen Kirchtürme und Kuppeln prägen das Stadtbild. Die Erzbischöfe hatten in Salzburg bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch politisch das Sagen. Und natürlich spielte die Kirchenmusik immer eine bedeutende Rolle bei Komponisten wie Heinrich Ignaz Franz Biber, Michael Haydn oder Mozart, die alle im Dienst des Salzburger Klerus standen.
Diese große musikalische Tradition möchte der neue Intendant Alexander Pereira zum Klingen bringen. Und hat deshalb seinen ersten Salzburger Festspielen eine "Ouverture spirituelle" vorgeschaltet, die mit insgesamt elf Konzerten in Kirchen und Konzertsälen die Besucher feierlich auf das Festival einstimmen soll. Alljährlich wird die neue Konzertreihe mit Haydns Oratorium "Die Schöpfung" eröffnet und das Christentum mit einer anderen Religion musikalisch in Beziehung gesetzt. Für den jüdischen Schwerpunkt hat Pereira in diesem Jahr das Israel Philharmonic Orchestra engagiert, das mit "Kol Nidre" von Arnold Schönberg, der Sinfonie "Mechaye Hametim" von Noam Sheriff oder "Avodath Hakodesh" von Ernest Bloch selten gespielte geistliche Kompositionen zu Gehör brachte. Im letzten Konzert des Orchesters standen mit dem "Te Deum" und der siebten Sinfonie von Anton Bruckner gewichtige Werke eines dezidiert katholischen Komponisten auf dem Programm.
Werbung
So interessant man diese interreligiöse Konstellation auch finden mag – der Abend im Großen Festspielhaus enttäuscht. Das "Te Deum" wird von dem groß besetzten "Collegiate Chorale" aus New York nicht nur im Schlusssatz mehr gebrüllt als gesungen. Auch den Solisten wie dem opernhaft knödelnden Tenor Roberto Saccà fehlt die Differenzierung. Da das Orchester im Forte aufdreht, als gäbe es kein Morgen mehr und immer wieder die Bläser patzen, kommt bei diesem "Te Deum" keine Andacht auf.
Die Zeichen der Salzburger Festspiele unter Alexander Pereira stehen auf Expansion. Die Zahl der Karten hat der frühere Zürcher Opernintendant für dieses Jahr um 20 Prozent auf 260 000 erhöht, die Spielzeit verlängert, die Eintrittspreise gingen nochmals nach oben. Pereira möchte in Salzburg Exklusivität schaffen. Deshalb gibt es im Opernbereich keine Wiederaufnahmen. Nur "Carmen" von den diesjährigen Oster- und "Giulio Cesare" von den Pfingstfestspielen sind nochmals zu sehen. Diese Veränderungen kosten Geld.
Der öffentlich ausgetragene Finanzdisput mit dem Kuratorium, in dessen Zusammenhang der streitlustige Musikunternehmer bereits mit Rücktritt gedroht hatte, ist inzwischen beigelegt. Pereira musste nachgegeben und die Deckelung des Budgets für 2013 auf 60 Millionen Euro akzeptieren. Das fehlende Geld versucht der geübte Fundraiser durch Sponsoren und Mäzene aufzutreiben. Der Glamourfaktor wird jedenfalls weiter steigen. Ein neu eingeführter Ball am Ende des Festivals ist als gesellschaftliches Event eingeplant. Mit dem Residenzhof wurde für die Oper "Das Labyrinth" von Peter von Winter, eine Fortsetzungsgeschichte der "Zauberflöte", eine frühere Spielstätte reaktiviert.
Die zeitgenössische Musik findet sich unter dem neuen Namen "Salzburg contemporary" und beschäftigt sich in diesem Jahr vor allem mit den Komponisten Heinz Holliger und Bernd Alois Zimmermann, dessen Oper "Die Soldaten" einen künstlerischen Akzent im Festivalprogramm setzt. Ab 2013 soll jedes Jahr eine Oper uraufgeführt werden. Künstlerisch vertraut Pereira alten Bekannten. Das Hagen-Quartett, mit dem er bereits in den 1980er Jahren als Leiter des Wiener Konzerthauses zusammengearbeitet hatte, nimmt einen Gesamtzyklus der Beethoven-Quartette in Angriff.
Das Hagen-Quartett ist auch bei einem außergewöhnlichen Abend in der Felsenreitschule dabei, der im Rahmen des tschechischen Schwerpunkts "Über die Grenze" stattfindet. Die vier Musiker spielen im Orchestergraben, auf der Bühne bewegen sich dazu Mitglieder des Zürcher Balletts in klassischen Choreographien von Heinz Spoerli, die bereits in Zürich zu sehen waren. Exklusivität hin oder her – der Abend begeistert mit seiner poetischen Kraft und seiner künstlerischen Perfektion.
Autor: Georg Rudiger



