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31. Oktober 2011 11:09 Uhr

25 Jahre nach der Katastrophe

Experte: Sandoz hält sich nicht an Absprachen – Grundwasser bis heute schwer belastet

Sandoz hat nach dem Brand von Schweizerhalle seine Hausaufgaben nicht gemacht, kritisiert der Experte Martin Forter. Die Folge: Das Grundwasser werde bis heute belastet – und zwar bis zu sieben Mal mehr als vereinbart.

  1. Martin Forter Foto: Ralf H. Dorweiler

Martin Forter (48), Autor des Buches "Falsches Spiel" über die Umweltsünden der Basler Chemie, ist einer der profiliertesten Kenner der Ereignisse vom 1. November 1986. Franz Schmider sprach mit ihm.

BZ: Herr Forter, 25 Jahre nach dem Brand von Schweizerhalle erwecken die Verantwortlichen den Eindruck, die Katastrophe sei Geschichte. Ist die Katastrophe erledigt oder dauert sie an?
Martin Forter: Ganz eindeutig, die Katastrophe dauert auf einer anderen Ebene bis heute an. Sandoz hat damals den Brandplatz nicht sauber ausgeräumt. Auf dem Brandplatz blieben Schadstoffe zurück und aus dem Brandplatz wurde eine eigentliche Schweizerhalle-Deponie. Gemäß verbindlichen Abmachungen mit dem Kanton Basel-Landschaft sollte ab 1994 nicht mehr als ein halbes Kilogramm Schadstoffe pro Jahr aus dieser Deponie ins Grundwasser gelangen. Noch heute ist es aber fünf bis sieben Mal mehr. Seit 17 Jahren sitzen die Vertreter des Unternehmens und der Behörden einmal pro Jahr zusammen, stellen fest, dass das Sanierungsziel noch nicht erreicht ist und gehen wieder auseinander.

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BZ: Das heißt: Von dem Brandplatz gelangen noch heute chemische Substanzen, 2,5 bis 3,5 Kilogramm pro Jahr, ins Grundwasser?
Forter: So ist es. Und zwar deshalb, weil Sandoz eine Auffangwanne nicht gebaut hat, die das Unternehmen ursprünglich hätte bauen sollen. Dafür hat sie die Schweizerhalle-Deponie unter einer 58 Zentimeter dicken, 95 Meter langen und 55 Meter breiten Betonplatte begraben.
BZ: Was gelangt denn da ins Grundwasser?
Forter: Das kann niemand genau beantworten. Der Inhalt der Deponie wurde nie richtig untersucht. Man hat von Anfang an nur nach einem guten Dutzend Schadstoffen gesucht. Dabei hat man sich orientiert an dem, was in den Hallen gelagert wurde. Aber erstens lagerten dort nicht nur Agrochemikalien, sondern sehr viele weitere chemische Substanzen. Und zweitens war das Inferno von 1986 eine unkontrollierte Verbrennung. Bei einer solchen unkontrollierten Verbrennung entstehen unzählige neue Schadstoffe. Im Grundwasser haben Behörden sowie Novartis & Co. in den vergangenen Jahren aber nur nach einem Stoff gesucht, nämlich nach Oxadizyl. Man müsste aber erst einmal in der Deponie suchen, welche unbekannten Substanzen bei dem Brand entstanden sind, ehe man im Grundwasser sucht.
BZ: Man müsste also eine Probe entnehmen und analysieren, um zu wissen, wonach man suchen muss?
Forter: Ganz genau. So würde klarer, was für Schadstoffe austreten.
BZ: Unmittelbar neben dem Brandplatz wird Trinkwasser gefördert. Wurden schon Spuren dieser chemischen Substanzen im Trinkwasser nachgewiesen?
Forter: Nicht vom Brandplatz. Das liegt wohl aber auch daran, dass der Brunnen nur mit einem Drittel seiner normalen Kapazität schöpft. Denn man fürchtet, dass bei einer normalen Schöpfmenge ein Sog entsteht in Richtung des Brandplatzes und dann Grundwasser zu den Trinkwasserquellen fließt. Aber daran erkennt man, dass die Behörden selbst der Sache nicht ganz trauen.

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Autor: Franz Schmider