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03. Juli 2012 08:18 Uhr

Debatte nach EM-Aus

Bundestrainer Joachim Löw steht in der Kritik

Plötzlich ist sie da, die Kritik. Ist Joachim Löw, der Bundestrainer aus Freiburg, noch der richtige Mann für den deutschen Fußballstolz, die Nationalmannschaft? Muss das Gras wieder brennen?

  1. Fußballspiele können auch mal verloren gehen: Joachim Löw Foto: dapd

Die ist bei der Europameisterschaft zum Entsetzen ihrer Anhänger im Halbfinale an Italien (1:2) gescheitert. Etwas sang- und klanglos dazu. Und das nach überzeugenden Auftritten mit drei Siegen in der Vorrunde und einem ebenso gefälligen Erfolg (4:2) gegen die Griechen im Viertelfinale.

Hat womöglich der Trainer mit seiner gewagten Aufstellung die Sache verbockt? Hat das sein müssen mit der Karikatur Podolski, der neuerlichen Hereinnahme von Stürmer Gomez und dem Festhalten an dem objektiv nicht in Bestform agierenden Schweinsteiger?

Es ist vieles gut und glatt gelaufen in den vergangenen Jahren. Löws Elf spielte einen ansehnlichen Fußball, geprägt von einer neuen Generation an selbstbewussten Kickern. Nur rennen und kämpfen ist nicht mehr, viel Tempo hat Einzug gehalten ins deutsche Spiel, hohe technische Kompetenz dazu. Die Mannschaft zeigte plötzlich Spielzüge zum mit der Zunge schnalzen, die Konkurrenz war beeindruckt, die Medien begeistert – der Fan begann zu träumen. Von Siegen und Titeln, die man seit der gewonnenen Europameisterschaft 1996 so sehnlich vermisst.

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Dass es soweit kam, ist nicht zuletzt Joachim Löws Verdienst. Der löste nach der WM 2006 Jürgen Klinsmann als Trainer ab, dem er bis dahin als Assistent zur Seite stand. Wie kein Trainer vor ihm prägte Löw den Spielstil der Nationalmannschaft, entsprechend hoch war sein Ansehen. Dementsprechend fest saß er auf seinem Stuhl. Und wird auch weiterhin auf ihm sitzen bleiben, denn es gibt – so ehrlich sollte man sein – keine Alternative.

Löw ist ein eigenwilliger Kopf, ein Querdenker. Einer, der ein Konzept hat, eine Position. Löw stellt Mannschaften nicht nach Tugenden auf, schon gar nicht nach typisch deutschen. Und ob ein Spieler vor dem Anpfiff inbrünstig die Hymne singt, ist ihm wahrscheinlich total egal. Tut er’s, ist’s recht. Tut er’s nicht, und dafür kann es Gründe geben, ist’s auch okay.

Man kann und darf zu der Ansicht gelangen, dass Löw in Polen vor dem Spiel gegen die Italiener womöglich die Sache mit der Intuition etwas überreizt hat. Und ob es glücklich war, der Bild-Zeitung seine Hände zum Abfotografieren vor die Linse zu halten, darf auch bezweifelt werden. Zumal sich diese dann als alles andere als glücklich herausstellten. Wie überhaupt der Boulevard und die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten hinterher in beeindruckendem Tempo die Balance verloren. Der Guru und Heilsbringer wurde im Handumdrehen zur Pfeife der Nation, weil seine Mannschaft und er nicht geschafft hatten, den in sie projizierten Erfolg auch wahr werden zu lassen. Frei nach dem Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Da spricht dann nicht mehr der Verstand, da agiert nur noch pure Emotion. Enttäuschung dazu.

Löw hat sein sprichwörtliches Glück schlicht überstrapaziert. In der Hoffnung, es möge wieder gelingen, was schon so oft gelungen war. Und er vertraute dabei auf die vermeintliche Ausgeglichenheit seines Kaders. Ein Fehler, der ihm sehr wohl bewusst ist und der ihm vermutlich so schnell nicht wieder passieren dürfte.

Gleichwohl hat’s die interessierte Fußball-Öffentlichkeit natürlich "schon immer gewusst". Angestachelt von einschlägigen Medien und Experten der alten Schule kocht jetzt die Diskussion darüber hoch, ob nicht bestimmte Elemente wieder Einzug halten sollten im Leben der Nationalmannschaft. Die typisch deutschen Tugenden also, denen auch der neue Sportchef beim FC Bayern München, Matthias Sammer, so gerne huldigt; Ärmel hoch, grätschen, das Gras muss brennen. Der gebürtige Dresdner war Kapitän jener Europameister-Mannschaft, die 1996 in England letztmals einen Pokal für die Vitrinen des Deutschen Fußball-Bundes gewann. Der 44-Jährige, zuletzt Sportdirektor beim DFB und stets mit markigen Sprüchen präsent, soll die Mannschaft der Münchner nach der total verkorksten Spielzeit 2011/12 (Zweiter in der Bundesliga, Endspiel in der Champions-League verloren) wieder auf Vordermann bringen. Dafür werden Strukturen zerschlagen, Konzepte über den Haufen geworden. Weil Präsident Uli Hoeneß Verlierer nicht leiden kann, für ihn nur der Erfolg zählt. Aber die Frage sei erlaubt: Wo bleiben die Lehren aus den Fällen Klinsmann und van Gaal?

Sollte also der DFB jetzt auch mit Löw so verfahren? Präsident Niersbach wird das nicht tun – und das ist gut so. Man wird zwar über Löws Konzepte reden, seine Eigenwilligkeit und Verbissenheit dazu, ihn aber weiter machen lassen. Weil Löw auf dem richtigen Weg ist. Trotz des Ausscheidens gegen Italien: Lange nicht mehr waren der Ruf und die Qualität dieser Mannschaft so gut und hoch. Vielleicht wird man hierzulande wieder lernen müssen, dass man ein Fußballspiel auch verlieren kann – und die Welt darob nicht untergeht.

Autor: Michael Dörfler