Fernziel: Haus der Freiburger Chöre

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Fr, 19. Oktober 2018

Klassik

Gemeinsames Portal, gemeinsame Interessen: Der neue Verein "Chorstadt Freiburg".

Vielstimmigkeit ist eine Kunst in der Musik, die zu beherrschen nicht zuletzt ein hohes Maß an Miteinander voraussetzt. Das gilt aber ebenso für die Einstimmigkeit. Erst recht über die Musik hinaus. Der neu gegründete Verein "Chorstadt Freiburg" hat sich beides zum Ziel gesetzt: die Vielstimmigkeit der Freiburger Chorszene zu pflegen – und mit einer Stimme zu sprechen, wenn es darum geht, den künstlerischen Interessen des Ensembles ein Portal zu bereiten.

Das mag zunächst verwundern. Denn am Tisch des im Sommer gegründeten Vereins sitzen immerhin 15 Mitglieder – 15 Ensembles vom Profi- bis zum Laienchor mit ganz unterschiedlichem Repertoire, vom A-cappella-Ensemble bis zum großen Chor. Dahinter lassen sich ganz heterogene Interessen vermuten, nicht zuletzt, wenn es um die städtische Chorförderung geht. Doch Bernhard Schmidt, Leiter des John-Sheppard-Ensembles und Beisitzer im Gründungsvorstand, wehrt ab. Zunächst gehe es schlicht um die Frage des gemeinsamen Nenners: "Das Feindbild sollte nicht der Chor von nebenan sein."

Zu einer solchen Form von Solidarität trug wesentlich das erfolgreiche Format der gemeinsamen Freiburger Chornacht bei, die nach dem Karlsruher Vorbild in diesem Sommer zum dritten Mal stattfand. Die Resonanz in der Öffentlichkeit ist groß – die Einzigartigkeit der Chorlandschaft in Freiburg wurde als Kapital erkannt. Corinna Weingärtner vom Vokalensemble Twäng und erste Vorsitzende des neuen Vereins unterstreicht die Gemeinsamkeiten: Ohne Partner werde es langfristig sowieso nicht gehen.

So formuliert "Chorstadt Freiburg" auch eine ganze Reihe kollektiver Ziele. Kurzfristig, voraussichtlich bis Januar, soll eine gemeinsame Internetpräsenz aller Freiburger Chöre mit Chorporträts und einem gemeinsamen Konzertkalender entstehen. Chor- und spartenübergreifende Projekte hat man ebenso im Visier wie die zukünftige Trägerschaft und Geschäftsführung der Freiburger Chornacht. Dafür bedarf es kommunalpolitischer Unterstützung – ein Antrag auf institutionelle Chorförderung ist gestellt.

Denn natürlich ist eine weitere Vernetzung aller "chormusikalischen Akteure" ein Ziel, das größere, auch interkulturelle Projekte, etwa zum Stadtjubiläum 2020, realisieren lässt. Im Visier sind auch mittelfristig der Aufbau einer gemeinsamen Infrastruktur, die Erhöhung eingefrorener Zuschüsse für chormusikalische Projekte oder Fortbildungen. Fernziel wäre ein gemeinsames Dach: ein eigenes Freiburger Chorzentrum.

Das klingt nach Zukunftsmusik, wenn nicht gar Science-Fiction. Aber Weingärtner und Schmidt finden ein gemeinsames Haus der Freiburger Chöre nicht so abwegig. Auch bis zum Literaturhaus sei es kein einfacher Weg gewesen – aber der lange Kampf habe schließlich zum Erfolg geführt. Eine neue Organisationsstruktur sehen beide auch als dringend notwendige Reaktion auf eine sich rasch verändernde Gesellschaft. Zwar verstehe sich auch der Badische Chorverband als Dach für Chöre, doch gehe es darum, aktiver auf das Publikum von morgen zuzugehen. Oder neue Mitstreiter und -sänger zu gewinnen – schichten- und altersübergreifend. Dazu bedürfe es neuer Wege, über das bestehende Verbandswesen aus der Gründungszeit der Bundesrepublik hinaus. Schmidt formuliert es so: "Die Strukturen von früher bieten keine Antworten auf die Fragen, die heute gestellt werden."