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19. Juli 2012 20:57 Uhr

Hintergrund

Festival landet vor Gericht: Was geschah bei der Sea of Love 2011?

Die Sea of Love ist am vergangenen Wochenende mit neuem Veranstalter ohne Probleme am Tunisee über die Bühne gegangen. Über das Sommerfestival am 16./17. Juli 2011 ist dagegen das letzte Wort noch nicht gesprochen.

  1. Rund 25000 Besucher füllten im vergangenen Jahr das Festivalgelände am Tunise Foto: dpa

Festivalgründer und damaliger Organisator Bela Gurath wird kommende Woche Klage bei Gericht einreichen, um von unabhängiger Seite ein neutrales Urteil über die Ursachen der Pannen einzuholen. Gurath erhofft sich davon eine Rehabilitierung. Er bedauert die eigenen Fehler, erhebt aber erneut schwere Vorwürfe gegen Stadt und Polizei.

Mehrere hundert Seiten stark sind die Akten, in denen sich alle Anträge, Genehmigungen, Vermerke, Mails und Stellungnahmen von allen Beteiligten sammeln, auf die Bela Gurath seine Hoffnung setzt. Der 43-Jährige ist überzeugt, dass vor Gericht eine andere Wahrheit zur Sea of Love ans Licht der Öffentlichkeit kommt. "Der Veranstalter ist geteert, gefedert und ins Schaufenster gestellt worden", sagt Guraths Anwalt Alexander Simon.

Die Stadtverwaltung habe mit dem Ausschluss von Gurath und Endless Event von der Organisation von Großveranstaltungen zu einem "scharfen Schwert" gegriffen. Der Jurist wundert sich: etwa über die Pressekonferenz, welche Stadt und Polizei am Montag, 18. Juli 2011, nur 12 Stunden nach Ende des Festivals angesetzt hatten; und bei der sie alle Schuld dem nicht eingeladenen Veranstalter zuschoben, weil der reihenweise gegen Sicherheitsauflagen verstoßen hätte.

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"Das hätte ich mich an Stelle der Stadt nicht getraut", so Simon über die schnelle Bilanz der Behörden. Als er danach Akteneinsicht verlangt habe, sei er zweieinhalb Monate vertröstet worden – mit dem Hinweis, die Akten müssten noch aufgearbeitet werden. Und Simon beklagt, dass ein mehrfach erbetener Termin mit allen Beteiligten in einer kleinen Runde mit dem stellvertretenden Ordnungsamtsleiter Martin Schulz und einer Mitarbeiterin gemündet habe – und das auch erst vier Monate nach dem Festival. Für ihn habe sich die fehlende Gesprächsbereitschaft durch die ganze Vorbereitungszeit des Festivals gezogen, so Gurath. Zum Beleg für seine These legt er E-Mails vor, wonach ihm trotz mehrfacher Nachfrage erst neun Tage vor dem Festival, der Einsatzleiter der Polizei benannt worden sei: "Ein Unding, bei so einer großen Veranstaltung." Sein Vorwurf: Im vergangenen Sommer sei bei den Behörden alles auf den Papstbesuch fokussiert gewesen, die Sea of Love lief nebenher. So fehlte etwa die Polizei bei der Endabnahme vor dem Festival, sah sich aber durch die Polizeibehörde, also das Amt für öffentliche Ordnung, vertreten.

Die Behörden monieren, dass der Veranstalter das geforderte Sicherheitskonzept erst vier Tage vor dem Event vorgelegt habe. Die Genehmigung fürs Festival sei von der Stadt am 12. Juli verschickt worden, weil die Organisatoren immer wieder Änderungswünsche angemeldet hätten, so die Stadt. Es sei da nur um marginale Dinge gegangen, behauptet die Gegenseite. Vier Hauptstreitpunkte haben sich herauskristallisiert:

DAS VERKEHRSCHAOS
Bei der Sea of Love 2011 läuft schon am Freitag bei der Anreise zum Festival-Campingplatz an der Messe alles schief, wie sich in den Akten nachlesen lässt. Die Veranstalter verschätzen sich kolossal. Sie haben nur 50 Prozent der angemeldeten Camper an diesem ersten Tag erwartet. Tatsächlich kommen alle 7000 (oder sogar viele mehr) – und auch noch in etwa zur gleichen Zeit. Die anrückenden Camper-Massen treffen auf ein zeitraubendes, umständliches Anmeldesystem. Die Folge ist ein Verkehrskollaps mit Staus bis spät in den Abend hinein. "Der Veranstalter hätte dies aufgrund der Anmeldungen erkennen müssen", so die Stadt. "Es hätte an der Messe drei Erfassstellen geben müssen, nicht nur eine mit drei bis vier Ordnern", steht im Bericht der Polizei. Die wird aber auch kalt erwischt – und versucht mit einer einzigen Streife den rund um die Messe und sogar auf der Westrandstraße bis zum Zubringer-Mitte stehenden Verkehr wieder flott zu bekommen. "Bei SC-Spielen hilft die Polizei doch auch, warum nicht hier?" fragt Organisator Gurath. Bei der Polizei hält man dagegen, dass hier der Veranstalter mit seinem Ordnungspersonal hätte eingreifen müssen. Es habe an Ordnern gefehlt. Und, die, die da waren, seien "uninformiert und desorientiert gewesen", steht in einem Aktenvermerk.

GEDRÄNGE AN DER HALLE
Die stundenlangen Staus und das Anmelde-Chaos setzen den Besuchern zu. Nachts, um Mitternacht herum, wird die Stimmung aggressiv, als bei der angesetzten Sea-of-Love@Night niemand mehr in die bereits volle Messehalle gelassen wird. Es entsteht Gedränge. "Es hat eine kritische Situation gegeben, aber niemals eine Massenpanik", schildert Organisator Gurath seine Sicht. Die Polizei, die dem eigenen Abschlussbericht zufolge mit einem Großaufgebot von 128 Mann von einer Demo in der Innenstadt nach einem Hilferuf des Veranstalters anrückt, spricht später in ersten Berichten von 2000 Menschen, die sich vor der Halle gedrängt haben sollen. Gurath will nur 300 Leute gezählt haben. Die Polizei korrigiert sich später nach unten. Im Bericht findet sich die Zahl von rund 1100 Fans. "Wir können das durch Videoaufnahmen belegen", sagt Polizeisprecher Karl-Heinz Schmid. Unter dem Notruf 110 gehen bis 0.35 Uhr vier Notrufe von Menschen aus dem Gedränge ein: Weil der Veranstalter, wie es in den Akten heißt, lediglich ein Spielzeugmegafon zur Hand hat, setzt die Polizei ihr eigenes Megafon ein. Sie lässt aus Sicherheitsgründen den Platz vor der Halle räumen. Aus der verärgerten Menge fliegen vereinzelt Flaschen.

A5-ÜBERQUERUNG
Am Tunisee, dem Hauptort des Festivals, gibt es dann am folgenden Abend eine noch heiklere Situation. Vor einer Unterführung nahe der Autobahnmeisterei in Hochdorf-Benzhausen hat sich nach 23 Uhr ein Rückstau gebildet, weil ein Krankenwagen zu einem Notfall gerufen wurde. Dieser stellt sich als Fehlalarm heraus. Doch der Rückstau sorgt für Wartezeit. Die wollen mehrere Besucher – die Rede ist von acht – umgehen, in dem sie die steile Böschung hinaufklettern und bei Dunkelheit die Autobahn A5 überqueren. Am Mittelstreifen sammelt sie die Polizei ein. Für die Stadtverwaltung steht fest: Es habe an Ordnern, an der vorgegebenen Beleuchtung und Absperrgittern gefehlt. Eine Ordnerin sei noch an Ort und Stelle gewesen, dann aber abgetaucht, als die Lage brenzlig geworden sei. "Die Situation mit dem Rettungswagen war so nicht vorhersehbar", sagt Bela Gurath heute. Es hätten weder Ordner noch Absperrungen gefehlt. Die Stadt selbst hätte die Aufbauten und die Beleuchtung so abgenommen, was in einer Aktennotiz so auch festgehalten ist. Eine Frage vor Gericht wird auch sein: Hätte die Unterführung überhaupt Teil des Weges zum Festival sein dürfen? In diesem Jahr hat man einen anderen Zu- und Abgang gewählt.

KEIN GRATIS-WASSER
Ein schweres Versäumnis sieht die Verwaltung auch darin, dass der Veranstalter nicht wie verlangt Gratis-Leitungswasser an die Fans abgegeben hat. Diese Auflage hat die Stadt auf mehrfache Aufforderung des Leitenden Notarztes Frank Koberne in ihre Genehmigung geschrieben. Damit soll einer Dehydrierung von Besuchern vorgebeugt werden. Anfang Mai steht das Thema im Raum. Dass die Wasser-Bereitstellung Pflicht ist, wird den Festivalmachern aber erst in einem Schreiben vom 27. Juni mitgeteilt, bei dem insgesamt 16 Punkte angesprochen werden.

In einer Mail der Organisatoren an die Stadt zwei Tage später heißt es, es gebe keine Möglichkeit für Gratis-Trinkwasser auf dem Gelände. In der folgenden Antwort geht die Verwaltung auf diverse offene Fragen aus dem 16-Punkte-Schreiben ein, die Trinkwasserfrage bleibt unerwähnt. Gurath hält die Sache eigenen Angaben nach daher für erledigt. Die Stadt bringt laut Akten das Thema eine Woche vor dem Festival bei einem Ortstermin aber noch einmal aufs Tapet. Gurath soll kurz davor in einem Telefongespräch deutlich gemacht haben, dass er aus betriebswirtschaftlichen Gründen Wasser nicht kostenlos abgeben könne. Die Wasser-Forderung wird aber Teil der endgültigen Erlaubnis vom 12. Juli für das Festival.

Am Ende sieht die Stadt im fehlenden Gratis-Trinkwasser einen schwerwiegenden Auflagenverstoß. Den dadurch höher ausfallenden Mineralwasserumsatz will sie vom Veranstalter wieder abschöpfen. Aus dem geschätzten Wasserverkauf errechnet sich die Strafe von 100 000 Euro. Die Schätzung, wehrt sich Bela Gurath, übersteige die tatsächlich verkaufte Menge um zwei Drittel.
Die Akte "Sea of Love"

Die Sea of Love ist ein Sommerfestival für elektronische Musik, das seit zehn Jahren am Tunisee nahe Freiburg veranstaltet wird. Im vergangenen Jahr traten Weltstars wie David Guetta auf, die rund anjedem der beiden Festivaltage rund 25 000 Fans an den See lockten. Veranstalter war damals die Mehr Seen GmbH mit Bela Gurath an der Spitze, der auch Geschäftsführer der Agentur Endless Event ist. Zum Jubiläum der zehnten Sea of Love gab es damals auch Nachtveranstaltungen in den Hallen der Messe Freiburg mit Discjockeys – eine im kleineren Rahmen am Freitag, 15. Juli 2011, und eine größere mit rund 13 000 Besuchern am Samstag darauf. Unter anderem sorgte ein Wirrwarr wegen Zusatztickets für Ärger bei den Fans. Auf dem Messegelände war auch der Festivalcampingplatz für 7000 Camper eingerichtet.

In diesem Jahr hat die Koko & DTK Entertainment das Festival ausgerichtet, nachdem die Stadt die bisherigen Veranstalter gesperrt hatte. Je 15000 Besucher haben am Samstag und Sonntag am Tunisee gefeiert.

Autor: Joachim Röderer


2 Kommentare

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Egon Mayer

Registriert seit: 30.06.2010

Kommentare: 1485

19. Juli 2012 - 22:01 Uhr

Wie man es dreht und wendet, es scheint als sei die Stadt ein genauso unorganisierter Hühnerhaufen wie Endless Event...

Müssen erst die Profis von Koko kommen und den beiden zeigen, wie es geht.

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Harald Meierhofer  

Harald Meierhofer

Registriert seit: 12.09.2011

Kommentare: 2115

19. Juli 2012 - 23:47 Uhr

Ich vermute mal, dass es KoKo ziemlich leid getan hat, einen lokalen Konkurrenten zu verlieren. Wo man doch so gut mit den ganz Grossen (SWR3) klüngeln kann...

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