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06. Dezember 2008

Forschen im Rohbau

Was macht eigentlich die Exzellenzinitiative? Ein Baustellenbesuch an der Freiburger Universität / Von Michael Brendler

  1. Die Stunde Null: Am 19. Oktober 2007 feierte die Universität Freiburg ihre Auszeichnung als Eliteuniversität. Foto: sasse

  2. Zellen live und leuchtend auf dem Bildschirm: das neue Zeiss-Mikroskop der Bioss-Forscher. Foto: Thomas Kunz

Der erste Kandidat ist ein Russe. Etwas linkisch hantiert er zunächst an seinem Apple-Computer herum. Ersetzt den einen Pfeil in der Powerpointfolie hier durch einen anderen dort. Verschiebt noch eine Grafik um ein paar Millimeter nach rechts. Alles Übersprungshandlungen natürlich, wie der Psychologe sagen würde, aber irgendetwas muss man ja machen, wenn man in einem Saal steht, noch nicht loslegen darf und trotzdem schon von 20 Zuhörern kritisch gemustert wird. Menschen, die nach dem Vortrag den Daumen heben oder senken werden und damit über das eigene berufliche Schicksal entscheiden. Ziemlich viele Richter für ein Bewerbungsgespräch also und dass sich auch Professoren eingefunden haben, ist ebenfalls nicht dazu angetan, dem Bewerber die Nervosität zu nehmen.

Schließlich haben Uhr und Dekan ein Einsehen und Ralf Reski steht auf, stellt Viktor Sourjik vor und das Rennen um die neue Freiburger Professur für Synthetische Biologie ist eröffnet. Sieben vom großem Karrieresprung träumende, junge Wissenschaftler gehen an den Start. Allein um dort hinzukommen, haben sie in einem harten Ausscheidungswettkampf 31 Bewerber durch ihre besseren Fachartikel, höher dotierten Forschungspreise oder fleißiger eingeworbenen Forschungsgelder ausstechen müssen. Nun sollen sie beim so genannten Vorsingen in einer Vorlesung für sich werben.

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108 Millionen Euro hat die frisch gekürte Elite-Universität im Exzellenzwettbewerb gewonnen. Die müssen nun angelegt werden. In vier Jahren soll der nächste Wettbewerb ausgeschrieben werden. Bis dahin gilt es wissenschaftlich nach vorne zu kommen, um 2012 nicht das Nachsehen zu haben.

Weil in der Wissenschaft die Technik wenig und die hellen Köpfe fast alles sind, soll das Geld nun vor allem in eben solche Köpfe investiert werden. Allein dem Lehrstuhl Biologie fallen auf diese Weise zwei neue Professuren zu. Zusammen mit dem Max-Planck-Institut für Immunbiologie, der Fakultät für Chemie, Pharmazie und Geowissenschaften, der Fakultät für angewandte Wissenschaften, der Medizin und vier weiteren Fakultäten und Forschungsinstituten ist man Teil des Exzellenzclusters Bioss. In diesem Forschungsnetzwerk versucht man die Tricks und Techniken zu verstehen, mit denen sich die Zellen untereinander verständigen, und begreifen, wie sie diese Botschaften im Zellinneren weiter kommunizieren. Geschätzte 6,5 Millionen Euro werden allein an Bioss im Rahmen der Exzellenzinitiative ausgeschüttet.

Aber trotz neuen Reichtums und zukunftsweisenden Forschungsprojekts rennen selbst der frisch ernannten Elite-Uni die potenziellen Nobelpreisträger nicht die Bude ein. Der Russe Sourjik mag sich in noch so breitem texanischen Englisch an den Folien entlanghangeln – er kommt eben doch nur aus Heidelberg und nicht aus Harvard. Auch wenn seine Pläne von Bakterien, die er genetisch zu Spürhunden umprogrammieren möchte, schon nach vorderster Forschungsfront klingen.

"Das Schwierige ist, die neuen guten Leute zu bekommen", sagt der Sprecher des Exzellenzclusters, der Max-Planck-Immunbiologe Michael Reth. "Fertige Star-Professoren und Nobelpreisträger locken sie hier nicht nach Freiburg – die müssen Sie sich selbst backen." Und auch die Talente wollen umworben sein. "Mein Vertrag ist momentan befristet, für mich kommen jedes Jahr zehn Stellen in Frage", sagt ein Bewerber, der ungenannt bleiben möchte. "Da kann ich nicht so wählerisch sein. Ich bewerbe mich auf alles, was in Frage kommt." Schlechter ausgestattet als eine normale Uniprofessorenstelle, nicht besser bezahlt als ein Anfängerposten in der Industrie – Begeisterung für einen neuen Job klingt anders. Und was erst, zweifelt der Wissenschaftler, wenn das Exzellenzprogramm nach insgesamt fünf Jahren ausläuft und kein Fördergeld mehr fließt?

Hier hat sich der Bewerber offensichtlich schlecht informiert. Schon vor dem Sieg im Wettbewerb hatten die Freiburger den Juroren erklären müssen, wie sie die neuen Professuren "verstetigen" wollen, wie es im Fachjargon heißt. Wie also den jungen Hoffnungsträgern auch nach der Förderzeit eine feste Stelle gesichert werden soll. Für den neuen Professor für synthetische Biologie wird der Lehrstuhlinhaber für Biochemie aus Altersgründen seinen Platz räumen. Der zukünftig neu einzustellende Professor für funktionelle Proteomanalyse profitiert davon, dass demnächst der Lehrstuhlinhaber für "Biochemie der Pflanzen" emeritiert wird. "So nutzen wir die Neubesetzung gleichzeitig für eine Neuausrichtung der Fakultät", sagt der ehemalige Dekan Ralf Reski.

Erschwerend kommt noch hinzu, dass sehr gute Kandidaten nicht nur von acht weiteren Elite-Unis und 36 Exzellenzclustern umworben werden – allein diese haben bis jetzt schon laut DFG mehr als 1600 Stellen geschaffen – , sondern von der ganzen Welt. Eine amerikanische Hochschule muss heute nicht mehr wie der FC Bayern Talentsucher ausschicken. Die Talente präsentieren sich ohnehin in den angesehenen unter den Fachzeitschriften selbst. Wer dort keine Forschungsergebnisse veröffentlicht, hat ohnehin keine Karrierechancen.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG und der Wissenschaftsrat haben diese Woche einen Zwischenbericht vorgelegt, wie es um die Exzellenzinitiative im Jahr drei in Deutschland bestellt ist. Eine Frage an die Gewinner des Wettbewerbs war, inwieweit die Cluster mit ihren neuen Angestellten zufrieden sind. Bei rund 40 Prozent der Neuprofessoren oder eingestellten Nachwuchswissenschaftler waren die Arbeitgeber mit der Qualifikation nur teilweise oder gar nicht zufrieden. "Nahezu alle geförderten Universitäten berichten, dass sich die Rekrutierung herausragenden Personals aufgrund der starken Konkurrenz gelegentlich als nicht ganz einfach erweisen kann", sagt Beate Konze-Thomas, die bei der DFG die Exzellenzinitiative betreut. Auch der Zwischenbericht spricht von Schwierigkeiten bei der Rekrutierung in nahezu allen Unis. In Freiburg scheint man trotzdem zufrieden: "Wir haben die Chance auf sehr erfahrene, etablierte Leute", sagt Reth. "Es sieht sogar bei einem Topwissenschaftler sehr gut aus. Jetzt müssen sie nur noch kommen und sich nicht doch noch für ein Konkurrenzangebot entscheiden."

Tilman Brummer ist gekommen und er weiß auch genau warum. In Freiburg möchte der Biologe nun verstehen lernen, warum der B-Raf-Signal-Weg der einen Zelle sagt, dass sie sich als Krebszelle immer weiter teilen soll, der anderen dagegen nur befiehlt, sich in eine Nervenzelle umzuwandeln. "Nur wenn das vollständig verstanden ist, können wir mit Medikamenten gezielt in solche Signalnetzwerke eingreifen", so Brummer. Ihn habe vor allem das zukunftsträchtige Forschungsgebiet gelockt, sagt er. Und dass man mit anderen gemeinsam etwas aufbauen könne.

Auch das steht außer Frage. Momentan haust Bioss noch zur Untermiete im Zentrum für Biosystemanalyse. In dem nagelneuen Gebäude war noch ein Flügel frei, der für die neuen Mitarbeiter genügend Platz bot. Bis der Personalstamm auf die angestrebte Gesamtzahl von 100 aufgestockt ist, muss das neue Gebäude fertig sein. Bis 2011 soll es für zwölfeinhalb Millionen Euro in der Nachbarschaft entstehen.

Ein Rundgang mit Brummer durch den hellen Glasbau führt immer wieder vorbei an halbleeren Laborräumen, in denen Mitarbeiter fasziniert vor nagelneuen Geräten sitzen, umgeben von nur teilweise ausgepackten Pappkartons und aufgerissenen Plastikfolien. "Wow, ein HPLC" entfährt es auch Brummer angesichts des frischen Hochleistungsflüssigkeitschromatographen. Die Investition von 90 000 Euro wird demnächst dafür sorgen, dass viel Zeit und Material spart , weil er nur noch einen statt zehn Tage auf seine Eiweiße warten muss. "Die ersten fünf Monate haben wir gebraucht, um überhaupt eine Verwaltung aufzubauen. Im März haben wir die ersten wissenschaftlichen Stellen ausgeschrieben. Im Januar kommen die neuen Professoren", sagt der Bioss-Sprecher Reth. Im Sommer 2009, spätestens im Herbst, sei man vom Personalstand her endgültig "ready to roll". In der Zwischenzeit wird in den beteiligten Instituten geforscht. "Sie haben einen mittelständischen Betrieb vor sich, der aus dem Nichts entsteht", sagt der Immunbiologe. Die DFG schätzt, dass es im Schnitt zwei Jahre braucht, bis bei den deutschen Exzellenzclustern "die Forschungsaktivitäten ihren vollen Umfang erreichen".

Weil der lärmende Betrieb einer Massenuniversität sich damit nicht immer verträgt, hat die Freiburger Exzellenzuni den Ausstieg zum Programm gemacht. Die vier Schulen des Freiburg Institute for Advanced Studies laden Wissenschaftler aus aller Welt zu einer Auszeit ein und wollen ihnen den ersehnten Freiraum zum Forschen verschaffen. Die historische Schule hat sich gleich ganz an den Stadtrand ins ehemalige Freiburger Gesundheitsamt zurückgezogen. In einen ungepflegten 70er-Jahrebau, mit DIN-genormten-Teppichböden, abgebrochenem Türgriff an der Toilettentür, schmucklosen Büromöbeln, aber neuen Computern und wenig Ablenkung. Der einzige Ton, der morgens um 9 Uhr auf dem Flur zu hören ist, ist das rauchige Italienisch des Kollegen am Telefon. "Wir möchten hier eigentlich gar nicht mehr weg", sagt Direktor Ulrich Herbert, "Es ist klasse, so ruhig." Sie werden müssen. Auch für die Historiker wird eine Villa renoviert.

19 Doktoranden, Postdoktoranden und Professoren forschen hier momentan als so genannte Fellows bis zu eineinhalb Jahre lang über den Jazz im Ostblock, die Geschichte Jugoslawiens oder den Kolonialkriegen. 80 Fellows sollen es im Frias insgesamt werden. Wobei Forschen in diesem Fall heißt: Lesen, diskutieren, in Archiven stöbern und Bücher schreiben. Das Konzept kommt an: "Tolle Arbeitsbedingungen", schwärmt der Italiener Gustavo Corni aus Trient, trotz alten Büroholzschranks, Waschbecken und Seifenspender in der Zimmerecke. Gute Bibliothek, hervorragende Kontakte und interessante Kollegen, brummt der bärtige Mann und dabei schaukelt die Lesebrille vor der Brust. "Gucken Sie mal", und zeigt auf eine junge Studentin im Flur, "da kommt meine Hiwi. Eine Hilfskraft, die die Bücher holt – so was haben wir in Italien nicht."

Ein paar hundert Meter weiter ist der Abnabelungsprozess der jungen Elite-Institute von der ehrwürdigen Mutter-Universität bereits ein Jahr weiter fortgeschritten. "Wir liegen sehr gut im Plan", weiß ein zufriedener Direktor der Spemann Graduate School of Biology and Medicine, Christoph Borner zu berichten. 75 bis 80 Prozent des Antrags seien bereits umgesetzt, sechzig von 100 gesuchten Studenten brüteten bereits über ihren Doktorarbeiten. Exzellent seien diese jungen Leute alle. Nur die Uni sei es nicht. Genauer gesagt ihre Verwaltung. "Lahm", "langsam" – mit der Buchhaltung der Albert-Ludwigs-Universität ist der Schweizer Zellforscher überhaupt nicht zufrieden. "Es hat zwei Jahre gebraucht, bis wir endlich mal erfahren haben, wie viel Geld wir besitzen", schimpft er. "Die Schule, das Cluster oder das Frias mögen jetzt schon in manchem exzellent sein – die Universität muss es erst noch werden."

Autor: Michael Brendler