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16. März 2011 20:00 Uhr
Energiepolitik
Fragen und Antworten zum Atomausstieg
Derzeit stammt etwas weniger als ein Viertel des hierzulande erzeugten Stroms aus Atommeilern. Wie und wie rasch ist ein Ausstieg möglich? Wie sieht es in Japan und Frankreich aus? Was sollten Privatleute beachten, die keinen Atomstrom mehr wollen?
Gehen hierzulande die Lichter aus, wenn wir alle AKW abschalten?
Nein. In diversen Studien haben Wissenschaftler belegt, dass ein Atomausstieg möglich ist. So rechnete im Jahr 2008 das Umweltbundesamt vor, dass bei einem Ausstieg bis zum Jahr 2020 gemäß dem einstigen Plan der rot-grünen Regierung weiter genug Strom zur Verfügung steht. Nötig sei bis dahin, die erneuerbaren Energien auf 30 Prozent der Stromerzeugung auszubauen, die Kraft-Wärme-Kopplung zu verdoppeln und den Stromverbrauch um elf Prozent zu senken. Eine ähnliche Studie gleichen Tenors stammt vom Wuppertal-Institut. Während der Ausbau der erneuerbaren Energien zügig vorankommt – die jährliche Erzeugung wurde in zehn Jahren von 38 Milliarden auf 102 Milliarden Kilowattstunden gesteigert –, hakt es bei der Energieeffizienz. Der Stromverbrauch stieg in den vergangenen zehn Jahren von 580 Milliarden auf 603 Milliarden Kilowattstunden.
Wie sieht die Stromversorgung ohne Atomkraft aus, wenn man den Klimaschutz ernst nimmt?
Neue Kohlekraftwerke würden das Klima belasten. Daher sollte der Fokus auf den erneuerbaren Energien liegen und auf dem Energiesparen. Die erneuerbaren Energien können nach Branchenschätzungen 2020 rund 278 Milliarden Kilowattstunden Strom liefern. Das wäre mehr als genug, um die Atomkraft ganz zu ersetzen. Bei reduziertem Verbrauch ließe sich auch der Ausstoß des klimaschädigenden Kohlendioxids deutlich senken.
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Aber braucht man die Atomkraft nicht für die Grundlast?
Nein. Grundlastkraftwerke, die rund um die Uhr unverändert Strom einspeisen, vor allem Atomkraft- und Braunkohlekraftwerke, werden durch den zunehmenden Ausbau der erneuerbaren Energien unwichtiger. Es steigt der Bedarf an Mittellast- und Spitzenlastkraftwerken, die flexibel auf die Schwankungen von Sonne und Wind reagieren. Das sind unter den fossilen Kraftwerken vor allem Gaskraftwerke. So erfordert der Ausbau der erneuerbaren Energien aus Sicht der Netzstabilität vielmehr eine Abkehr von den Grundlastkraftwerken.
In welchen Zeiträumen ist ein Ausstieg technisch möglich?
Ein Teil der deutschen AKW lässt sich sofort vom Netz nehmen, ohne dass die Versorgung gefährdet wäre. Das beweist nicht nur die Ankündigung der Bundesregierung, dass sieben alte Meiler rasch vom Netz gehen sollen. Im Juli des Jahres 2009 standen in Deutschland wegen Revisionen und störungsbedingten Abschaltungen zeitweise nur 56 Prozent der installierten AKW-Leistung zur Verfügung, ohne dass es an Strom fehlte.
Wird Deutschland beim Ausstieg zum Stromimportland?
Die Bundesrepublik exportiert heutzutage viel Strom. Die Zahl ihrer Atomkraftwerke könnte von 17 auf 10 sinken, ohne dass sie zum Importland würde. Der Ausbau der erneuerbaren Energien, wie er in den vergangenen Jahren erfolgte, ersetzt pro Jahr etwa ein weiteres Atomkraftwerk.
Deutschland hat schon einige Weichen gestellt Richtung Ende der Atomenergie. Frankreich setzt voll auf Atomenergie. Warum eigentlich?
Im zentralstaatlich organisierten Frankreich war Stromversorgung stets eine Aufgabe des Staatskonzerns EdF. Dezentrale Strukturen wie in Deutschland mit Stadtwerken und Regionalversorgern haben die Franzosen nicht. Da für kleine Firmen Investitionen in die Atomkraft zu teuer sind, hielt sich in Deutschland eine gewisse dezentrale Erzeugungsstruktur.
Wie könnte eine Stromversorgung in Frankreich ohne Atom aussehen?
Auch in Frankreich gibt es Studien, die zeigen, dass das Land ohne Atomkraft versorgt werden kann. Die Organisation Negawatt fand 2006 heraus: Bis zum Jahr 2040 könne das Land, das heute zu 75 Prozent am Atomstrom hängt, umgestellt sein. Die Windkraft mit 142 Milliarden Kilowattstunden, die Wasserkraft (80 Milliarden) und die Photovoltaik (40) könnten eine wesentlichen Anteil leisten. Der Ausstieg könnte demnach klappen selbst bei einem nur minimalen Rückgang des Verbrauchs.
Was weiß man über die Kosten eines Umstiegs?
Verlässliche Kostenberechnungen sind kaum möglich – aus zwei Gründen. Zum einen hängen die Kalkulationen entscheidend von den angenommenen Energiepreisen ab, und diese verändern sich rapide. Der Preis von Solarstrom hat sich binnen fünf Jahren halbiert. Geht das so weiter, ist Strom aus Photovoltaik in einigen Jahren billiger als aus den anderen Quellen. Zugleich hat sich der Ölpreis seit 1998 verzehnfacht. Wer die Kosten einer Energiewende berechnen will, scheitert daran, dass er die weitere Entwicklung der Energiepreise nicht kennt. Hinzu kommt als zweiter Grund, dass alle einschlägigen Berechnungen massiv davon abhängen, welche externen Kosten wie die Entsorgung des Atommülls und mögliche Umweltschäden man mit welchen Beträgen veranschlagt.
Warum hat Japan so stark auf Atomenergie gesetzt?
Japan verfügt kaum über eigene Rohstoffe. Erdöl wird zu 100 Prozent importiert, Erdgas zu 92 Prozent, Kohle zu 75 Prozent. Also setzte Japan auf Atomkraft. Dass auch das Uran vollständig importiert werden muss, spielte in der Debatte keine Rolle – wie so häufig in der Diskussion über Importabhängigkeiten. Zwar fing Japan früh mit der Solarenergie an. Ein Programm für 70 000 Dächer war 1994 das seinerzeit weltweit ambitionierteste Förderprogramm. Eine wirksame Nachfolgeregelung wie das Erneuerbare-Energien-Gesetz in Deutschland blieb aber aus. Auch an die Windkraft traute sich Japan kaum heran, weil die prinzipiell geeigneten Flächen in den Bergen oft schwer zu erschließen sind. Windräder auf dem Meer sind auch eine Herausforderung, da die Wassertiefen rund um Japan schnell zunehmen. Zwar würden sich viele der technischen Probleme meistern lassen, doch Japan wählte die Atomkraft als einfachste Option. Ein Grund war auch, dass Japan zu einer führenden Exportnation von Atomtechnik werden wollte. In jüngster Zeit drängte vor allem Toshiba in diese Branche.
Kann Japan weg von der Atomkraft?
Sicher nicht binnen weniger Jahre, aber langfristig schon. Die Studie "Energy Rich Japan" zum Beispiel, an der das Wuppertal-Institut beteiligt war, zeigte im Jahr 2003, dass Japan ganz aus regenerativen Quellen versorgt werden kann. Wie rasch die Umstellung möglich ist und was sie kostet, verriet die Studie aber nicht.
- Reaktion auf Moratorium: Strompreise steigen
Autor: Bernward Janzing
