Interview mit Wolfram Wette

Gibt es in der Bundeswehr einen braunen Sumpf?

Klaus Riexinger

Von Klaus Riexinger

So, 07. Januar 2018 um 19:09 Uhr

Deutschland

Der Sonntag Der Fall des jungen Offiziers Franco A., der einen Anschlag auf Asylbewerber geplant haben soll, hat eine Diskussion um die Bundeswehr ausgelöst. Der Militärhistoriker Wolfram Wette hält dazu einen Vortrag.

Der Sonntag: Herr Wette, haben wir es mit einem braunen Sumpf zu tun oder war Franco A. ein Einzelfall?

Immer wenn so etwas passiert, wird vom Einzelfall gesprochen. Das teilt die Bundeswehr mit anderen großen Organisationen wie der Kirche oder den Gewerkschaften. Im Fall der Bundeswehr ist es vermutlich auch so. Der Fall Franco A. ist singulär. Was wichtiger ist, ist das Umfeld, in dem das stattfindet. Der französische Schulenkommandeur, bei dem Franco A. eine wissenschaftliche Arbeit schrieb, hat diese als rechtsextrem und rassistisch bewertet und der deutschen Seite gesagt, dass er ihn rauswerfen würde. Die deutsche Seite aber hat abgewiegelt und ihn zum Berufsoffizier befördert. Das ist das Bedenkliche.
Der Sonntag: Beschreiben Sie einmal dieses Bundeswehr-Umfeld.

Als Zivilist muss man sich bewusst machen, dass im militärischen Milieu alles ein Stück weit nach rechts versetzt ist. Was im Militär als konservativ angesehen wird, ist aus Sicht der Zivilgesellschaft rechtsradikal. Wenn man das begriffen hat, kann man manche Vorgängen in der Bundeswehr besser verstehen.
Der Sonntag: Sie haben mit einer Studienbeihilfe der Bundeswehr studiert und hatten auch immer wieder Kontakt zur Bundeswehr. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Ich habe viele Milieukenntnisse sammeln können. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Wir sitzen in einer Runde aus Wissenschaftlern und Offizieren zusammen. Ich erzähle, dass ich gerade an einer Biografie über Gustav Noske arbeite und mich mit der Frage auseinandersetze, wer unter welchen Umständen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht 1919 ermordet hat. Dann sagt ein Oberstleutnant: Sie sprechen von politischem Mord? Das war doch nichts weiter als die Beseitigung von Umweltverschmutzung. Die Runde ging dann auseinander.
Der Sonntag: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat ziemlich überrascht auf den Fall Franco A. reagiert und wollte hart bei der Bundeswehr durchgreifen. Was ist daraus geworden?

Zunächst einmal ist es toll, dass eine Frau als Verteidigungsministerin dem Militär vorsteht. Das gab es noch nie. Und diese Frau hat auch noch die Stirn, gegen Wehrmachtstraditionen vorzugehen. Es gab ja nicht nur den Fall Franco A. Ihr ist der Kragen geplatzt. Ich fand das gut, und habe sie in Artikeln gelobt, weil sie den Mut hat, skandalöse Vorgänge öffentlich zu machen. Sie hat damit bestätigt, was Kritiker seit langem meinen: dass wir in der Bundeswehr ein Strukturproblem haben.
Der Sonntag: Was sich auch bei Kasernennamen feststellen lässt.

Ja. Die Lentkaserne in Rotenburg bei Bremen ist so ein Fall. Frau von der Leyen kam zum berechtigten Schluss, dass der frühere Jagdflieger Helmut Lent keineswegs würdig ist, in der Traditionslinie der Bundeswehr zu stehen. Lent war bekennender Nazi, und er hat zum Endsieg aufgerufen. Die Ministerin stieß aber auf eine immense Gegenwehr: Kommunalpolitik, Offiziere und Soldaten wollten ihren Lent behalten. Da stellt sich die Frage, wie eine solche Mentalität in eine ganze Region reinkommt, dass man einen alten Nazi-Oberst als Namensgeber behalten will. So weit ich weiß, ist das Problem noch nicht gelöst. Das ist bemerkenswert. 1982 hat der damalige Verteidigungsminister Hans Apel einen Traditionserlass herausgegeben, der bis heute gilt. Da steht drin, dass die Wehrmacht nicht traditionswürdig für die Bundeswehr ist. Trotzdem gibt es noch Nazigeneräle als Namensgeber für Kasernen.
Der Sonntag: Wie viel Wehrmachtstradition steckt in der Bundeswehr?

Die Bundeswehr ist von ehemaligen Wehrmachtssoldaten aufgebaut worden. Deshalb steckt die Tradition der Wehrmacht von Beginn an drin, personell und mental. Die Reformer hatten immer einen schweren Stand gegen die Traditionalisten. Mittlerweile hat sich zwar einiges geändert, es gibt aber durchaus Kontinuitäten.

Das Gespräch führte Klaus Riexinger
Vortrag von Wolfram Wette: Rechtsradikale bei der Bundeswehr: Im Geiste der Freikorps, Donnerstag, 11. Januar, 20.15 Uhr, Universität Freiburg, Kolleggebäude I, Raum 1009.