OB-Wahl in Freiburg

Auf den Wahlpartys herrschte Euphorie oder Entsetzen

Frank Zimmermann, Fabian Vögtle, Thomas Goebel

Von Frank Zimmermann, Fabian Vögtle & Thomas Goebel

So, 06. Mai 2018 um 22:53 Uhr

Freiburg

Auf der Wahlparty von Salomon werden Tränen getrocknet, bei Stein und ihren Fans herrscht Zufriedenheit, Horns Jubelfeier wird von einem Angriff unterbrochen. Die Stimmungen des Wahlabends.

Spannung, Schockstarre, Euphorie, Zufriedenheit und kurzzeitiges Entsetzen wegen eines Angriffs auf den Wahlsieger: Viele Emotionen boten die Wahlpartys von Martin Horn, Monika Stein und Dieter Salomon. Stimmungen und Stimmen vom Wahlabend.

Martin Horn verspricht Fairness

Um kurz nach neun herrscht helle Aufregung im Tanzsaal des Friedrichsbaus, die Attacke auf Martin Horn hat die frenetisch-ausgelassene Stimmung gesprengt, der Wahlsieg des 33-Jährigen ist hier vorübergehend nicht mehr Gesprächsthema Nummer eins. Die Polizei ermittelt drinnen im Saal und draußen auf der Straße und sucht Augenzeugen des Angriffs. Laut einer Augenzeugin wurde der Wahlsieger von einem Mann mit der Faust ins Gesicht geschlagen.
OB-Wahl in Freiburg – 2. Wahlgang

Vorläufiges amtliches Endergebnis

Martin Horn 44,3 Prozent
Dieter Salomon 30,7 Prozent
Monika Stein 24,1 Prozent
Anton Behringer 0,9 Prozent
Sonstige 0,1 Prozent

20 Minuten zuvor. Horn ist mit seiner hochschwangeren Frau vom Rathausplatz, wo er eine kurze Rede auf der BZ-Bühne gehalten hat, und einem Live-TV-Interview in den Tanzsaal zurückgekehrt. Er ist entspannt, die Stimmung ist heiter bis ausgelassen, viele lachen und stoßen mit Sekt oder Bier an. Es werde jetzt keine großen Dankesreden mehr von ihm geben. "Nochmals herzlichen Dank für dieses fulminante Ergebnis", ruft Horn und lädt die Menschen zum gemeinsamen Feiern ein.

"Die Leute fühlten sich nicht wichtig genommen." Gernot Erler

Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen hätten ihn gewählt. In der Tat sind Menschen jeden Alters im Saal, auffallend viele junge, und einige strahlende SPD-Politiker aus der Region, etwa der Bundestagsabgeordnete Johannes Fechner, die Landtagsabgeordnete Gabi Rolland und die Landesvorsitzende Leni Breymaier. Er wolle, versichert Horn, bodenständig bleiben, authentisch, fair, "alte Gräben schließen und neue Brücken bauen". Viele machen Fotos oder Videos von Horn mit ihren Smartphones. "Fast ein bisschen unheimlich" sei das, hatte Horn zuvor selbst gesagt, als auf der Straße Wildfremde Selfies mit ihm machen wollten.



Im Friedrichsbau-Saal steht auch SPD-Grandseigneur Gernot Erler an einem Stehtisch und zollt erst einmal dem Verlierer Dieter Salomon Respekt und Anerkennung für dessen 16 Jahre als Rathauschef. Dann leitet er zum Sieger des Abends über: Er habe von Anfang an den Eindruck gehabt, dass Horn sehr genau wisse, was er wolle – "dass er auf Sieg setzt und nicht nur auf einen Platz". Und er, Erler, habe gespürt, dass es in der Stadt eine Unzufriedenheit mit dem Amtsinhaber gebe. "Die Leute fühlten sich nicht wichtig genommen", mangelnde Kommunikation sei das Problem gewesen.

Monika Stein feiert entspannt

Kandidatin Monika Stein ist schon vor 18 Uhr ins Café Hermann an der Stadtbahnbrücke gekommen. Trotz der Trauer um ihre vor wenigen Tagen gestorbene Mutter wartet sie gemeinsam mit Unterstützerinnen und Unterstützern auf die Ergebnisse. Und feiert den mit wenig Geld, aber viel Einsatz geführten Wahlkampf. Die Stimmung der rund 70 Gäste ist entspannt.

Auch zwei Vertreter der Satirepartei "Die Partei" sind in ihren grauen Funktionärsanzügen gekommen. Als Steins erste Vauban-Zahlen von 40 Prozent auf der Leinwand erscheinen – das bedeutet im Ökostadtteil wie schon vor zwei Wochen Platz eins –, wird gejubelt im Hermann. Mit einem Sieg von Monika Stein hat hier wohl keiner wirklich gerechnet. Als sich aber abzeichnet, dass sie ihr Ergebnis weitgehend halten konnte, herrscht allgemeine Zufriedenheit.

"Wie es aussieht, gab es bei den Stimmen Zu- und Abwanderungen", sagt Steins Wahlkampfmanager Gregor Mohlberg: "Abwanderungen wegen der gefühlten Stichwahl zwischen Salomon und Horn, Zuwanderungen wegen der Inhalte und dem authentischen Auftreten." Jetzt gelte es, Herrn Horn an seinen Versprechen zu messen. "Und wir haben eine gute Grundlage für die kommende Kommunalwahl gelegt." Was den Wahlsieger angeht, scheint die Stimmung geteilt: "Salomon ist abgewählt, sehr gut", ruft einer. Ein anderer wiegt den Kopf, er hält nicht viel von Horn.

Als die Zahlen feststehen, zieht Monika Stein eine kurze Bilanz: "Dass wir das Ergebnis halten konnten, ist genial." Mit dem neuen OB werde man zusammenarbeiten. "Freiburg wollte den Wechsel", sagt sie. "Jetzt kommt es auf den Gemeinderat an."



Tränen bei Fans von Dieter Salomon

Sie sind gekommen, um zu feiern. Am Ende gibt es Tränen der Trauer, lange Gesichter und Wut über den Wahlkampf bei den gut 100 Gästen. Als Dieter Salomon mit seiner Frau Helga Mayer-Salomon und den engsten Rathaus-Mitarbeitern kurz vor halb acht auf seiner Wahlparty im Restaurant Harmonie ankommt, applaudieren sie: die Stadträte der Grünen, der CDU und viele Mitarbeiter der Stadtverwaltung. Unter ihnen die Bürgermeisterin Gerda Stuchlik und mehrere Amtsleiter. "Jetzt müsst ihr eben kommunalpolitisch ran, ich werde mich total zurückhalten", sagt der Noch-OB bei einer kurzen Rede an seine grünen Parteifreunde.

"Der Souverän hat so entschieden." Unirektor Wolfgang Jäger

"Das war ein Wechselbad der Gefühle in den letzten Wochen", sagt ein völlig konsternierter Gerhard Frey. An Engagement habe es definitiv nicht gefehlt, sagt der Stadtrat der Grünen. Es sei unverständlich, dass die Leute anscheinend mit der Stadt zufrieden seien und dann trotzdem einen radikalen Wechsel wollten. "Mir ist das immer noch nicht schlüssig", sagt er und fügt an: "Wir müssen das jetzt in aller Ruhe analysieren und dann auch im Hinblick auf die Kommunalwahl 2019 Konsequenzen ziehen. Jetzt wird alles neu gemischt – im Rathaus und im Gemeinderat."



Auch Manfred Kröber, Grünen-Mitglied und beim ersten Wahlgang auch noch einer der OB-Kandidaten, zeigt sich entrüstet: "Ich bin so ungläubig wie nach dem ersten Wahlgang", sagt er. Das OB-Amt sei doch keines, bei dem man einen erfolgreichen Amtsinhaber abwähle, und einem bis vor kurzem in Freiburg unbekannten Mann einfach mal so eine Chance gebe. " Ich bin fassungslos und es macht mich auch wütend."




"Der Souverän hat so entschieden", sagt der langjährige Unirektor und Politologe Wolfgang Jäger, der sich auch unter die trauernde Salomon-Gemeinschaft gemischt hat. Für die Grünen, die mit Claudia Roth, Cem Özdemir und Winfried Kretschmann kurz vor der Wahl vor Ort für Salomon warben, sei das ein Schlag ins Gesicht. In anderen Städten werde man jetzt genau nach Freiburg blicken und den Wahlkampf von Martin Horn analysieren, um bei Wahlen ähnliche Erfolge gegen bisher fest im Sattel sitzende Amtsinhaber zu erreichen. Für den Kabarettisten Matthias Deutschmann, der sich zuvor für Salomon ausgesprochen hatte, ist das Ergebnis ein "Bruch". Was seinen Nachfolger Horn betrifft, hat Deutschmann ein ganz komisches Gefühl. "Das ist ein Vabanquespiel."

Mehr zum Thema: