Bundestagswahl

Dreikampf in Freiburg: Es geht um jede Stimme – und um Taktik

Joachim Röderer

Von Joachim Röderer

Di, 17. September 2013 um 00:00 Uhr

Freiburg

Verteidigt Gernot Erler den Wahlkreis Freiburg für die SPD? Oder wird er von Matern von Marschall (CDU) oder Kerstin Andreae (Grüne) überflügelt? Für Spannung ist gesorgt. Taktisches Wählen könnte entscheidend sein.

Es wird ein enges Rennen und es geht um jede Stimme. Das sagen unisono alle drei Anwärter auf das Direktmandat im Wahlkreis 281 Freiburg. Titelverteidiger Gernot Erler (SPD) sieht im CDU-Kandidaten Matern von Marschall den ärgsten Konkurrenten. Kerstin Andreae von den Grünen rechnet sich aber weiter gute Außenseiterchancen aus. FDP-Kandidat Sascha Fiek lässt durchblicken, dass er nicht aktiv um Erststimmen kämpfen will und diese durchaus dem CDU-Mann zufließen könnten. Im Gegenzug spekulieren die Liberalen auf Zweitstimmen der CDU.

Nach der Bayernwahl ist vor der Bundestagswahl. Die Resultate aus München plus die letzten Prognosen für die Bundestagswahl heizen die Spekulationen um den Wahlkreis Freiburg an. Gernot Erler hat 1998 das Direktmandat gewonnen und seither drei Mal verteidigt – zuletzt 2009 mit 33,0 Prozent der Erststimmen. Der Vorsprung Erlers betrug allerdings nur noch 4,2 Prozentpunkte auf Daniel Sander, den damaligen Kandidaten der CDU. Kerstin Andreae landete auf Platz 3 mit 21,8 Prozent der Stimmen.


"Uns ist bewusst, dass es kein Spaziergang wird", sagt Gernot Erler. Er und sein Team führen einen intensiven Wahlkampf: "Wir setzen auf Mobilisierung." Er kennt den kleinen Abstand zur CDU. Erler fürchtet deshalb, dass CDU-Bewerber Matern von Marschall der lachende Dritte in Freiburg sein könnte – deswegen will Erler auch im grünen Lager Erststimmen fischen. Interessant ist: Seine besten Erststimmen-Wahlbezirke hatte der SPD-Abgeordnete 2009 in den grünen Superhochburgen Vauban, Wiehre und Rieselfeld.

Doch die Grünen schielen selbst aufs direkte Ticket für Berlin. Die Abgeordnete Kerstin Andreae hatte bei der Wahl 2005 zu Zeiten von Rot-Grün noch großmütig ihre Erststimmen Erler "überlassen". Doch damit es längst vorbei. Die Grünen-Fraktionsvize kämpft jetzt selbst ums Direktmandat und rechnet sich Chancen aus: "Es gibt viele positive Rückmeldungen, die Motivation im Team stimmt", sagt sie. Der Wahlgang vom vergangenen Sonntag habe keine Auswirkungen: "Freiburg ist nicht Bayern, das spielt keine Rolle", meint sie. Und: Immer wieder empfehle sie Frauen, dass sie im Job auch mal die Ellenbogen ausstrecken müssten. Das will sie nun selbst auch tun.

Im Lager von Schwarz-Gelb sei man miteinander im Gespräch, berichtet FDP-Kandidat Sascha Fiek. Er hat vor vier Jahren beim Hoch der FDP immerhin 8,2 Prozent der Erststimmen geholt – Stimmen, die dem unterlegenen CDU-Bewerber gegen SPD-Mann Erler damals am Ende fehlten. Auch wenn die FDP laut den Umfragen dieses Mal wohl weniger Erststimmen zu vergeben haben wird, könnten diese entscheidend sein. "Wir haben einen guten Draht zueinander", sagt Fiek über den CDU-Kandidaten. Der Wähler könne die Regierungskoalition durch sein Wahlverhalten stützen. Stimmensplittung sei erwünscht, lässt Fiek durchscheinen. Natürlich spekuliert die FDP auf Zweitstimmen der CDU, die Fiek aber nicht Leihstimmen nennen will: "Der Wähler weiß, was er wählt."

Optimismus herrscht im Lager der Union. Die Freiburger CDU sieht eine echte Siegchance nach einer langen schwarzen Serie von Niederlagen in Freiburg. Matern von Marschall erklärt, er spüre für die CDU nach der Steilvorlage durch die CSU zusätzlichen Rückenwind. Auch er hofft, dass die Wahlbeteiligung hoch wird – davon habe die CSU in Bayern ebenfalls profitiert. Eine Wahlempfehlung brauche es nicht, so der Erler-Herausforderer: "Ich bin überzeugt, dass der Wähler so vernünftig mit Erst- und Zweitstimme umgeht, dass die Erststimme keine verlorene ist."
Der Wahlkreis 281

Zum Bundestagswahlkreis 281 Freiburg gehören neben der Stadt Freiburg noch 19 Städte und Gemeinden des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald: Au, Bötzingen, Bollschweil, Breisach, Ebringen, Ehrenkirchen, Eichstetten, Gottenheim, Horben, Ihringen, March, Merdingen, Merzhausen, Pfaffenweiler, Schallstadt, Sölden, Umkirch, Vogtsburg und Wittnau.
Bei der ersten Bundestagswahl 1949 hat Hermann Kopf das Direktmandat für die CDU geholt und vier Mal in Folge verteidigt. Sein Nachfolger wurde 1969 Hans Evers (CDU), der drei Wahlperioden amtierte. Von 1980 bis 1990 gehörte das Direktmandat Conrad Schroeder (CDU). Er war auch der einzige Abgeordnete, der jemals in diesem Wahlkreis über 50 Prozent kam – das war im fernen Jahr 1983. Auf Schroeder folgte 1994 dann Sigrun Löwisch.
1998 schaffte es Gernot Erler für die SPD, nach 13 Wahlen die CDU-Dominanz zu durchbrechen – und holte erstmals das Direktmandat ins Lager der Genossen. Seither hat Erler den Wahlkreis schon drei Mal verteidigt. Mit einem weiteren Erfolg am Sonntag könnte er also den 48 Jahre alten Rekord von Hermann Kopf einstellen.

Das bislang knappste Ergebnis brachte übrigens die Wahl 1972: Damals lagen Hans Evers (CDU) und Rolf Böhme (SPD), Freiburgs späterer Oberbürgermeister, nur schmale 1,4 Prozentpunkte auseinander.
Und: Bei der Wahl 2009 mit schwarz-gelben Sieg hatten sowohl die CDU als auch die FDP im Wahlkreis Freiburg ihr jeweils schlechtestes Zweitstimmen-Ergebnis aller Wahlkreise in Baden-Württemberg eingefahren.

Interaktive Karte: Die Erststimmen-Ergebnisse der Bundestagswahl 2009 [Klicken Sie auf die Wahlkreise und erfahren Sie mehr]