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28. November 2010 16:59 Uhr

Zweiter Weltkrieg

Luftangriff 1944: "Die ganze Stadt ein Leichenfeld!"

Der Luftangriff am 27. November 1944 auf Freiburg hat Tausende Menschen getötet. Ein Teil der Opfer wurde nie geborgen. Für die Angehörigen eine schwere Bürde, mit der jeder anders umging.

  1. Fast wie im Mittelalter: ein Friedhof rund um das Münster. Unter dem Kreuz sind Konrad Föhrenbach und Angehörige verschüttet. Foto: Karl Müller (Stadtarchiv)

  2. Ein Kreuz erinnert an die Vermissten. Foto: karl Müller (Stadtarchiv)

  3. Die Folgen des Luftangriffs vom 27. November 1944 auf Freiburg: Schwarze Flächen markieren total zerstörte Gebäude, hellblau dargestellt sind Häuser, die beschädigt, aber bewohnbar waren. Foto: Ingo Schneider

Sie hießen Frieda, Gottlieb oder auch Mieczyslaw. Sie waren waschechte Bobbele oder gezwungen, in dieser für sie fremden Stadt Zwangsarbeit zu verrichten. Manche waren auch vor Bombenangriffen ins beschauliche, vermeintlich sichere Freiburg geflüchtet. Sie waren Ordensschwestern, Pianisten oder Invalidenrentner. Sie wurden von herabstürzenden Balken erschlagen, bis zur Unkenntlichkeit verbrannt oder erstickten in den Kellern ihrer Häuser.

Eine makabre Fußnote der Geschichte ist es, dass genau zehn Jahre vor dem Großangriff, also am 27. November 1934, in der Festhalle am Stadtgarten eine Luftschutz-Ausstellung eröffnet worden war. Eine reißerisch beworbene Einzelveranstaltung zog mit den Schlagworten "Großbrand-Ausstellung! Brandbomben! Feuer!" zahlreiche Schaulustige an. Der damalige Versuch an zwei leicht entzündlichen Holzhäusern wurde nur ein Jahrzehnt später bittere Wirklichkeit.

Der Flächenbrand geriet völlig außer Kontrolle, machte die scheinbar ausgeklügelten Evakuierungspläne schlagartig zu Makulatur und riss fast 2 800 Menschen in den Tod. Ihre Namen stehen im Gedenkbuch für Fliegeropfer, welches die Stadt 1954 herausgegeben hat. In endlosen Reihen sind jene aufgelistet, welche den feindlichen – oder den versehentlich abgeworfenen deutschen – Bomben zum Opfer fielen. Von Angelina Abend, die als Schwester Sigmunda im Kolpinghaus nur noch mal eben was aus der Küche holen wollte, bis Iwan Zynjak aus Russland, über dessen Schicksal wenig bekannt ist – nicht einmal die genaue Schreibweise seines Namens.

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Die letzte Hoffnung: "sprechende Wände"

Schon bald nach der Schreckensnacht war auf dem Hauptfriedhof eine große Grube ausgehoben worden, im Nazi-Sprachgebrauch als "Kameradschaftsgrab" bezeichnet und die Opfer beigesetzt. Sieben Reihen in drei Schichten, immer eine Lage Kalk darüber. Und während sich das Grab mehr und mehr füllte, hofften Hinterbliebene und Freunde auf ein Zeichen der Vermissten.

Die sogenannten "sprechenden Wände" waren ein wichtiges Zeichen der Verbundenheit. So zeigt eine Aufnahme des zerstörten Hauses Rheinstraße 38 Kreideaufschriften als Ausdruck der Verzweiflung. "Klaus, Frau Klaus" und "Wo ist Edelmann?", während sich im zerstörten Erdgeschoss der hüfthohe Schnee auftürmt. Doch erst im Januar 1945 gab die Ruine die Leichen von Anna Edelmann und Anna Klaus frei.

Die Angehörigen nicht Geborgener indessen hatten ihre persönliche Form der Trauer gefunden – zum Beispiel am Ort des Todes in der Stadt. Die Fotos aus den 1940er Jahren zeigen ein Grab in der Katharinenstraße, wo nicht nur Konrad Föhrenbach, an den das Kreuz erinnert, sondern mindestens drei weitere Personen vermisst werden. Die Trümmerlücke an der Herrenstraße auf den beiden weiteren Bildern war jahrelang ein oft besuchter Ort, bis sich die Kinder das Terrain – wie viele andere Trümmergrundstücke – als Spielplatz eroberten. Heute ist dort eine Rasenfläche, auf deren Umfassungsmauer nichtsahnende Würstle-Esser in der Sonne sitzen. Hier wurde vergeblich nach der Familie von Domorganist Carl Winter sowie nach Dompräbendar Ernst Schlenker, einer Verwandten und seiner Haushälterin gesucht.

"Nicht geborgen" heißt es auch beim Zahnarzt Karl Defert. Die Tochter der Vermieter, Helga vom Berg (geborene Rohleder), erinnert sich gut an den 31-jährigen Herrn, welcher jeden Abend essen gegangen sei. So auch am 27. November 1944. Während sie nur mit Mühe dem Bombentod entkam, fehlt vom Untermieter bis heute jede Spur. "Unsere Eltern haben uns eindringlich gefragt, ob an jenem Abend Licht in seinem Zimmer gewesen ist. Die Eltern haben sich zwar bemüht, etwas über seinen Verbleib in Erfahrung zu bringen, doch leider ergebnislos." In Bräunlingen, Deferts letztem Hauptwohnsitz, erinnert eine Tafel auf dem Friedhof mit dem Zusatz "vermisst" an den jungen Familienvater.

Beispielhaft sei der Brief eines auswärts wohnenden Mannes erwähnt, der Mitte der 1950er Jahre einem Schreiben an die Stadtverwaltung zehn Mark beifügte mit der Bitte, einen Blumenstrauß an der Trümmerstätte in der Friedrichstraße abzulegen. Ein Beamter schickte den Schein postwendend zurück mit der Bemerkung, der Wiederaufbau sei an jener Stelle schon im Gange. Der Schriftsteller Franz Schneller aus dem Stühlinger hat einmal geschrieben: "Die Fremden ahnen nicht, mit welcher Liebe wir an unseren Trümmern hängen."

Die Erinnerung an die Toten ist noch immer sehr lebendig. Ingrid Metzger-Buddenberg, die heute in Basel wohnt, erinnert sich an einen sympathischen Schulkameraden. "Er war ein vergnüglicher Bursche, immer guter Laune und das war ansteckend." Hans Kuckuck konnte am 1. Dezember 1944 in der Friedrichstraße 25 zusammen mit Mutter und Schwester geborgen werden und ist im Gemeinschaftsgrab bestattet. Doch was bleibt von einem Menschen, der nicht geborgen werden konnte? Kein Name auf dem Denkmal, aber eine ebenso präsente Erinnerung.

Vergebliche Appelle an die Stadt

Eine Dame, die durch einen tagelang schwelenden Brand in der Ludwigstraße mehrere Familienmitglieder verloren hatte, schrieb ans Rathaus: "Wo sollen wir unserer Toten gedenken, wenn über den Trümmern Neubauten stehen?" Eine Frau, die um ihre Tochter trauerte, bat die Stadtverwaltung eindringlich, den Namen doch in die Gedenkstätte aufzunehmen. "Man fand nichts mehr von ihr", klagte sie. Zudem solle die Aufnahme in das Denkmal "ein Andenken für mich sein in meinen letzten Jahren." Doch vergebens. Die Stadt blieb hart. Der Name der Tochter bleibt unerwähnt – als hätte es sie nie gegeben.

"Geborgen" klingt dagegen fast tröstlich. Doch was heißt das in Wirklichkeit? Bergen, das hieß 1944 und in den Folgejahren, in Leichenstarre miteinander verkeilte Körper mit der Zange zu trennen. Denn vor den Durchbrüchen in die scheinbar rettenden Nachbarkeller bildeten sich wahre Menschenknäuel. Vom Großangriff auf Heilbronn im Dezember 1944 ist bekannt, dass regelrechte Kämpfe in den Luftschutzkellern stattgefunden haben müssen, wofür die Hieb- und Schlagverletzungen der Geborgenen sprechen.

Selbst die nüchternen Zahlen in den Listen des Stadtarchivs belegen auch 66 Jahre später noch das Grauen: Wenn etwa ein Wirt aus der Nussmannstraße zwei Bergedaten hat, eines im Januar, eines im August. Die Wucht der Detonationen muss unvorstellbar gewesen sein.

Die grausige Arbeit der Bergungstrupps

Bergen, das hieß auch, mit der Schaufel menschliche Reste vom Kellerboden zu kratzen. Auf Puppengröße zusammengeschmorte Personen in Kartons zu verstauen, zerrissene Körper zu sortieren und alles zu protokollieren, etwa "zwei verweste Unterschenkel mit hellbraunen Damenstrümpfen." Die Liste der unbekannten Toten, welche der Identifizierung harrten, birgt unaussprechliches Grauen.

Auch waren die Bergungstrupps in großer Gefahr: durch nachrutschende Mauern und herabstürzende Gebäudeteile sowie durch die immer wieder über der Stadt kreisendenden Jagdbomber. An Räumgerät und Personal fehlte es sowieso.

Die französische Besatzung versuchte im Mai 1946 vergeblich, systematisch vorzugehen, indem Grabungen erfolgen sollten, wo Kreuze standen. Der damalige Oberbürgermeister Wolfgang Hoffmann (1893 – 1956) entgegnete Oberst Monteux, es habe keinen Sinn, einzelne Gebiete zu bevorzugen. Die ganze Stadt sei ein Leichenfeld. Noch Mitte der 1960er Jahre wurden in der Weberstraße Leichenteile gefunden.

Der Anblick der entstellten Körper war selbst den offiziellen Mannschaften zu viel. Auch bei der hundertsten Leiche war offensichtlich keine Gewöhnung zu verzeichnen. Die Bergungstrupps waren nicht nur mit Chlorkalk zur Desinfektion ausgestattet, sondern auch mit Zigaretten und Alkohol. Ein Zwangsarbeiter erinnert sich: "Man brauchte ständig Bier und Schnaps, um das auszuhalten." Viele mussten sich übergeben – und doch weitermachen.

Außer Zwangsarbeitern waren unter anderen Polizisten, Spezialkräfte der Wehrmacht und viele Freiwillige zur Bergung eingesetzt. Jedoch auch Feuerwehrleute hatten – neben ihren Einsätzen zur Brandbekämpfung – Leichen zu bergen. Der übermenschliche Einsatz der Bergungskräfte übersteigt jede Vorstellungskraft. So wurde nach dem Jagdbomberangriff vom 26. Februar 1945 in der Jägerstraße 23 in Zähringen bis zum nächsten Tag nach Verschütteten gegraben. Ein Voll- und ein Nahtreffer hatten den Schutt des Hauses in den Keller stürzen lassen. Um 16.40 Uhr wurde mit dem Graben begonnen, um 20.15 Uhr fand sich die erste Leiche, eine Stunde nach Mitternacht die nächsten drei, um 2.45 Uhr eine Mutter, um 5 Uhr das Kind, um 10.40 Uhr eine weitere Frau.

Die Helfer brauchten Bier und Schnaps, um das auszuhalten.
Eine siebte Person, welche noch in den Trümmern vermutet worden war, tauchte am Vormittag lebend wieder auf. In diesen langen Stunden ohne Pause hatte der Bergungstrupp den gesamten Schutt des Hauses abgetragen und den Keller freigelegt sowie die Toten in das Nachbarhaus zur Identifizierung gebracht.

Über die Totenhügel der nicht Geborgenen hat Franz Schneller 1946 berührende Worte gefunden: "Erhabene Ruhe ist ins Feld der Altstadt, die verstummte, eingekehrt. Die leise sprechende Natur hat ihr versöhnliches Wort angeboten und im Schutt angesiedelt, was (.......) sich eignet: das Weidenröschen, die Wollblume, die Königskerze. Kein Licht leuchtet sanfter den Abgeschiedenen."

In den ersten Jahren nach dem Angriff war es üblich, Lichter für die Seelen der Verstorbenen in die Fenster zu stellen. Die Opfer dieses sinnlosen Krieges hätten es verdient, wenn die Stadt heute Nacht vor lauter Lichtern funkeln würde.

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Autor: Carola Schark