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04. Juni 2011

Politischer Theaterdonner

CDU-Stadtratsfraktion kritisiert, das Theater sei mit seiner neuen Gesprächsreihe zu Grünen-nah.

  1. Das Stück des Anstoßes: Probenfoto von „Die Grünen. Eine Erfolgsgeschichte“. Premiere ist am 10. Juni im Großen Haus des Freiburger Stadttheaters. Foto: Maurice Korbel

Im Stadttheater hat kommenden Freitag das Stück "Die Grünen. Eine Erfolgsgeschichte" Premiere, zu dem eine Gesprächsreihe gehört, die mit der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung entwickelt wurde. Dabei werden Mitglieder der Ökopartei mit dem Publikum diskutieren. Genau daran stößt sich die CDU-Fraktion: In einem Brief an den Oberbürgermeister fragen die Stadträte Daniel Sander und Ellen Breckwoldt, welche Vorkehrungen die Stadtverwaltung treffe, damit sie und ihre Eigenbetriebe – auch das Theater – sich parteipolitisch neutral verhalten.

Auch das vom Kulturamt mit konzipierte überregionale Tschernobyl-Projekt mit Ausstellungen, Filmreihen, Lesungen, Symposien und Vorträgen, das schwerpunktmäßig im Herbst stattfindet, ist der Union ein Dorn im Auge. Denn dieses wird von der Böll-Stiftung Berlin mit einem namhaften Betrag gefördert sowie von der Grünen-Fraktion im EU-Parlament mit 30 000 Euro.

CDU-Stadtrat Sander findet es angesichts dessen legitim zu fragen, ob die Stadtverwaltung als wesentlicher Finanzier des Theaters die Neutralitätspflicht einhält. Die 30 000 Euro der EU-Grünen findet er fragwürdig, die Publikumsgespräche wünscht er sich politisch ausgewogener besetzt. Am Theaterstück selbst hat er indes nichts zu kritteln, wie er betont: "Was das Theater macht, geht uns nichts an." Auch bei der Tschernobyl-Ausstellung, die das Morat-Institut mit dem Freiburger Liedermacher und Anti-AKW-Aktivisten Walter Mossmann entwickelt hat, gehe es ihm nicht um den Inhalt. Dass die Bundeskulturstiftung eine Förderung des Tschernobyl-Projekts abgelehnt habe mit der Begründung, dass es ihr zu parteipolitisch sei, wie es die CDU in ihrem Schreiben behauptet, sei falsch, versichert dagegen Kulturamtsleiter Achim Könneke. Eine Ablehnung sei bei der Fülle von Anträgen normal, einen Grund dafür nenne die Jury nie.

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Von den anderen Fraktionen im Gemeinderat hagelt es Kritik an der CDU. Die Unabhängigen Listen (UL) meinen, dass hinter der Anfrage der Christdemokraten der Wunsch stehe, die Verwaltung möge in missliebige Kultur eingreifen. Damit werde im Kern die Kunstfreiheit des Grundgesetzes missachtet, schreiben die UL-Stadträte Michael Moos, Atai Keller und Irene Vogel: "Eine ausgewogene Kultur gibt es nicht, oder sie ist nicht frei." FDP-Stadtrat Nikolaus von Gayling verweist ebenfalls auf die künstlerische Freiheit: "Das muss man aushalten."

"Wir wollen keine grüne

Harmonie und keine

Propagandaveranstaltungen, im Gegenteil."

"Man sollte sich da nicht im Sinne einer Zensur einmischen", sagt auch SPD-Stadtrat Hans Essmann und findet das Vorgehen der CDU "kleinkariert". Die anderen Parteien, auch seine eigene, sollten lieber überlegen, warum sie keine Positionen beziehen, die gesellschaftlich so interessant sind, dass daraus ein Theaterstück gemacht werde. SPD-Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach kann die Bedenken der CDU ebenfalls nicht nachvollziehen: Es liege doch auf der Hand, bei diesem Thema vor allem mit grünen Politikern zu diskutieren. Zudem seien auch Leute wie Wolf Dieter Hasenclever eingeladen, einst Gründungsmitglied der Landesgrünen und seit 2001 bei der FDP. Dass sich die Böll-Stiftung an beiden Projekten beteilige, daran kann von Kirchbach nichts Verwerfliches entdecken. Im Gegenteil: Ohne die Kooperation mit Stiftungen und anderen Sponsoren seien solche Projekte nicht möglich. Anette Goerlich von der Heinrich-Böll-Stiftung in Stuttgart weist darauf hin, dass man sich im Falle der Gesprächsreihe mit einem geringen Betrag beteilige und in erster Linie bei den Vorschlägen für die Gästeliste mitdiskutiert habe: "Wir wollen bei den Gesprächen keine grüne Harmonie und keine Propagandaveranstaltungen, im Gegenteil. Wir wollen einen Diskurs, provozieren und diskutieren mit Leuten, die so kenntnisreich im Thema sind, dass es spannend wird."

Wer regelmäßig ins Freiburger Theater gehe, wisse, dass es "auf jeden Fall keine Beweihräucherung der Grünen" betreibe, so von Kirchbach; auch die UL sehen keine Gefahr von Parteiwerbung. Das Engagement der Böll-Stiftung sei in keiner Weise anrüchig, solange nicht versucht werde, inhaltlich Einfluss zu nehmen, was nicht der Fall sei, betont Kulturamtsleiter Könneke. Im Übrigen würden auch andere parteinahe Stiftungen Kulturveranstaltungen fördern, so zum Beispiel die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung oder die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung bei den deutsch-französischen Kulturgesprächen. Und was sagen die Grünen selbst? Fraktionschefin Maria Viethen findet die Fragen der CDU "hilflos und unsinnig"; gerne könne auch die CDU-nahe Adenauer-Stiftung das Theater fördern.

Intendantin Barbara Mundel sagte gestern: "Unsere Gäste kommen aus den Reihen der Grünen, aber auch Parteiaussteiger sind dabei sowie Gäste aus anderen Parteien und gesellschaftlichen Gruppierungen, etwa Autoren oder Künstler. Die Reihe wird in der nächsten Spielzeit fortgesetzt und das Spektrum der Gäste nochmals erweitert."

Autor: Frank Zimmermann