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27. September 2009 23:59 Uhr

Bundestagswahl 2009

Reaktionen der Freiburger Spitzenkandidaten

Die Freiburger Stimmen sind ausgezählt: Gernot Erler holt das Direktmandat, die CDU die meisten Zweitstimmen. Wir waren auf den Wahlpartys der Parteien. Wie bewerten die Spitzenkandidaten den Ausgang der Wahl?

CDU: Erleichterung
Entspannte Erleichterung herrscht bei den Freiburger Christdemokraten. 150 Mitglieder sind in die Bar des Kolping-Hotels gekommen, um auf Flachbildschirm das bundesweite Ergebnis zu verfolgen und auf einer Leinwand die Freiburger Resultate. Sie jubeln, dass die CDU wieder stärkste Partei im Wahlkreis ist. Und sie gratulieren ihrem Kandidaten Daniel Sander, der den Abstand zum SPD-Bundestagsabgeordneten verringert hat und gleichzeitig die grüne Abgeordnete Kerstin Andreae auf Distanz halten konnte. Umarmungen, Küsschen hier und da, Gratulationen.

Trotzdem ist Sander auch Stunden, nachdem die Wahllokale geschlossen hatten, die Anspannung noch anzusehen. Spaß habe der Wahlkampf gemacht, sagt er, "aber jetzt bin ich froh, dass es vorbei ist." Mut habe er bewiesen, lobt Wendelin von Kageneck seinen neuen Stadtratskollegen, und er sei stolz auf ihn. Bernhard Schätzle, ebenfalls Stadtrat und Landtagsabgeordneter freut sich, dass er Sander als Büroleiter behalten darf – obwohl er dieses Luxusproblem durchaus gerne gehabt hätte. Parteichef Klaus Schüle spricht von einem "großen Erfolg" für Sander. Mehr noch: Der sei eine ideale Ausgangsbasis dafür, dass sich Sander als Stadtrat profilieren und womöglich einen neuen Versuch wagen könne. "Die Stimmung unter den Mitgliedern ist jedenfalls so, dass er nochmal ran soll."

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SPD: Ein Lichtblick
Es ist kurz vor halb zehn, als aus der Dunkelheit Gernot Erler vor der Gaststätte Schönbergblick auftaucht. Lange haben die Genossen – auf "den einzigen Lichtblick" an diesem Abend gewartet, wie der Kreisvorsitzende Walter Krögner einräumt. Erlers Ergebnis ist für sie alle der "Silberstreif am Horizont", das "berühmte gallische Dorf südlich des Mains". Das sagt Erler, der einzige direkt gewählte SPD-Kandidat in Baden-Württemberg, selbst über sein Ergebnis.

Draußen vor dem Eingang nimmt SPD-Bürgermeister Ulrich von Kirchbach den Wiedergewählten in den Arm. Drinnen applaudieren rund 50 frustrierte Sozialdemokraten. Rhythmisches Klatschen. Erler reißt die Arme hoch und lacht. "Ich habe noch nie einen so intensiven Wahlkampf geführt", gesteht er und erzählt, wie er noch in der Nacht zuvor bis 2 Uhr Äpfel verteilt habe. Eine Stunde zuvor herrschte noch Grabesstimmung in der Vereinskneipe des SV Blau-Weiß Wiehre an der Wiesentalstraße. Einige diskutieren an Stehtischen, andere schauen müde ins Leere oder auf den Fernseher, in dem gerade die Berliner Runde läuft. Das Licht im Saal ist runtergedimmt. "Es ist ein Schock. Das tut verdammt weh", sagt die SPD-Landtagsabgeordnete Margot Queitsch.

Grüne: Feierlaune
Die Szenerie im Gasthaus Waldsee erinnert zunächst eher an einen heiteren Fernsehabend als an Party: Rund 100 Frauen und Männer haben es sich an den Tischen und an der Bar im Nebenraum gemütlich gemacht, trinken Bier, essen Schniposa und starren auf die Großbildleinwand, wo Kommentatoren und Politiker die Wahlergebnisse erklären. Man freut sich, in Freiburg stärkste Kraft zu sein und ärgert sich über Guido Westerwelles Erfolg.

Feierlaune kommt erst auf, als Kandidatin Kerstin Andreae auf die Bühne zusteuert. Ihren Mann und die zwei Kinder hat sie mitgebracht, auch ihre Eltern und ihren Bruder. "Heute Abend haben wir wirklich einen Grund, unsere Kerstin zu feiern", ruft Kreisvorsitzende Hannegret Bauß ins Mikrophon. Die Kandidatin bedankt sich bei ihren Helfern im Wahlkampf, dann fasst sie die Enttäuschung vieler im Saal in Worte: "Leider hat es nicht gereicht, um schwarz-gelb zu verhindern." Gejubelt wird, als sie ankündigt, 2013 in Freiburg das Direktmandat zu holen. Und als ihr neunjähriger Sohn Mauritz ins Mikro sagt: "Ich freue mich, dass der Bundestag vorbei ist, denn jetzt hat meine Mama wieder mehr Zeit für mich" – ups, gemeint war natürlich, dass der Wahlkampf vorbei ist. Denn im Bundestag beginnt für die 40-Jährige jetzt die dritte Runde.

FDP: Volles Haus

Eine Wahlparty wie diese hat FDP-Stadtrat Patrick Evers in drei Jahrzehnten Parteizugehörigkeit nicht erlebt: "Sonst kam immer der enge Kreis – heute war hier über Stunden das Haus voll – auch mit Menschen, die ich gar nicht kannte, die einfach mitgefeiert haben!" Das Haus ist die Gaststätte Löwen in der Herrenstraße. Vor der tigerte um kurz vor sechs Direktkandidat Sascha Fiek noch ziemlich blass um die Nase auf und ab.

Je später dieser Wahlabend – desto gelöster gibt sich der FDP-Mann, der vor der Wahl noch auf 12 Prozent für die Bundes-FDP erhofft hatte. "Jetzt haben wir mit 14,6 Prozent unser bestes Ergebnis – da kann man ruhig mal happy sein!" Und happy zeigen sich denn auch die Feiernden an den voll besetzten Tischen – auch, dass Sascha Fiek mit Listenplatz 16 knapp an den Einzug in den Bundestag über die Landesliste verpasst hat, tut der guten Feierlaune keinen Abbruch. Für Kreisvorsitzende Herta König ist auch das Freiburger FDP-Ergebnis – hier hat man um 4,9 Prozentpunkte zugelegt – nicht wirklich eine Überraschung: "Die Kommunalwahl hatte das ja schon angedeutet, dass Freiburg wieder offen ist für liberale Politik."

Linke: Im Taumel
Das Ca D’Oro in der Grünwälderstraße ist wie gemacht fürs Partyfeeling – die Linken feiern hier und zeigen Flagge wie in den ganzen Wochen des Wahlkampfs: Roter Schirm und Flyer stehen auf der Straße vor der Bar, als gälte es noch Stimmen zu gewinnen. Dabei ist das zahlreiche Partyvolk hier längst im Taumel, denn Stimmen gab es reichlich für die Linken – auch in Freiburg. Mit einem Plus von 4,0 Prozentpunkten in der Zweitstimme gehören sie an diesem Abend zu den Wahlgewinnern.

"Das Ergebnis in Brühl-Beurbarung rahmen wir uns ein!" sagt Dirk Spöri vom Landesvorstand der Linken lachend – in dem Freiburger Stadtteil nämlich lagen die Linken mit der SPD mit 22,6 Prozent gleichauf. "Wir sind hier alle geflasht", bekennt denn auch Julia Meier – und Nikolas Grimm vom Kreisvorstand ergänzt: "Die Linke ist jetzt einfach erkennbar eine etablierte Kraft – nicht nur in der Bundespolitik, sondern auch hier vor Ort." Dass der Erfolg nicht etwa mit Musik gefeiert wird, sondern ein bisschen an ein müdes Chill-out-Event erinnert, findet Direktkandidatin Uta Spöri verständlich: "Wir haben für dieses Ergebnis alle hart gearbeitet – und die Lohnarbeit lief die ganze Zeit nebenher und geht morgen früh auch ganz normal weiter."

Autor: Uwe Mauch, Heike Spannagel, Frank Zimmermann, Julia Littmann