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20. Januar 2012 18:57 Uhr
BZ-Interview
Supporters Crew: "Der Ultra ist nicht der bessere Fan"
Nimmt die Zahl der gewaltbereiten Fußballfans in Freiburg zu? Warum haben Ultra-Fangruppen bei jungen Anhängern so viel Zulauf? Diese Fragen beantwortet Ralf Hettich vom Vorstand der Supporters Crew im Interview.
BZ: Herr Hettich, es wird seit Monaten über die Fankultur in deutschen Bundesligastadien diskutiert. Wie definieren Sie als Gründungs- und Vorstandsmitglied der Supporters Crew Freiburg Ihre besondere Fankultur?
Ralf Hettich: Die Supporters Crew ist eine Interessengemeinschaft für alle aktiven Fans innerhalb der Freiburger Fanszene. Wir sorgen dafür, dass möglichst viele Leute kostengünstig zu einem Auswärtsspiel fahren können, zum Beispiel durch eigene Busse. Wir haben eigene Räume, die die Fans nutzen können. Wir wollen die bestehende Fankultur erhalten: dass es weiterhin bezahlbare Stehplätze in Stadien gibt. Wir wollen nicht, dass sich die Stadionkultur so wie in England verändert, wo ein Stadionbesuch mittlerweile unglaublich teuer ist und für Familien mit Kindern oder Leute mit geringem Einkommen kaum noch bezahlbar. Wir sind das Interessensorgan, das die Anliegen der Fans vor dem SC Freiburg vertritt.
BZ: Ist die Supporters Crew Teil der Ultrabewegung?
Hettich: Definitiv nicht. In den ultraspezifischen Themen sind wir ziemlich zurückhaltend. An der Pyro-Debatte beteiligen wir uns zum Beispiel gar nicht. Die Supporters Crew ist ein unabhängiger Interessenverband, für alle Fans, egal ob Ultra oder "Normalo".
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BZ: Auch wenn Sie sich nicht dazu zählen: Können Sie erklären, was der Unterschied zwischen einem normalen Fan und einem Ultra ist?
Hettich: Die Ultra-Definition ist: "darüber hinaus", also: mehr zu machen. Das heißt, dass man die ganze Woche für den Verein da ist und nicht nur die 90 Minuten im Stadion. Man trifft sich, bastelt an Choreographien. Einige Ultras sind der Meinung, dass der Ultra der bessere Fan ist. Dem ist natürlich nicht so. Jeder sollte sein "Fansein" so leben, wie er es für richtig hält. Und jeder sollte den anderen respektieren. Der Hauptunterschied zwischen der Supporters Crew und der Fangemeinschaft [das ist der Zusammenschluss der SC-Fanclubs, die Redaktion] ist sicher das Alter ihrer Mitglieder. Die Fangemeinschaft hat es in den vergangenen zehn Jahren nicht geschafft, junge Mitglieder an die Fanszene heranzuführen. Die Fangemeinschaft deckt daher eher das ältere Klientel ab. Bei der Supporters Crew liegt das Alter im Schwerpunktbereich von 15 bis 35 Jahren, mit einzelnen Ausreißern nach oben.
Hettich: Zum einen können sich jugendliche Fans besser gleichaltrigen Fans anschließen. Es wird mehr geboten. Die Ultrabewegung steht im Fokus der Öffentlichkeit. Die Berichterstattung über sie vermittelt auch so etwas Rebellisches. Es ist auch ein bisschen ein Auflehnen gegen das Establishment und auch das Austesten von Grenzen in jungen Jahren.
BZ: In der Öffentlichkeit und in den Medien ist die Bezeichnung Ultra meist negativ besetzt – viele machen keine Unterschiede zu Hooligans. Zu unrecht?
Hettich: Auf jeden Fall. Ultra und Hooligans sind zwei ganz verschiedene Sachen und Ultra ist auch nicht gleich Ultra. Es gibt in Deutschland sicher Ultra-Gruppen, die zwischenzeitlich die Gewaltschiene fahren – aber die sind in der absoluten Minderheit.
BZ: Zum Ende der Vorrunde im Dezember hat die Freiburger Polizei eine Bilanz gezogen und spricht von einer Zunahme von Zwischenfällen. Meist seien bei diesen Vorkommnissen Ultrafans beteiligt gewesen. Es sieht so aus, als seien zumindest Teile der Freiburger Ultraszene auf Gewalt aus. Stimmt das denn?
Hettich: Da wird ein falsches Bild gezeichnet. Die Freiburger Ultra-Szene ist definitiv nicht auf Gewalt aus. Die Freiburger Ultra-Bewegung hält sich absolut fern und folgt nicht dem Ultra-Mainstream. Das war immer die Stärke der Ultras in Freiburg, dass sie nicht jede Entwicklung mitgemacht haben. Es gab immer eine Abgrenzung zum Rest der Subkultur.
BZ: Und das Gewaltpotenzial?
Hettich: Gibt es, wenn überhaupt, nur vereinzelt. Sie wollen sicher auf die Vorfälle in Kaiserslautern und in Hoffenheim in der Hinrunde hinaus. Dazu kann ich nur sagen, dass die Polizei sicher auch nicht ganz richtig reagiert hat – ohne jetzt einseitige Schuldzuweisungen zu machen. Die Stadien sind videoüberwacht. Wenn Pyrotechnik gezündet wird, kann man die Bilder auswerten und die Daten der betreffenden Personen bei den szenekundigen Beamten erfragen, wenn diese schon mit sechs oder sieben Beamten vor Ort sind. Da muss die Polizei nicht in voller Montur in den Block gehen und Leute aus den Gruppen rausziehen. Wenn dann noch Unbeteiligte mitgenommen werden, kommt es natürlich zu gruppendynamischen Prozessen. Da sollte die Polizei taktisch anders vorgehen.
BZ: Da sind wir schon beim Thema Pyrotechnik. Die Ultra-Gruppierungen in Deutschland fordern eine Legalisierung. Wie stehen Sie dazu?
Hettich: Die Supporters Crew hat sich nicht an dieser Aktion beteiligt. Die Natural Born Ultras stehen lediglich auf der Unterstützerliste. Der DFB hat sich gesprächsbereit gezeigt, dabei stand das Ergebnis doch schon von vorneherein fest. Da war die Ultraszene sicher etwas naiv, sie könnte in der Pyrodebatte etwas erreichen. Allein die gesetzlichen Auflagen sind zu hoch. Ich sehe keine Chancen, dass Pyrotechnik jemals im Stadion legalisiert wird.
Hettich: Die Ultraszene hat auf jeden Fall gezeigt: Sie ist gesprächsbereit. Die Tür ist aufgemacht. Es ist jedoch schade, dass die Pyrofrage die alles überlagernde Debatte ist. Da hat sich die Szene thematisch etwas zu sehr festgefahren. Da kann man nur wenige normale Zuschauer mitnehmen. Das war früher auch schon anders, als es zum Beispiel um die Anstoßzeiten ging. Da gab es einen breiten Rückhalt für die Aktionen und deshalb konnte man etwas erreichen. Es gibt auch noch andere wichtige Themen wie die immer höheren Eintrittspreise. Da wäre eine Positionierung möglich, die auf mehr öffentliche Akzeptanz stoßen würde als die Pyrodebatte.
BZ: Es gab auch zwischen SC und Ultras Diskussionen, etwa um personalisierte Eintrittskarten. Wie ist das Verhältnis zur SC-Führung?
Hettich: Wir stehen in stetigem Austausch. Wir sind in den Sachfragen nicht immer einer Meinung, aber befinden uns auf einem guten Weg. Beide Seiten suchen den konstruktiven Dialog. Zu den Tickets in Hoffenheim: Das Ärgernis war nicht, dass sie personalisiert waren, sondern dass sie nur für uns personalisiert wurden. Das heißt, die Supporters Crew konnte keine Karten für ihre Mitglieder kaufen, sondern jeder sollte sein Ticket gegen Vorlage des Personalausweises selbst kaufen. Langfristig wird man sich der Thematik aber ohnehin stellen müssen, weil die personalisierten Tickets sicher auch in Deutschland kommen werden, wie es sie in vielen Ländern gibt.
BZ: Zum Ende der Hinrunde gab es Aktionen der Polizei, die bei den minderjährigen Mitgliedern Ihrer Vereinigung auf den Jugendschutz achtet. Wie ist das Verhältnis der Supporters Crew zur Polizei?
Hettich: Die Polizei muss ihre Arbeit machen. Die Fans müssen so cool sein, dass sie nicht von zum Teil seltsamen Polizeiaktionen provozieren lassen. Wenn man der Polizei einen Ermittlungsansatz bietet, wird sie den nutzen. Die Regeln sind klar. Zum Jugendschutz: Die Supporters Crew nimmt das Thema durchaus ernst. Hierzu erscheint heute zum Heimspiel auch ein mehrseitiges Arbeitspapier.
BZ: Jüngst gab’s im SC-Stadionheftchen einen offenen Brief der Fangemeinschaft, von mehr als 50 Fanclubs unterzeichnet. Dort ging man auf Distanz zur Supporters Crew. Es wurde die Rückkehr auf den "Weg der Kommunikation" gefordert.
Hettich: Was den offenen Brief angeht: Da werden so viele Themen angesprochen, dass eigentlich gar kein Thema mehr angesprochen wird. Aber wir begrüßen die Forderung nach Kommunikation, wir sind immer gesprächsbereit und freuen uns, dass die Fangemeinschaft endlich wieder aktiv am Fanleben in Freiburg teilnehmen will.
- Fan-Kongress: Alles außer Pyros – Fußballfans diskutieren in Berlin
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Autor: Joachim Röderer


