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04. Oktober 2010
50 Mal Freiburg
Vauban, was es singt und macht
Lieder im Raum der Stille, freies Gestalten und Suche nach Hausgemeinschaft – ganz Vauban auf einer Pinnwand
Kaum Autos, aber so viele Solarzellen, Passivhäuser, Doppelnamen-Straßen und Ökos wie nirgends sonst – das ist Vauban. Das wissen selbst Japaner und all die anderen Touristen, die man durch Freiburgs Modellviertel führt. Und das Öko-Ding ist auch nur die halbe Wahrheit. Jeder sollte spätestens jetzt, da der Stadtteil ein Jahrzehnt besteht, auch die andere Hälfte kennen – die gemeinschaftliche, engagierte, esoterische. Wer fürs Ganzheitliche wenig Zeit hat, schaut einfach bei "Bennys Backwaren" vorbei, zu finden in Vauban-Mitte neben Food-Kooperative und Koko (Konstruktive Konfliktbearbeitung) und zwischen den Kurt-Tucholsky-Straße-Einmündungen. Die Pinnwand in Bennys Schaufenster spiegelt die Vielfalt des Quartiers auf kleinstem Raum.
Da wirbt die Freie Heilpraktikerschule oder eine Tanz- und Ausdruckstherapeutin für Mutter/Vater-Kind-Kurse in den ökumenischen Kirchenräumen "Oase". Das Karaoke-Ensemble, ist zu lesen, singt jiddische Lieder, der Freiburger-Frauen-Sing-Kreis Spirituelles und Chants, die "die Seele zum Klingen bringen", im Raum der Stille (!) in Haus 037. Manche bieten Tai-Chi oder freies Gestalten mit Ton. Andere kündigen Internationales an wie einen Kurs für türkische Küche (von Frauen für Frauen) oder wollen die Globalisierung gerecht gestalten (attac). Es gibt natürlich auch Aushänge für Bücher, Ausstellungen, Flötenunterricht, Vorträge und Seminare, wenngleich diese von Erdstrahlen handeln oder einen "achtsamen Raum" bieten. Und natürlich gibt es Wohnungsgesuche, aber eben in Vauban: "Suche neuen Lebensraum!", plakatiert eine Erzieherin. Eine Zeichnerin stellt sich und ihre Katze potenziellen Vermietern gleich im Selbstporträt vor. Jemand muss aus seiner Wohnung, will aber im Stadtteil bleiben, gerne in netter Hausgemeinschaft. Andere gehen ganz bewusst: Eine Haus-WG zieht nach Heitersheim und hat noch zwei Zimmer frei, andere suchen Menschen mit Weitblick für ihr Bauprojekt 15 Minuten von Freiburg entfernt – das Foto einer Bergwiese legt den Verdacht nahe, dass das Autominuten sind. Ein anderer Pinnwändler ist wohl erst ins fahrzeugreduzierte Quartier gezogen: Er will einen Kindermotorradsitz verkaufen.
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Vauban-Anfänger, die am Schaufenster stehen, bekommen nebenbei einen Einblick in die restliche Lebenswelt: Mütter beklagen im Vorbeigehen die einfache Satzstruktur eines Kinderbuchs oder sind mit Rad und Anhänger unterwegs, ein Breisgaumilch-Fahrer rollt palettenweise Bio-Milch in die Genova-Wohngenossenschaft (generationsübergreifend, selbstverwaltet), die Tramlinie 3 rattert Richtung Kommando Rhino (die Besetzer des letzten freien Quartierszipfels haben mit der Militärvergangenheit Vaubans nichts am Hut). Vor Bennys Laden stehen Bänke, kunterbunt, keiner aus Plastik. Drin fragt ein alter Mann, der auf dem Weg nach St. Georgen Brot kauft, nach einer Tüte. Die Verkäuferin gibt ihm was ähnliches, einen Plastiksack "halt ohne Henkel". Draußen lächelt der Mann sanft. Wie hier die Kinder springen können und wie selbständig sie sind, das gefällt ihm.
Autor: sh


