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21. September 2009
Freiburg
Wahlkampf: Schweigen, Applaus und auch mal Pfiffe
Einmal im Autohaus, einmal in Weingarten: Die Bundestagskandidaten punkteten sehr unterschiedlich – je nach dem, vor welchem Publikum sie saßen
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Sascha Fiek Foto: Michael Bamberger
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Eckart Kretzer Foto: Michael Bamberger
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Kerstin Andreae Foto: Michael Bamberger
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Gernot Erler Foto: Michael Bamberger
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Daniel Sander Foto: Michael Bamberger
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Die Kandidaten auf dem Podium im Autohaus (von links) und in ihren Gesten (Fotos unten): Daniel Sander (CDU), Sascha Fiek (FDP), die Moderatoren Matthias Rebmann (Wirtschaftsjunioren Freiburg) und Stefanie Werntgen (TV Südbaden und baden.fm), Kerstin Andreae (Grüne), Gernot Erler (SPD) und Eckart Kretzer (Ersatzkandidat Die Linke). Foto: michael bamberger
In Freiburg reicht es nicht, nur mild von Wahlplakaten herabzulächeln. Beim Kampf um das Direktmandat für den Bundestag könnte es eng werden – deswegen stellen sich die Kandidaten und Kandidatinnen immer wieder an Rednerpulte und klettern auf Bühnen. Im Wahlkreis 281 "Freiburg und Umland" zählt jede Stimme – vor allem jede Erststimme: Gernot Erler (SPD) möchte sein Direktmandat unbedingt verteidigen, doch Daniel Sander (CDU) und Kerstin Andreae (Bündnis 90/Die Grünen) hoffen ebenfalls auf den Sieg. Außerdem mischen Sascha Fiek (FDP) und Uta Spöri (Die Linke) mit.
Überzeugungskraft und Schlagfertigkeit sind bei Podiumsdiskussionen sowieso gefragt. Vergangene Woche wurde eine weitere Eigenschaft von den Freiburger Bundestagskandidaten und -kandidatinnen verlangt: Wandlungsfähigkeit. Denn erst waren die Kontrahenten bei den Wirtschaftsjunioren in einem Autohaus zu Gast, einen Abend später stellten sie sich den unkonventionellen Aufgaben des Forums Weingarten. Wo gerade noch junge Unternehmer und ihre Gattinnen aus wohlgeordneten Reihen nach oben blickten, standen am Tag darauf bunt besetzte Gruppentische vor großen Protestplakaten. Hier gab es kostenlosen Sekt und Häppchen, dort Zwiebelkuchen und Kürbissuppe.Werbung
Doch was für die finanzkräftigen Freiburger gilt, gilt auch für die Bewohner des sozial schwachen Stadtteils: Ihre Stimme zählt, also werden sie als Wähler umworben. Ein erfolgreicher Kandidat muss sich beim Händeschütteln und Schulterklopfen genauso bewähren wie bei Buhrufen und Beschimpfungen.
In die Verkaufshalle eines Autohändlers sind am vergangenen Donnerstagabend mehr als 100 Gäste gekommen, die Herren in Anzügen, die Damen mit dezentem Schmuck. Als die Abwrackprämie zur Sprache kommt, wendet sich die Grüne Kerstin Andreae an das exklusive Publikum: "Fünf Milliarden Euro wurden auf dem Schrottplatz versenkt. Ich weiß ja nicht, wie das hier in einem Autohaus gesehen wird", probiert es die stark auftretende Oppositionspolitikerin. Doch unter den Neonleuchten rührt sich niemand. Bei der Veranstaltung "Freiburger Bundestagskandidaten auf dem Prüfstand" fällt die Prüfung nicht besonders schwer aus. Die beiden Moderatoren wirken harmlos, und nur ab und an fordern sich die politischen Gegner heraus. "Wir haben bis zum Jahr 2020 niemals fünfzig Prozent regenerative Energien. Da können Sie dem Publikum auch erzählen, dass wir bis dahin den Weltfrieden haben", punktet der FDP-Kandidat Sascha Fiek und erntet viel Applaus. Während der Liberale von Anfang an der Publikumsliebling war, hätte SPD-Mann Gernot Erler mit Sicherheit den Zeitkonto-Wettbewerb gewonnen. Keiner redet mehr und unterbricht erfolgreicher als der SPD-Spitzenmann. CDU-Kontrahent Daniel Sander hingegen kommt kaum zu Wort, selbst zaghafte Versuche wie "Ich würde auch gerne noch mal" zeigen wenig Erfolg. Für die verhinderte Uta Spöri sitzt Eckart Kretzer auf dem Podium, doch der Linke hat es schwer vor einem Publikum, "das die Arbeitsplätze schafft" (Fiek) – meistens erntet Kretzer allenfalls ein müdes Lächeln von allen Seiten.
Ganz andere Voraussetzungen herrschen am Freitag in der Erwachsenenbegegnungsstätte in Weingarten, wo Uta Spöri das Wohlwollen klar auf ihrer Seite hatte. Zum 20-jährigen Bestehen des Forums Weingarten sitzen die Kandidaten auf der "Heißen Kautsch", die jeweils nach Parteizugehörigkeit farblich dekoriert ist. In dem prall gefüllten Raum will das Publikum vor allem wissen, was die Kandidaten und Kandidatinnen mit Weingarten verbindet. Für die angehenden Berlin-Politiker keine leichte Aufgabe; außerdem müssen vor allem die beiden schwarz-gelben Kandidaten Daniel Sander und Sascha Fiek gegen Zwischenrufe und Lachen ansprechen, immer wieder schallen ihnen auch Pfiffe und abwertende Kommentare entgegen.
Kerstin Andreae und Gernot Erler kommen wie schon am Vorabend nebeneinander zu sitzen und nutzen diese Nähe: Sie bestärken sich gegenseitig und geben das ideale Paar für ihre rot-grüne Wunschkoalition. In der Abschlussrunde müssen die Fünf aus unterschiedlichen politischen Themen ihre fünf Favoriten in einen Kochtopf werfen – heraus kommen sehr eigene politische Süppchen. Wobei die Kandidaten darum ringen, aus dem politischen Einheitsbrei hervorzustechen – um damit auch dem Vorurteil "Politiker sind sowieso alle gleich" zu begegnen.
Autor: Doreen Fiedler


