Freiburg

Backwards Dreaming – Tanztheater mit Senioren

Marion Klötzer

Von Marion Klötzer

Mo, 10. März 2014 um 08:09 Uhr

Theater

Von der Bühnendecke des Werkraums im Theater Freiburg baumelt ein Wald aus altmodischen Frauenkleidern über weißen Küchenstühlen, eine Wandprojektion zeigt diese Szene zeitgleich wie ein grobkörniges Foto in blauem Licht.

Im Hintergrund ein sehnsuchtsvoller Song aus den 50ern. Sofort taucht man ein in dieses bittersüße, angestaubte Dachboden-Ambiente (Ausstattung: Nina Hofmann), durch das sich wenig später zwölf junge und alte Menschen entschieden, zögerlich, neugierig oder verspielt bewegen. Als Koordinaten dienen aufgeklebte Punkte auf dem Boden: das Leben, ein Brettspiel aus vorgezeichneten Linien und Entscheidungen.

"Backwards Dreaming", so der Titel des biografischen Tanztheaters vom Freiburger Senioren-Ensemble "Methusalems" mit sechs ausschließlich weiblichen Jugendlichen. In seiner Grundkonzeption ein klassisches Generationenprojekt: Die einen stehen im Durchschnittsalter von Mitte 70 ziemlich gelassen fast am Ende ihres Weges, die anderen am verheißungs- und auch sorgenvollen Anfang. Unter Leitung der Choreografen Gary Joplin und Emma-Louise Jordan suchte man seit September letzten Jahres intensiv die persönliche und künstlerische Begegnung: In Tandems begleiteten sich Alt und Jung gegenseitig einen Tag lang durch Schule und Freizeit. Biografische Texte zu Themen rund um Lebenswendepunkte entstanden und wurden in Szenen mit unterschiedlichen Perspektiven nachgespielt. Alltagsgesten lieferten Bewegungsmaterial bis hin zur Einzel- und Gruppen-Choreografien. Vor allem letzteres war Neuland und oft mühsame Herausforderung für die Methusalems, die sich engagiert einließen und ihre Möglichkeiten zu ungeahnten Grenzen ausloteten.

Und so sind vor allem die Gruppen- Choreografien beeindruckend und machen "Backwards Dreaming" zu einem besonderen Bühnenerlebnis über den sozialen Aspekt hinaus. Nicht nur ist es spannungsreich, alte und junge Körper in einem Tanz auf Augenhöhe zu erleben. Ist dieser Tanz auch noch expressiv und funktioniert in annähernder Synchronizität, in Loops und Wellen, entsteht etwas sehr Zauberhaftes und Berührendes: ein gemeinsames Thema in ganz unterschiedlichen Tempi und Rhythmen. Vor allem hier hätte man sich energetisch ein paar männliche Jugendliche gewünscht, die ihre betagten Geschlechtsgenossen unterstützen und spiegeln – und den Bogen von jenen projizierten Schwarz- Weiß-Jugendporträts ins Jetzt schlagen.

Zwischen Tanz und szenischen Sequenzen gibt es häppchenweise Videomaterial (Benedikt Grubel): Besuche bei allen Teilnehmern zu Hause in Küchen, Studi-Buden und Wohnzimmern, Statements zu Erfahrungen rund ums Projekt, Erinnerungen in Form alter Fotos und Erzählungen. Eine sehr persönliche und facettenreiche Dokumentation verschiedener Lebenswirklichkeiten und der gemeinsamen Arbeit, die oft zu Publikumserheiterung führt. Die angerissenen Themen kommen wenig später in der Perspektive zweier Generationen auf die Bühne: hier Prüfungs- und Lebensangst, dort Kriegstraumata, hier verpasste Gelegenheiten dort Orientierungslosigkeit. Bis alles in einer anrührenden Tanzstunde in den 50er Jahren mündet: tuschelnde Mädchen auf Stühlen wie Hühner aufgereiht, Jungs mit schwitzigen Händen. Daran hat sich die Form, doch nicht der Kern geändert – und so ist es auch besonders schön, wie zart manch Senior seine junge Tanzpartnerin führt, als ob sie seine erste große Liebe wäre.
–  Weitere Aufführungen: 13. und 27. März sowie 17. und 26. April, jeweils 19 Uhr. Am 16. März um 16 Uhr. Theater Freiburg, Werkraum. 0761/4968888.