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04. April 2009

Juwel aus der Hülse

Die Linse: Aus dem schwäbischen Arme-Leute-Essen ist ein Liebling der Feinschmecker geworden / Von Petra Kistler

  1. Noch wird auf der Schwäbischen Alb die aus Frankreich stammende Le-Puy-Linse angebaut. Doch schon bald sollen zwei alte Alb-Sorten dazukommen. Foto: PROMO

Es ist das schwäbische Nationalgericht schlechthin: Linsen mit Spätzle. Und es kam aus der Region: Noch in den 50er Jahren wurden in großem Umfang Linsen auf den steinreichen Böden der Schwäbischen Alb angebaut. An mageren Standorten wachsen die Linsen besonders gut, fette Böden mögen sie nicht.

Die unscheinbare Hülsenfrucht deckte in bescheideneren Zeiten den Eiweißbedarf vieler Familien. Dann verschwand die Frucht vom Acker, weil der Anbau mühsam war und die Importe billiger waren. Die Linse stand zwar weiter auf dem Speiseplan der Schwaben, doch die Hülsenfrüchte kamen nicht mehr von der Alb oder aus den württembergischen Tälern des Schwarzwaldes, sondern aus Kanada, der Türkei oder Indien. Heute sind die braun-grünen Alb-Linsen auf dem besten Weg, zu einer regionalen Spezialität zu werden.

Seit mehr als 20 Jahren bemüht sich Bioland-Bauer Woldemar Mammel aus Lauterach bei Riedlingen um die Winzlinge. Mit beachtlichem Erfolg: Obwohl die Anbaufläche um ein Drittel auf gut 75 Hektar vergrößert wurde, können er und die Erzeugergemeinschaft überhaupt nicht so viel Alb-Linsen ernten, wie sie verkaufen könnten. Bislang verwenden die Biobauern die in den 80er Jahren aus Frankreich importierte Le-Puy-Linse. Die schwäbischen Alb-Linsen galten jahrzehntelang als verschollen.

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Aus Sicht der Ernährungswissenschaftler sind Linsen ein Juwel: Gemeinsam mit Spätzle liefern die eiweißreichen Hülsenfrüchte dem Körper eine optimale Kombination von Aminosäuren. Weltweit ist der Nährwert des schwäbischen Lieblingsgerichtes nur zu vergleichen mit Kombinationen wie Mais mit Bohnen in Lateinamerika oder Reis mit Soja in Asien. Die in Schwaben ebenfalls typischen "Saiten" (Wiener Würstchen) und das ordentliche Stück Bauchspeck kamen als Zugabe erst in den Wohlstandsjahren hinzu.

So groß der Genuss von Linsen ist, so mühsam ist der Anbau. Denn die Linse braucht eine Stützfrucht. Auf der Schwäbischen Alb wird hierfür vor allem Braugerste verwandt. "Ein Linsenacker sieht aus wie ein Getreidefeld mit ein bisschen Unkraut drin", beschreibt Woldemar Mammel die Produktion. Früher mussten die Kinder – wie Aschenputtel im Märchen – die kleinen Linsen aus dem Gersten-Unkraut-Gemisch herauslesen. Heute übernimmt diese Arbeit ein Gewichtsausleser; eine Maschine, die die Linsen mechanisch von Steinen und anderen leichten Körnchen trennt.

Die umtriebigen Linsen-Bauern von der Alb haben aber noch größere Pläne. Jahrelang fahndeten sie nach der verloren geglaubten Alblinse. Vor zwei Jahren, wir haben es groß berichtet, wurden sie fündig: Im Wawilow-Institut im russischen St. Petersburg fanden sie die "Alblinse 1" und "Alblinse 2". Und zwar in einem keimfähigen Zustand. Ein 100-Gramm-Tütchen mit den seltenen Linsen fand den Weg wieder zurück auf die Schwäbische Alb – es war ein Geschenk der russischen Saatgutschützer. Jetzt wird die Alblinse wieder sorgsam hochgepäppelt. An mehreren Standorten wurden die Pflanzen im vergangenen Jahr ausgesetzt und eingepflanzt. Mittlerweile gibt es von den verschiedenen Spielarten der Original-Alb-Linse wieder einige Kilogramm. Die Anbauer um den bärtigen Bauer Mammel sind mehr als zufrieden: Trotz Schädlingsbefalls, Feuchtigkeit und anderer Unbilden war der Vermehrungsfaktor am Ende unerwartet hoch: Aus einer Linse wurden 500. Zudem tauchte in den vergangenen eineinhalb Jahren immer wieder altes Linsensaatgut auf Dachböden oder Kellern auf.

Die Verbraucher müssen sich freilich noch ein kleines Weilchen gedulden, ob die original Alblinsen auch gut schmecken. Frühestens im kommenden Jahr steht die erste Verkostung an. Mit dem Verkauf kann vermutlich nicht vor 2011 begonnen werden. Doch bis dahin muss kein Linsenfreund darben. Ob schwarze Beluga-Linsen oder die grünen Le-Puy-Linsen, Sorten gibt es jede Menge. Dabei gilt eine Faustregel: die kleinen Sorten sind knackiger (und teurer) als die größeren Tellerlinsen. Sie sind in Feinkostläden und Naturkostläden zu finden.
Weitere Informationen zu den Alblinsen im     Internet unter www.alb-leisa.de

Autor: Petra Kistler