01. Februar 2009 17:12 Uhr

"Sagt Lila"am Theater Freiburg

Chimo , Lila und die Liebe

"Sagt Lila" ist eine Liebesgeschichte aus der Pariser Vorstadt, eine Geschichte über Hoffnungslosigkeit, die Sprache der Hoffnungslosigkeit – und über die Ausbruchsversuche von Chimo und Lila.

Lila und Chimo (Elisabeth Hoppe und Konrad Singer) | Foto: claudia Kanik
Chimo ist ein Jugendlicher aus der Banlieue, aber kein gewöhnlicher. Zwar ist er genauso perspektivlos wie alle anderen um ihn herum auch, aber er hat sich in einem alten Abrissgebäude ein "Büro" eingerichtet. In das geht er regelmäßig und schreibt. Besonders über Lila. Lila ist auch ein Banlieue-Kid, aber kein gewöhnliches. Als sie Chimo zum ersten Mal sieht, fragt sie ihn: "Willst du meine Möse sehen?" So redet sie immer mit ihm. Nur mit ihm, wie Chimo später erfährt.

"Sagt Lila" ist eine Liebesgeschichte zwischen zwei Jugendlichen in einem Umfeld, in dem die Chancenlosigkeit bis in die Sprachverarmung hineinregiert. "Hier geben alle, die hier wohnen, sich mit so einer scheißarmseligen Sprache zufrieden, wenn die einmal kotz und ciao gesagt haben, ok Scheiße Sack Macker Schlampe und fick dich selbst, dann haben sie schon alle Wörter aus dem Käfig gelassen, die drin sind", beschreibt Chimo den Zustand.

Chimos Käfig ist größer. Er sperrt alle Worte in zwei rote Schulhefte, die Mitte der Neunziger anonym als authentische Lebensgeschichte bei einem französischen Verlag landen und zum Bestseller werden. Die Identität und damit auch die Authentizität des Autors ist bis heute ungeklärt, spielt vielleicht auch keine Rolle, weil die literarische Kraft des Textes überzeugend genug ist. So überzeugend, dass der Stoff schon mehrmals auf die Bühne gebracht und auch verfilmt wurde.

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Die Freiburger Kammerbühne, auf der "Sagt Lila" am Freitag Premiere hatte, bildet einen kongenialen Rahmen für diese Geschichte. Etliche Vorstellungen haben den Raum in dieser Spielzeit bereits in Besitz genommen und ihre Spuren hinterlassen. Das ist die Strategie, die sich der Künstler Moritz Müller und der Dramaturg Arved Schultze für diese Bühne ausgedacht haben. Für Chimo und Lila ist es damit wie in der Pariser Vorstadt auch. Nichts ist für sie gemacht, sie sind dort gestrandet. Um sich wenigstens etwas heimisch zu machen, bleiben: Zusammenklauben, Graffiti und Vandalismus.

Die Inszenierung von Luzius Heydrich übernimmt dieses Prinzip. Übereinandergestapelte Rollcontainer taugen als Hochhaus oder Liebesnest, und ab und zu darf Chimo mal ein Stück Tapete abreißen. Im Übrigen vertraut die Regie der Intensität des Spiels von Konrad Singer (Chimo) und Elisabeth Hoppe (Lila). Zu Recht. Faszinierend, wie sie die zwei verschiedenen Ausbruchsversuche aus der Hoffnungslosigkeit verkörpern und begreifbar machen. Das Switchen zwischen Banlieue-Lebensgefühl und literarischer Kunstfertigkeit und dem Hinabgesogenwerden in die dumpfe Paralyse der Vorstadtjugend, dieses Auseinanderklaffen zwischen Schreibmacht und Handlungsohnmacht gelingt Singer, der in dieser Saison vom Berliner Ensemble zum Theater Freiburg gewechselt ist, exzellent. Und wie Hoppe die Mittel der Pornographie so weit treibt, bis die Zartheit darin sichtbar wird, ist beeindruckend. Ein starkes Stück. Behutsam inszeniert und höchst intensiv gespielt.
– Nächste Vorstellungen: 8. und 11. Februar., 6., 22. und 29. März, 20.30 Uhr, Kammerbühne. Tel. 01805/556656.  

Autor: Jürgen Reuß



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