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09. Mai 2012 00:01 Uhr
Umwelt und Natur
Dauerstreit zwischen Förster und Jägern vor dem Ende
Angeknabberte Triebe, abgeschabte Rinde: Förster wollen, dass Jäger mehr Rehe schießen, die Jäger fühlen sich unter Druck gesetzt. Der Dauerstreit zwischen Forst und Jagd könnte jetzt in Friesenheim beendet sein – weil man miteinander redet.
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Waldbewohner mit großem Hunger: ein Rehbock Foto: dpa
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Ein junger Baum, der an der Spitze wahrscheinlich von einem Reh verbissen wurde. Foto: Bastian Henning
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Jagdpächter Josef Burbach Foto: Bastian Henning
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Förster Christian Junele Foto: Christoph Breithaupt
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Kunststoffklammern sollen den Spitzentrieb schützen. Foto: Bastian Henning
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Hier hat ein Rehbock sein Geweih gefegt – und den jungen Kirschbaum damit schwer verletzt. Foto: Bastian Henning
Förster und Jäger lieben sich nicht oft. Für Erstere wäre ein Wald ohne Rehe das Paradies. Wollen sie ihren Waldbetrieb möglichst wirtschaftlich führen, sind Rehe ganz nüchtern betrachtet Schädlinge. Denn sie knabbern an den frischen Trieben junger Bäume und Böcke malträtieren die Rinde von Ästen und Stämmen mit ihrem Geweih. Für die Jäger wiederum kann es nicht genug Wild im Wald geben. Sie wollen schließlich nicht ewig auf einem zugigen Hochsitz ausharren müssen, bis ihnen irgendwann einmal ein scheues Reh vor die Flinte läuft. Es ist ein Nutzungskonflikt wie aus dem Bilderbuch.
In Friesenheim ist er das letzte Mal bei der Aufstellung des Zehnjahresplans für den Friesenheimer Wald im Mai 2010 offen zutage getreten. "Die Jäger müssen ihrer Verpflichtung nachkommen und mehr schießen", sagte Friesenheims Gemeindeförster Christian Junele damals. Bürgermeister Roesner schätzte das Problem auf einen Schaden, der in die Hunderttausende Euro geht. In Jungtannenbeständen kann der Schaden laut Bernhard Ihle, Lahrer Forstbezirksleiter, 480 Euro pro Hektar erreichen. Das ist um so gravierender, als die Forstdirektion angesichts des Klimawandels zunehmend auf die Tanne als ökonomischer und ökologisch flexibler Baumart setzt.
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Rehe sind ausgemachte Naschkatzen. Sehr gern knabbern sie an den frischen Trieben junger Bäume. Böcke fegen ihr hervorschießendes Geweih besonders gern an Ästen und Stämmen. Am Ende stehen verkrüppelte Jungbäume, die für den Waldbesitzer letztlich einen finanziellen Verlust darstellen.
Weil Rehe in Mitteleuropa kaum noch einen natürlichen Feind haben, spielen Jäger eine wichtige – sicher aber nicht ausschließliche – Rolle, um ihre Zahl zu kontrollieren. Wie viele Tiere sie schießen sollen, besprechen Förster und Jäger. Ein wichtiges Kriterium ist dabei, wie stark die Verbissschäden im Wald ausfallen. In 95 Prozent der Fälle einigen sich Gemeinde und Jäger auf Abschusszahlen, heißt es beim Landratsamt. Dieses entspricht in der Regel diesem Vorschlag und legt damit beim Rehwild einen Abschussplan für drei Jahre fest. Der Jagdpächter belegt die Abschüsse in sogenannten Streckenlisten. "Das lässt sich aber nicht nachprüfen", sagt Christian Junele. Vertrauen ist gefragt. Nach der bemerkenswert offen formulierten Kritik des Friesenheimer Försters in Richtung der Jagdpächter im Mai 2010 sieht er jetzt erste Erfolge. "Wir haben das Gespräch mit den Pächtern gesucht, wo es gehapert hat", so Junele.
Jetzt sehe man in Ansätzen, dass schon mehr Jungwuchs hochkomme und in der kritischen Phase unverbissen bleibt. "Fakt ist, dass es durch die intensiven Gespräche, die wir geführt haben, besser geworden ist", bestätigt Elmar Henninger seitens der Gemeinde Friesenheim. "Wir dürfen nicht erst den gesamten Dreijahreszyklus des Abschussplans abwarten, sondern müssen reagieren und das Gespräch suchen, wenn wir sehen, dass etwas schiefläuft."
Durchaus selbstkritisch zeigt sich der langjährige Friesenheimer Jagdpächter Josef Burbach. Der 48-Jährige hat drei Reviere gepachtet: eines in Oberschopfheim, eines in Friesenheim und eines im Oberweierer Feld. Dort jagt er mit rund sechs festen Helfern. "Es stimmt: Wir müssen mehr jagen, vor allem in den Lothar-Flächen, die seither für Rehe Unterschlupf und Äsung bieten, wo es der Baumjungwuchs aber schwer hat."
Um den Dauerkonflikt zu entschärfen, spricht Burbach sich gegen starre Abschusspläne und feste Planzyklen aus. "Als Jagdpächter muss ich sehen, wo es im Revier einen zu hohen Verbissdruck gibt. Wenn ich das erkenne, jage ich dort eine Zeit lang intensiver. Aber hier darf ich nicht an einen Abschussplan gekettet sein."
Josef Burbach, Jagdpächter
Eine Aufgabe freilich, die mit dem geänderten Freizeitverhalten der Menschen nicht einfacher geworden ist. "Wenn die Leute heute nach der Arbeit in der Dämmerung noch mit der Stirnlampe durch den Wald joggen müssen, dann haben wir kaum noch eine Chance, zum Schuss zu kommen", sagt Burbach. Dabei seien Ansitz und Schuss der kleinste Teil der Arbeit. "Die meiste Zeit muss ich als Jagdpächter in die Arbeiten rund ums Revier investieren, also etwa in die Vermarktung des Fleisches oder die Revierpflege", schätzt Burbach. So sind es in Friesenheim die Jagdpächter, die zum Beispiel kleine Plastikklammern auf die Spitzentriebe junger Tannen setzen, damit sie vom Reh verschont werden. Die Klammern gibt die Gemeinde Friesenheim über den Forst aus, finanziert sie also.
Nun scheint sich die Stimmung zwischen Jagd und Forst in Friesenheim tatsächlich zu bessern. "Im Großen und Ganzen sind wir mittlerweile zufrieden", sagt Förster Junele. Das dürfte nicht unwichtig sein, wenn im März 2013 sieben von 13 Jagdpachtverträgen in der Gemeinde wieder auf neun Jahre hinaus neu vergeben werden. Würden alle Stricke reißen, könnte die Gemeinde das Pachtsystem ändern, wie bei der Stadt Lahr geschehen (siehe Kasten unten).
In der Landwirtschaft sind vor allem Wildschweine ein Problem. Sie haben zuletzt in Friesenheim immer wieder die Äcker einzelner Landwirte durchwühlt und beschädigt. Um dem entgegenzuwirken, hat die Gemeinde im Jahr 2011 den Dialog zwischen Jagdpächtern, Landwirten und der Verwaltung verstärkt. Das teilt die Gemeinde selbst in einer Pressemitteilung vom März mit. Bei einem Runden Tisch seien Maßnahmen erörtert worden, um die Situation zu verbessern.
So sei es etwa seitens der Jäger nötig, Hochsitze am Waldrand im Vorfeld der Waldjagd aufzustellen. Gefährdete Feldfrüchte und Sonderkulturen sollen zum Beispiel mit Elektrozäunen geschützt werden. Abgeerntete Maisäcker mit Ernterückständen sollen zur Vermeidung von Schäden in der Folgefrucht möglichst erst nach einigen Tagen bearbeitet werden.
Sammelten die Landwirte Fallobst von den Flächen und entfernten sie Mähgut vermindere das die Attraktivität für Schwarzwild, so ein weiteres Ergebnis des Runden Tischs. In großen Maisäckern sollen künftig schon bei der Einsaat Schussschneisen durch die Einsaat anderer Kulturen angelegt werden. Die Gemeinde betont die neue Form des Dialogs zwischen den Beteiligten.
Autor: Bastian Henning





