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24. Juni 2012 17:17 Uhr

Neuhausen ob Eck

Garbage, Ärzte und The Cure – so war das Southside-Festival 2012

Hip-Hip-Hurra, alles ist wunderbar : Sonnenschein und gute Musik bescherte den 55.000 Besuchern in Neuhausen ob Eck ein gelungenes Southside-Festival. Stefan Rother war dabei.

  1. Sympathischer Trauerkloß: Robert Smith von The Cure Foto: Rother

Eigentlich müsste Shirley Manson traurig sein, verkündete die schottische Sängerin der amerikanischen Band Garbage doch in einem ihrer Hits, dass nur Regen sie froh stimme: "I’m Only Happy When It Rains". Doch nach zwei Jahren Schlammschlacht präsentierte sich das Southside-Festival in Neuhausen ob Eck dieses Jahr den 55.000 Besuchern zumindest bis Sonntagnachmittag mal wieder von der Sonnenseite. Aber nein, Manson, die zuletzt vor zehn Jahren hier aufgetreten war, war gut gelaunt. Schließlich hatte sie hinter der Bühne die Frontfrau von Florence and the Machine getroffen. Und Florence Leontine Mary Welch hatte ihr erzählt, dass erst der Besuch eines Garbage-Konzerts im Alter von 16 Jahren ihrem Leben eine Richtung gegeben habe: Seitdem wollte sie Musikerin werden.

Altgediente Gruppen als Hauptacts

Als Florence Leontine Mary Welch am Freitagnachmittag auf die Bühne trat, erinnerte sie allerdings weniger an Garbage als vielmehr an Kate Bush. Die englische Exzentrikerin hat zuletzt einige Nachahmerinnen gefunden, aber Florence and the Machine sind wohl die derzeit erfolgreichsten. Das ist nicht nur dem vergleichbar eigenwilligen Ausdruckstanz der Sängerin geschuldet, sondern vor allem der Erhabenheit, die die besten ihrer Kompositionen ausstrahlen. Passenderweise erinnerte der Bühnenhintergrund bei ihrem Auftritt dann auch an Kirchenfenster. Vor diesen stimmte Florence ihre Barockpop-Nummern wie "Shake It Out" an, die Geschichten von dunklen Stunden und neuen Chancen erzählen.

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Garbage sind dagegen eher für die kleinen dreckigen Erlebnisse zuständig. Eine Harfe wie bei Florence sucht man hier vergeblich; stattdessen feierte die Band vor allem in den 1990er Jahren große Erfolge, indem sie ihren Gitarrenrock elektronisch verfremdeten oder aufpolierten. Diese Mischung klingt heute nach einigen Jahren Pause wieder erstaunlich zeitgemäß. Die Aufgabenverteilung zwischen der Sängerin und ihren sonst als Studioproduzenten tätigen Mitmusikern bleibt dabei unverändert: Vorne steht Manson als Alleinunterhalterin, dahinter finden sich vier Herren – einer im Anzug, manche mit Glatze, alle mit Brille.

Bei den Hauptacts der ersten beiden Tage hatten die Veranstalter auf altgediente Gruppen zurückgegriffen, die zahlreichen anderen Bands als Vorbild gedient haben dürften. Bezeichnenderweise stehen bei beiden Berufsjugendliche an der Spitze, die wenig Veranlassung sehen, mit fortgeschrittenem Alter an ihrem musikalischen Konzept etwas zu ändern. Bei den Ärzten übernimmt Farin Urlaub weiterhin die Rolle des altklugen Oberstufenschülers, der sich an zweideutigen Wortspielen erfreut. Sein Kollege am Schlagzeug, Bela B. mimt dagegen den ewigen Lümmel aus der Raucherecke. Die Kombination findet auch bei Teenagern heute noch Anklang: Pünktlich zum Abpfiff des Deutschlands-Spiels stürmten diese, oft Schwarz-Rot-Gold geschmückt, vor die Bühne, auf der Die Ärzte passenderweise mit "Hip-Hip-Hurra, alles ist super, alles ist wunderbar" ihr Set eröffneten.

Ein Sänger in der Rolle des unheilbar melancholischen Teenagers

Robert Smith, Sänger von The Cure, gefällt sich dagegen in der Rolle des unheilbar melancholischen Teenagers. Eigentlich dürfte man es einem 53-Jährigen nicht mehr abnehmen, wenn er mit tieftrauriger Grabesstimme "Es macht keinen Unterschied, wenn wir alle sterben" anstimmt. Smith kommt aber damit durch, auch wenn er optisch mittlerweile weniger an einen depressiven Sprössling als an dessen etwas sonderbaren Onkel erinnert. Die Mähne erinnert weiterhin an ein verlassenes Vogelnest, der Lippenstift ist leicht verschmiert und schwarz die einzige Farbe im Kleiderschrank. Die Lieder von The Cure bleiben derweil zeitlos schön: Mit mehr als 20 Stücken und einer Spielzeit, die die angekündigten zwei Stunden noch deutlich überschritt, ging es quer durch 36 Jahre Bandgeschichte.

Wenn Smith mal nicht von Liebeskummer und verführerischen Stimmen im Wald, die ins Verderben führen, sang, sondern ein scheues Lächeln und ein paar unbeholfene Tanzschritte wagte, dann mochten auch viele der jüngeren Zuschauer diesen sympathischen Trauerkloß am liebsten in den Arm nehmen. Bei aller Schwermut ist der Brite aber auch ein erstklassiger Songschreiber, der bei Bedarf auch mal einen fröhlichen Popsong aus dem Ärmel schütteln kann und sogar ausnahmsweise das beschwingte "Lovecats" anstimmte. Zum Abschluss eines großartigen Sets verkündete Smith sogar ganz irdisch, dass England dieses Jahr aber nun wirklich mal Deutschland im Fußball schlagen werde. Gut möglich, dass man ihn bald wieder tröstend in den Arm nehmen muss...

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Autor: Stefan Rother