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16. Mai 2015 00:00 Uhr

Ratgeber

Berufsunfähigkeitsversicherung: Über den Betrieb geht’s einfacher

Eine Berufsunfähigkeitsversicherung sollte jeder Erwerbstätige haben. Den Schutz kann man individuell erhalten, oder über den Betrieb. Ein Vertrag über den Arbeitgeber bietet Vorteile.

  1. Je höher das Berufsrisiko, desto höher fallen auch die BU-Beiträge aus. Foto: dpa

Die Gesundheitsprüfung ist vereinfacht oder findet gar nicht statt. In der Regel fallen die Beiträge der Versicherten dank staatlicher Unterstützung niedriger aus.

Klaus P. * hatte eine Psychoanalyse hinter sich. In seiner Jugendzeit bekam er epileptische Anfälle. Seit P. die Epilepsie medikamentös behandelt, sind die Symptome jedoch verschwunden. Die gewünschte BU bekam er wegen der Behandlungen in der Vergangenheit trotzdem nicht. Der erste angefragte Anbieter lehnte ab, der zweite bot dem Mann zwar Versicherungsschutz – aber nur wenn eine Berufsunfähigkeit wegen psychischer Erkrankungen oder wegen der Epilepsie ausgeschlossen wird. P. ist trotzdem nicht schutzlos. Im Tarifvertrag seiner Branche ist eine BU verankert. P. erhielt diese BU ohne Fragen nach seiner Gesundheit. P. zahlt den gleichen Beitrag wie seine Kollegen ohne Vorerkrankung.

Individuell keine Berufsunfähigkeitsversicherung, über den Betrieb ohne Probleme dagegen eine günstige Police – das ist nicht selbstverständlich, sagt Felix Hänsler vom Versicherungsmakler Südvers aus Au, der Betriebs-BUs vermittelt. Allerdings, darin ist sich Hänsler mit den Versicherern und Verbraucherschützern einig, fällt die Gesundheitsprüfung einfacher aus, wenn sich Arbeitnehmer ihren Schutz über den Betrieb holen. Beate-Kathrin Bextermöller vom Verbrauchermagazin Finanztest sagt: "Es ist möglich, dass es in Betrieben Angebote mit sehr wenigen oder gar keinen Gesundheitsfragen gibt, sodass auch Arbeitnehmer mit Vorerkrankungen hier eine Chance haben, sich abzusichern." Die Allianz schreibt: "Im Kollektivgeschäft ist unter gewissen Voraussetzungen eine vereinfachte Risikoprüfung möglich."

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Je höher der Arbeitgeberzuschuss, je mehr versicherte Arbeitnehmer im Unternehmen, je homogener die Gruppe, desto niedriger sind die Hürden bei der Gesundheitsprüfung. Die Versicherer folgen wirtschaftlicher Logik. Zahlt beispielsweise der Arbeitgeber den vollen Beitrag zur BU, kann der Versicherer davon ausgehen, dass sich so gut wie jeder Arbeitnehmer über den Betrieb absichert. Der Versicherer erhält eine ausgewogene Mischung an Risiken. Mitarbeiter mit gutem Gesundheitszustand werden genauso unterschreiben wie Beschäftigte, die ein größeres Berufsunfähigkeitsrisiko aufweisen. Felix Hänsler sagt: "Übernimmt der Arbeitgeber 50 Prozent oder mehr der BU-Beiträge, entfällt die Gesundheitsprüfung gänzlich."

Trägt der Arbeitgeber jedoch nichts zum Versicherungsschutz bei, geht der Versicherer vom schlechtesten Fall für ihn aus. Er rechnet damit, dass vor allem diejenigen einen Vertrag unterzeichnen wollen, die ihr Risiko berufsunfähig zu werden, als hoch einschätzen. Entsprechend schärfer fällt die Überprüfung aus. So lassen sich auch die Unterschiede zwischen individueller und betrieblicher BU erklären. In der Gruppe sind Risiken überschaubarer als im Einzelfall. Peter Grieble von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg sagt: "Bei größeren Gruppen ist es für den Versicherer aufgrund statischer Zusammenhänge einfacher zu kalkulieren."

Der Gesetzgeber unterstützt die Betriebs-BU über die Förderung der betrieblichen Altersvorsorge auf dem Weg der Direktversicherung. Ebenso wie der Teil des Lohns, der in die betriebliche Altersvorsorge gesteckt wird, sind auch die Beiträge bei einer Betriebs-BU sozialabgaben- und lohnsteuerfrei. Es gibt keine Abzüge. Da der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer auf die BU-Zahlungen keine Sozialbeiträge entrichten müssen, spart auch der Chef Geld. In etlichen Betrieben gebe der Arbeitgeber diese Euro als Zuschuss an die Versicherten weiter, sagt Hänsler.

Aufgrund der gesetzlichen Förderung können Betriebs-BUs günstiger sein als individuelle Verträge. Ein 31-jähriger kaufmännischer Angestellter zahlt beispielsweise für eine einzelvertraglich abgeschlossene BU mit einer monatlichen Rentenhöhe von 1000 Euro nach Südvers-Berechnungen 45,10 Euro monatlich. Bei einer BU über den Betrieb mit 1250 Euro Rente ergibt sich eine Nettobelastung von 28,71 Euro. Mit eingerechnet ist hier ein 20-prozentiger Zuschuss des Arbeitgebers, was in etwa seinem Sozialabgaben-Vorteil entspricht.

Die höhere Rentensumme bei der Lösung über den Arbeitgeber hängt mit der Steuergesetzgebung zusammen. Da bei der Betriebs-BU die Beiträge bei der Einzahlung nicht steuer- und sozialabgabenpflichtig sind, greift der Staat bei der Auszahlung zu. Deshalb sollte die Rentensumme höher liegen als bei einer Individual-BU, deren Beiträge aus dem Einkommen stammen, auf das bereits Steuer und Sozialabgaben gezahlt wurden.

Die Betriebs-BU ist an das Unternehmen gebunden. Wer wechselt, kann seine BU weiterlaufen lassen – allerdings zu den schlechteren Individualtarifen. Der neue Arbeitgeber kann dem Arbeitnehmer jedoch ermöglichen, seinen Vertrag weiter aus dem Bruttoeinkommen zu finanzieren und so die Steuer- und Sozialabgabenvorteile zu nutzen. Möglicherweise bietet der neue Chef aber ebenfalls einen Gruppenvertrag. Einen Rechtsanspruch auf eine Betriebs-BU gibt es nicht.

Johannes Ullrich, Chef des gleichnamigen Freiburger Malerbetriebes und Präsident der Handwerkskammer Freiburg, hat sich für eine Betriebs-BU entschieden: "Für uns ist das ein Weg, unsere Mitarbeiter an uns zu binden und soziale Verantwortung zu zeigen." 50 Prozent der Beiträge stammen aus der Kasse des Unternehmens. Ullrich reagiert mit der Betriebs-BU auch auf das Zögern von Berufsgenossenschaften, Erkrankungen als beruflich bedingt einzustufen. Ist dies der Fall, zum Beispiel bei Arbeitsunfällen, müssen die Berufsgenossenschaften die Renten bezahlen.

Verbraucherschützer Grieble hält die betrieblichen Lösungen für interessant, warnt aber, ohne Prüfung zu unterschreiben. "Eine Betriebs-BU muss den gleichen Anforderungen genügen wie eine gute Individual-BU. Wegen ein paar Euro weniger an Beiträgen sollte man keinen nötigen Versicherungsschutz opfern. Vor allem Arbeitnehmer, die keine Schwierigkeiten haben, eine Individual-BU zu bekommen, sollten vergleichen und sich ein Angebot außerhalb des Betriebs einholen." *Name von der Redaktion geändert

Autor: Bernd Kramer