Fotokunst

Iwajla Klinke zeigt ihre großen stillen Fotoproträts in Gengenbach

Juliana Eiland-Jung

Von Juliana Eiland-Jung

Mo, 02. Juli 2018

Gengenbach

Haus Löwenberg zeigt großartige Fotografie von Iwajla Klinke.

GENGENBACH. Auf den ersten Blick könnte man meinen, das Haus Löwenberg in Gengenbach würde nun auch eine der omnipräsenten Ausstellungen mit Fotografien "moderner" Trachtenträger präsentieren. Es stimmt: Iwajla Klinke portraitiert ihre "Infantes" lebens- oder überlebensgroß vor dunklem Hintergrund, und unter anderem sind auch eine Schäpelträgerin oder eine alemannische Fasentfigur unter den Exponaten. Aber die oberflächliche Analogie zu den allgegenwärtigen tätowierten Schönheiten mit Bollenhut oder Schleifenhaube ist keine, denn die Idee hinter den Bildern ist eine grundlegend andere, und die Wirkung erst recht. Statt lautem Kontrast herrscht stille Intensität, statt ironischer Brechung überträgt sich Klinkes andächtiger Respekt vor Person und Tradition auf den Betrachter.

Während Museumsleiter Reinhard End am Freitagvormittag noch die letzten Rahmenhalter an die Wände schraubt, erzählt die in Berlin lebende ehemalige Filmemacherin über ihre künstlerische Arbeit als Fotografin, die es ihr ermöglicht, ihre Bilder ohne Kommentar, in Stille, präsentieren zu können. Für die Aufnahmen hat sie oft nur wenig Zeit, auch dies aus Respekt vor der Zeremonie, die sie dokumentiert. Technisch bleibt sie bewusst einfach: ein dunkles Tuch, eine digitale Spiegelreflex-Kamera, keine Nachbearbeitung. Doch die Vorbereitung auf die Foto-Termine, Recherche, Kontaktaufnahme, Anreise, Teilhabe an den Vorbereitungen der Feste, Eintauchen in die Atmosphäre des Ortes und den mythischen und/oder religiösen Gehalt der Zeremonie, dafür braucht Klinke Zeit, nimmt sie sich, und präsentiert ihre Fotografien dann mit Pigmentdruck auf Büttenpapier so würdig und wertvoll, dass sie an altmeisterliche Ölporträts eines Jan Vermeer erinnern.

Exotisch wirken viele der Gewänder, seien es die Sportanzüge junger schwäbisch-japanischer Kendo-Kämpfer oder eine mit echtem Schmuck behängte sizilianische heilige Veronika. Klinke hält Distanz, stellt aber nicht aus, sondern lässt gelten. Die Kinder und Jugendlichen sind nicht verkleidet, sondern tragen historisch überlieferte Kostüme, die mit Traditionen verbunden sind, die weit über ihre Lebenszeit und über die Lebenszeit von Generationen hinausweisen. Und sie scheinen sich dessen bewusst zu sein, blicken ernst und würdig in die Kamera oder verschwinden fast hinter Maske, Kragen, Ornat. "Mich fasziniert der Übergang zwischen Kind und Erwachsenem, der vielen dieser Rituale zugrunde liegt", sagt Klinke. Und die oft androgyne Unschärfe, in der ukrainische Jungen einen der ihren als Braut ausstaffieren oder schottische Mädchen in den Gewändern ihrer Großväter den ursprünglich von Jungen gepflegten Brauch ausüben, als Pferde ausstaffiert in einer Prozession mitzulaufen.

Ethnographisches Interesse, dokumentarische Genauigkeit, Emotionalität und Realismus, vor allem aber Schönheit zeichnen Klinkes Bilder aus. Eine faszinierende, sehr sympathische Künstlerin, großartige Bilder.

Iwajla Klinke: Infantes. Museum Haus Löwenberg, Gengenbach. Bis 4. November geöffnet Dienstag – Freitag 11 – 17 Uhr, Samstag, Sonntag, Feiertage 13 – 18 Uhr. Sonderführungen an den Wochenenden und nach Vereinbarung.