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15. Juli 2013

Kabarett mit Kraft und Körper

Eine großartige Sandra Kreisler erweist sich beim Gengenbacher Kultursommer als würdige Erbin.

  1. Sandra Kreisler Foto: PR

GENGENBACH. Sie war eine Eruption in Sachen Lebendigkeit. Sandra Kreisler, Tochter von Georg Kreisler und Topsy Küppers, ist eine unglaublich intensive Interpretin. Da ist zum einen dieses Alt-Timbre, stark rauchgeschwängert. Und ihre Präsenz! Die eliminierte beim Gengenbacher-Kultursommer-Auftritt am Freitag im Schwarzwaldhotel jegliche Distanz. Die Kreisler war immer hautnah und näher noch.

Wenn sie spricht, wenn sie singt, mit dem Publikum plauscht ist da eine Körperlichkeit, die einen packt. Wie sie ihre Chansons mit dieser Körperlichkeit unterstreicht, ist faszinierend. Da singt sie von der Vergänglichkeit des Moments, hebt zu einem ausperlenden Klavier-Arpeggio ihres kongenialen Begleiters Thilo Augsten wie resignierend die Hand und bläst diesen verlorenen Moment mit verlorenem Blick in die Verlorenheit – perdu für immer. Es passiert präzis auf der Achtelschlussnote! Und wirkt nicht ein bisschen einstudiert oder aufgesetzt! Auch das ist Sandra Kreislers Fähigkeit: Echt zu wirken. Oder besser, echt zu sein.

Eine Zeitreise durch das Kabarett-Chanson hatte sie angekündigt. Die Lieder ihres Vaters, die für so viele Interpreten, die nicht Kreisler heißen, ein kaum zu bewältigendes Erbe sind, nehmen dabei einigen Raum ein. Sandra Kreisler erweist sich hier als große Diseuse und Darstellerin. Wie sie die beim "Opernboogie" die Textzeilen mit den Komponistennamen herunterknattert – " . . . Liszt und Puccini, Chopin, Schostakowitsch, Ravel, Paganini . . . " und so weiter: So schnell kann man gar nicht hören, wie sie das "rappt". Grandios, wie sie das Publikum in der Pause mimt, um das es in diesem Opern-Chanson eigentlich geht. Georg Kreisler wirbelte hier Sprachfetzen aus Pausengesprächen durcheinander. Sandra Kreisler verpasst jedem dieser Sprechfetzen einen Körper, in rasantem Wechsel.

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Sie kann aber auch den Tonfall der mitleidslosen Wiener Gemütlichkeit. Glanzlicht folgt auf Glanzlicht, vom lyrisch-absurden Abzählreim "Einmal im Mai kommt der Igor vorbei" mit einer Schubert-artigen Melodie bis zum zärtlichen Liebeslied: "In deinem Arm, alles gut, alles andere egal …", romantisch und wieder Schubert, nun mit jazzigem Unterton.

Neuere Chansons haben schon auch mal Rock- und Pop-Melodik. Die meisten Songs aber sind bissig. "Ich bin die Klofrau vom Hauptklo im Kanzleramt …" betrachtet Politik aus einer besonderen Perspektive: "Kanzler kommen, Kanzler gehen, die Sch… bleibt dieselbe." Dass die Dame bei fünf Euro Stundenlohn auch noch aufstocken muss, enthüllt der Song sozusagen im Nebensatz. Die "Klofrau" gehört zu den neuen Sachen, die sie gemeinsam mit dem Schweizer Texter und Komponisten Roger Stein geschaffen hat.

Es war ein toller Abend mit einer tollen Künstlerin, den der Gengenbacher Kultursommer unter der Leitung von Gerd Birsner da bot. Am Donnerstag geht er zu Ende, mit der Straßenmusik- und Tramp-Band "Les Clöchards", die im Klosterkeller eine Rock’n’Roll-, Skiffle-, Blues- & Boogie-Abschlusspartie anzünden werden.

Autor: Robert Ullmann