Start-ups in Südbaden

Geospin: Geodaten-Analyse mit künstlicher Intelligenz

Markus Hofmann

Von Markus Hofmann

Fr, 10. November 2017 um 13:50 Uhr

Wirtschaft

Wie können Städte effizienter und umweltfreundlicher organisiert werden? Diese Frage beschäftigt das Freiburger Start-up Geospin. Lösungen findet das Geospin-Team mit künstlicher Intelligenz und großen Datenmengen.

Wenn Christoph Gebele anderen Menschen erklärt, welche Aufgaben sein Team lösen kann, zeigt er auf einen vier Quadratmeter großen Stadtplan von Berlin. Dann holt der Marketingchef des Freiburger Start-ups Geospin einige Bauklötze hervor und fragt: Wo würden Sie Ladesäulen für Elektroautos platzieren?

"Wir wollen Muster in den Daten erkennen"

Die meisten Menschen beantworten diese Frage aus dem Bauch heraus. Bei Geospin dagegen berechnen Algorithmen die optimale Antwort. Dafür benötigt das Team geografische Daten – und zwar so viele wie möglich. Zum Beispiel Daten von Personen- oder Verkehrsströmen, von Social-Media-Plattformen wie Twitter, Demografie- und Zensusdaten, Wetter, Infrastrukturdaten mit Stoppschildern und Bushaltestellen oder sogenannte Points of Interest, die Kinos, Schwimmbäder und Bars geografisch verorten. "Wir sammeln die Daten, um sie verstehen und geografische Muster erkennen zu können", sagt Gebele.

Digitale Schatzkarten

Mächtige Algorithmen analysieren diese Datenschätze dann. Bei den Aufträgen, die Geospin übernimmt, geht es oft um die Frage, wie Städte effizienter, bürger- und umweltfreundlicher organisiert werden können. Ein Beispiel ist Freefloat Carsharing, bei dem Autos nach dem Ende der Fahrt irgendwo abgestellt und von anderen Kunden für die nächste Fahrt mit dem Smartphone geortet werden können.

"Wir können prognostizieren, in welchen Gebieten einer Stadt an einem Freitagmorgen Carsharing nachgefragt wird – und was genau diese Nachfrage beeinflusst", sagt Gebele. Punkte auf einer Karte zeigen, wo besonders oft und besonders selten Autos abgeholt und abgestellt werden. Diese graphischen Darstellungen bezeichnet das Team von Geospin als "digitale Schatzkarten".

Ein anderes Beispiel: Elektromobilität. Mit historischen Nutzungsdaten lässt sich analysieren, wie oft Ladesäulen tatsächlich genutzt wurden. Dies ist wichtig für die Planung der Infrastruktur: An welchen Orten einer Stadt sollten Ladesäulen installiert werden – und warum?

Die Prognosen der Algorithmen werden umso präziser, je größer die Menge an Daten ist, mit denen sie gefüttert werden. Sie werden also immer schlauer – Informatiker nennen das Machine Learning oder künstliche Intelligenz. Geld verdient Geospin, indem andere Unternehmen diese Algorithmen für eigene Analysen lizenzieren.

Geospin wurde vor 18 Monaten als Spin-off der Smart-City-Forschungsgruppe am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik der Uni Freiburg gegründet. Noch heute besteht ein enger Kontakt zur Forschung, auch das Büro der Firma befindet sich im KG II am Platz der Alten Synagoge. Neben Gebele gehören vier Wirtschaftsinformatiker zum Gründerteam: Johannes Bendler, Tobias Brandt, Niklas Goby und Sebastian Wagner, der Geschäftsführer.

Bislang ist Geospin komplett selbstfinanziert. Dies ist ungewöhnlich für ein junges Unternehmen, das 11 Mitarbeiter beschäftigt (nicht alle in Vollzeit) und einen zweiten Standort in Hannover unterhält. "Wir haben die Luxussituation, uns über eigene Umsätze finanzieren zu können", sagt Gebele. Nach seinen Angaben bewegt sich der Umsatz im mittleren sechsstelligen Bereich – als Kunden nennt er Siemens, Bosch und die Fondsgesellschaft Union Investment.

Geospin ist außerdem Teil der Inkubatoren-Programme von VW und der Deutschen Bahn. Eine wichtige Starthilfe leistete zu Anfang das Gründerstipendium "Exist", ein Förderprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft, das Geospin mit mehr als 100 000 Euro unterstützt hat.