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04. April 2011

Gefahr von Nahrungsmittelallergien wird völlig überschätzt

Rund 20 Prozent der Deutschen glauben, sie reagieren allergisch auf ein oder mehrere Lebensmittel. Erst ein Test bringt Sicherheit – und womöglich Entspannung beim Wochenendeinkauf.

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  4. Geht meist vorüber : Eine Milchallergie bei Kindern Foto: fotolia / bz

Die Symptome erscheinen eindeutig: Die Kiwi bitzelt auf der Zunge, nach einem Glas Milch drückt’s im Darm, und am linken Unterarm juckt es, seit das zweite Stück Kirsch-Nuss-Streusel aufgegessen ist. Das muss eine Allergie, mindestens aber eine Nahrungsmittelunverträglichkeit sein, konstatieren die Betroffenen und verzichten aus Furcht vor heftigen, möglicherweise sogar gefährlichen körperlichen Reaktionen fortan auf Kiwis, Milch oder Nüsse. Dabei ist für die meisten von ihnen eine solche Diät unnötig.

Rund 20 Prozent der Deutschen glauben, sie reagieren allergisch auf ein oder mehrere Lebensmittel. "Nach gründlicher Untersuchung bleiben aber nur ungefähr zwei Prozent übrig, die eine echte Lebensmittelallergie haben", sagt Jörg Kleine-Tebbe, Allergologe am Allergie- und Asthma-Zentrum Westend in Berlin. Von 100 Deutschen wähnen sich also 20 als Allergiker – 18 von ihnen irren.

Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch eine amerikanische Expertenkommission in ihrem aktuellen Bericht für das US-Nationalinstitut für Allergien und Infektionskrankheiten in Bethesda (Maryland). Demnach reagieren etwa vier Prozent der Erwachsenen und fünf Prozent der Kinder in den USA allergisch auf Lebensmittel; bis zu 30 Prozent der Amerikaner sind aber davon überzeugt, eine Nahrungsmittelallergie zu haben.

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Allergenfreie Kost für Kinder? Längst überholt

Das heißt nicht, dass sich die übrigen 26 Prozent etwas einbilden müssen. Auch ihre Symptome können durchaus real sein. Dem einen spielt die Kohlenhydratverdauung einen Streich, weil sein Darm bestimmte Zucker entweder nicht zersetzen oder nicht aufnehmen kann. Der andere quält sich mit einer durcheinandergeratenen Keimbesiedlung im Körperinneren, der Dritte tut sich schwer mit pharmakologisch wirksamen Zusatzstoffen in der Nahrung und reagiert überempfindlich auf Histamin in Käse oder Salicylate im Curry. Zudem können Sulfite, der Geschmacksverstärker Glutamat und Farb- und Konservierungsstoffe sogenannte pseudoallergische Reaktionen auslösen.

Nur werden diese Beschwerden fälschlicherweise als Allergie fehlgedeutet, weil Verdauungsprobleme ohne Krankheitswert durch allzu penible Selbstbeobachtung schlicht falsch diagnostiziert werden oder man zweifelhaften Tests vertraut.

Als Resultat drohen Restaurantbestellungen, die die Nerven der Kellner strapazieren: Einmal den "Bunten Sommersalat", aber bitte ohne Paprika und Zwiebeln, wenn Sellerie drin ist, bitte auch weglassen, und nur wenig Tomaten. Der Spaß am Essen bleibt so über kurz oder lang auf der Strecke.

Ohnehin sollte der Speiseplan möglichst bunt sein, solange sich noch keine Allergie entwickelt hat – das gilt vor allem für kleine Kinder. Lange galt die Doktrin, Babys im ersten Lebensjahr keine potenziell Allergie auslösenden Lebensmittel zu geben; doch zahlreiche aktuelle Studien zeigen, dass so eher das Gegenteil erreicht wird. "Langes Meiden scheint das Allergierisiko sogar zu erhöhen", erklärt Torsten Schäfer, Allergologe in Ratekau und Mitautor der aktuellen Leitlinie zur Allergieprävention. Statt zur Abstinenz in den ersten Monaten raten Experten nun dazu, Kindern möglichst früh mit jenen Lebensmitteln zu füttern, die als besonders allergieauslösend gelten.

So schützt Fisch – jahrelang in Babynahrung gefürchtet – offenbar sogar vor der Entwicklung von Allergien. "Das ist ein nachgewiesenermaßen präventiv wirksames Lebensmittel", sagt Schäfer. Das gilt vor allem für fettreiche Seefische wie Makrele, Lachs und Hering mit ihrem hohen Gehalt an ungesättigten Fettsäuren. Ob auch Erwachsene durch vorschnelles Vermeiden eine Allergie erst auslösen, ist noch umstritten.

Verzicht ist jedenfalls erst dann angebracht, wenn tatsächlich eine solche Unverträglichkeit diagnostiziert worden ist. Kinder entwickeln vor allem zwischen dem ersten und dritten Lebensjahr Allergien auf Kuhmilch, Hühnerei, Nüsse, Erdnüsse, Weizen, Fisch und Soja, etwa zwei bis vier Prozent der Kinder in Deutschland sind davon betroffen. Allergien verschwinden aber umso wahrscheinlicher wieder, je früher im Leben sie auftauchten. Das zeige die Erfahrung, sagt der Berliner Allergologe Kleine-Tebbe. Bei 80 Prozent der Säuglinge verliere sich die Allergie bis zum Schulbeginn. "Der junge Körper entwickelt bei den meisten Allergenen offenbar doch wieder eine Toleranz, wir können allerdings noch nicht erklären, warum das so ist", sagt der Arzt. Besonders häufig geht die allergische Reaktion auf Kuhmilch wieder zurück, während zum Beispiel eine Erdnussallergie eher von Dauer ist.

Bevor Eltern ihren Kindern also Lebensmittel vorenthalten, sollten sie alle ein, zwei Jahre prüfen, ob die Kinder überhaupt noch allergisch auf dieses oder jenes Lebensmittel reagieren.

Erwachsene hingegen brauchen sich der Hoffnung nicht hinzugeben, ihr Immunsystem gäbe nur ein übereifriges Intermezzo. Wer erst in späteren Jahren eine Allergie entwickelt, der behält sie meist auch. Die wichtigste Strategie ist dann tatsächlich, die Allergie auslösenden Lebensmittel zu meiden. Aber bitte erst, wenn die Allergie vom Facharzt wirklich diagnostiziert worden ist.

Etwa fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung zeigen zum Beispiel bei verschiedenen Nahrungsmitteln Allergiesymptome. Dabei haben sie gar keine Lebensmittelallergie, sondern einen Heuschnupfen. Eigentlich sind sie allergisch auf Birkenpollen, genauer: auf Bet-v-1. "Das ist wahrscheinlich ein wichtiges Stressprotein. Mit dem schützt sich die Pflanze, wenn sie angegriffen wird", erklärt Kleine-Tebbe.

Ähnliche Proteine finden sich in vielen Obst- und Gemüsesorten wie Sellerie, Apfel, Pfirsich oder Soja. Deshalb reagieren Menschen mit einer Birkenpollenallergie auf diese Nahrungsmittel häufig mit Ausschlag, Juckreiz oder einer geschwollenen Mundschleimhaut. Fachleute sprechen von einer Kreuzallergie. Bet-v-1 ist jedoch kein stabiles Protein, es verändert seine Struktur beim Garen oder Kochen. Apfelmus stellt für den Kreuzallergiker dann keine Gefahr oder Reizquelle mehr dar – im Gegensatz zu rohen Äpfeln.

Wie wichtig es ist, eine Allergie genau abzuklären, zeigt sich am Beispiel der Erdnuss: Auch in ihr steckt das Stressprotein Bet-v-1, was Kreuzallergiker durch ein starkes Kribbeln im Mund zu spüren bekommen. Das mag unangenehm sein, ist aber harmlos. Lebensbedrohlich wird es, wenn es sich nicht um eine Kreuzallergie handelt, sondern um eine echte. In diesem Fall springt das Immunsystem nämlich auf die stabilen Speicherproteine in der Erdnuss an. Schlimmstenfalls versagt beim Nusskonsum das Herz-Kreislauf-System und die Betroffenen sterben an diesem anaphylaktischen Schock. Schätzungen zufolge lebt ein Prozent der Deutschen mit einer solch gefährlichen Erdnussallergie. Auch Meeresfrüchte können bei Allergikern schwere toxische Reaktionen hervorrufen.

Erst ein Test bringt Sicherheit – und womöglich Entspannung beim Wochenendeinkauf, weil sich alle Verdachtsmomente in Luft auflösen und sich die Tomatenallergie doch nur als ein simples Darmdrücken entpuppt. Das macht nicht nur die Kellner glücklicher, sondern auch den eigenen Speiseteller vielfältiger – und damit meist auch gesünder.

Autor: Claudia Füßler