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24. Oktober 2016 14:06 Uhr

BZ-Interview

Grippe-Saison: Wie man schlimmen Keimen entkommen kann

Kaum werden die Tage kürzer, lauern die Erkältungsviren an jeder Ecke. Die Angst vor den unsichtbaren Krankheitserregern ist groß, selbst im Haushalt wird mit antibakteriellen Mitteln aufgerüstet. Zu Recht?

  1. Finger sind für Keime der rote Teppich in die Nase. Foto: dpa

  2. Ernst Tabori: „Immer wieder die Hände waschen“ Foto: Thomas Kunz

Diese und andere Fragen werden derzeit auf dem Fachkongress zu Infektionsprävention und Hygiene in Freiburg diskutiert. Claudia Füßler hat mit Ernst Tabori, ärztlicher Direktor des Deutschen Beratungszentrums für Hygiene in Freiburg, gesprochen.

BZ: Herr Tabori, die Erkältungssaison hat begonnen, Ärzte rufen dazu auf, sich gegen Grippe impfen zu lassen – was kann ich selber tun, um den krank machenden Keimen zu entkommen?
Tabori: Sie müssen ihnen ja überhaupt nicht entkommen. Wichtig ist, dass die Keime nicht dorthin gelangen, wo sie Schaden anrichten können. Das ist hauptsächlich Ihre Nase. Eine sehr schlaue und überaus wirksame Maßnahme ist also regelmäßiges Händewaschen.

BZ: Was genau heißt regelmäßig? So und so oft am Tag?
Tabori: Nein, nicht nach einem bestimmten Turnus, sondern situationsbezogen. Nach der Toilette, vor dem Essen, nach dem Husten oder Niesen – wobei man Letzteres sowieso nicht in die Hand tun sollte, sondern in die Armbeuge. Auch nach dem Naseputzen ist es angebracht, sich die Hände zu waschen, ebenso wenn man nach Hause oder ins Büro kommt. Überall dort, wo man etwas isst oder sich an der Nase kratzt. Das machen wir einer Studie zufolge übrigens bis zu 400 Mal am Tag. Daran ist grundsätzlich nichts Unhygienisches oder Unanständiges. Aber es macht einem klar, welch bedeutsame Rolle die Hände dabei spielen, wenn wir uns einen Schnupfen einfangen.

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BZ: Welche Keime sind denn für den Schnupfen verantwortlich?
Tabori: Meist sind es Rhinoviren, von denen es allein schon mehr als 100 Varianten gibt. Daneben aber auch Corona- und Adenoviren sowie respiratorische Synzytial-Viren, kurz RS-Viren. Die Erreger wollen an ihre Zielzellen in der Nase und in den Atemwegen gelangen. Wir holen sie uns an der Haltestange in der Straßenbahn oder dem Handlauf der Rolltreppe – vor uns war einer da, der selbst erkältet ist oder Kontakt zu einem Kranken hatte, der lädt hier seine Fracht ab. Wir nehmen die Erreger mit unseren Händen auf und reiben uns dann am Auge, fassen uns ins Gesicht oder kratzen an der Nase. Perfekt! Denn genau da wollen die Keime hin, unser Finger ist quasi der rote Teppich in die Nase.

BZ: Also fasse ich doch draußen besser nichts an.
Tabori: Das wäre völlig übertrieben und unrealistisch. Sie können im Grunde alles anfassen. Wichtig ist jedoch, dass Sie regelmäßig die Keimsituation an Ihren Händen auf Null stellen. Heißt: Hände waschen.

BZ: Und das mache ich am besten wie?
Tabori: Immer mit Seife. In einer englischen Studie wurden Darmkeime, sogenannte Fäkalkeime, in 44 Prozent der Proben gefunden, wenn die Hände ungewaschen waren, nach dem Händewaschen allein mit Wasser fanden sich die Fäkalkeime immer noch in 23 Prozent der Proben, nach dem Händewaschen mit Wasser und Seife nur noch in 8 Prozent. Natürlich ist es besser, wenn man sich die Hände nur mit Wasser wäscht als gar nicht. Aber wer Keime wirkungsvoll beseitigen möchte, sollte Seife benutzen. Richtiges Händewäschen dauert ungefähr 30 Sekunden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt, zweimal "Happy Birthday" zu summen, da kommt man ungefähr auf eine halbe Minute. Ganz wichtig: Fingerzwischenräume und vor allem den Daumen nicht vergessen. Der ist bei sämtlichen Greifaktionen der Gegenpart und damit von allen Fingern am häufigsten im Einsatz.

BZ: Lieber warmes oder kaltes Wasser?
Tabori: Das ist völlig egal – wie man es eben lieber hat. Entscheidend ist die Seife. Sie verändert, vereinfacht gesagt, die Oberfläche von Haut und Wasser so, dass möglichst viele Keime abgespült werden. Wer danach noch die Hände ordentlich abtrocknet, wird zusätzlich ein paar Keime los. Neben Schnupfenviren werden beim Händewaschen auch Durchfallerreger wie beispielsweise Noroviren entfernt. Entscheidend ist also nicht, was wir anfassen – egal ob das Wechselgeld, eine Türklinke oder die Klobrille ist –, sondern wie wir uns danach verhalten, also ob wir die aufgesammelten Keime wieder abwaschen. An unserem Geld übrigens haften weniger Keime, als man gemeinhin denkt.

BZ: Okay, ich wasche regelmäßig die Hände. Das schützt mich aber nicht vor Keimen in der Luft. Zum Beispiel die in der Straßenbahn, die den ganzen Tag die Huster und Nieser von zig Erkälteten abbekommt.
Tabori: Auch das ist eine Angst, die niemand haben muss. Die Luft als Übertragungsweg wird völlig überschätzt. Laut WHO werden über 80 Prozent aller Infektionskrankheiten über die Hände übertragen. Durch Händewaschen lässt sich das Risiko von Atemwegserkrankungen allein um bis zu 45 Prozent senken. Nur wenige Krankheitserreger gelangen via Tröpfcheninfektion von einem zum anderen. Doch Tröpfchen mit einer Größe von mehr als fünf Mikrometer sinken rasch ab und werden nur bis zu einer Distanz von maximal anderthalb Metern gestreut. Folglich ist Abstandhalten von Erkrankten der beste Weg zur Vermeidung einer Ansteckung. Doch diese Speicheltröpfchen können an Flächen und Gegenständen haften und dann bei der Berührung mit der Hand aufgesammelt werden. Wenn die Hand anschließend die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen berührt, ist der Kreis wieder geschlossen und wir sind zurück beim roten Teppich oder dem Händewaschen. Über die Luft selbst werden nur ganz wenige Erreger übertragen, zum Beispiel Erreger der Lungentuberkulose oder der Windpocken- oder Masernlungenentzündung. Doch gerade Letztgenannte sind beide so schwere Erkrankungen, damit fährt niemand Straßenbahn. Das Risiko, sich bei uns über die Luft in öffentlichen Verkehrsmitteln eine Krankheit zu holen, ist also sehr gering. Außerdem schützen uns die Impfungen gegen Masern, Windpocken oder Grippe – die zu einem geringen Teil über die Luft übertragen wird.

BZ: Was kann ich noch tun, um mein Immunsystem in den Wintermonaten möglichst schlagkräftig gegen Keime halten?
Tabori: Pflegen Sie Ihre Schleimhäute, denn die sind eine wichtige Bastion im Körper, an denen die Keime erst einmal vorbei müssen. Dazu gehört, zum Beispiel regelmäßig zu lüften und für eine angenehme Luftfeuchtigkeit in der Wohnung zu sorgen. Wenn kalte, trockene Luft in die Wohnung kommt, wird sie warm. Warme Luft will Feuchtigkeit aufnehmen und entzieht sie deshalb ihrer Umgebung – also auch Ihren Schleimhäuten. Zudem werden durch das Lüften die Staubpartikel in der Luft reduziert. Auch ausreichend trinken und Aufenthalte sowie Bewegung im Freien unterstützen die Abwehrfähigkeit unserer Schleimhäute. Je besser durchfeuchtet und durchblutet sie sind, umso besser können sie ihren Job machen.

BZ: Werden die Schleimhäute mit allen Keimen fertig?
Tabori: Mit den Schnupfen auslösenden Viren durchaus. Entscheidend ist hier nicht nur, um was für einen Erreger es sich handelt, sondern wie viele uns attackieren. Wir Mediziner sprechen von der Infektionsdosis. Ein Keim alleine macht uns nicht krank. Dafür braucht es eine bestimmte Menge einer Sorte. Erst wenn die erreicht ist, verändert sich das Kräfteverhältnis zu ihren Gunsten und wir bekommen die typischen Erkältungssymptome. Außerdem werden die Krankheitszeichen nicht primär von den Erregern verursacht, sondern sie sind Ausdruck der Abwehraktivität unseres Immunsystems. Daher sind die Symptome bei all diesen Viren sehr ähnlich, und wir können anhand der Symptome nicht die Virusart identifizieren.

BZ: Was halten Sie von der Idee, dass ich mein Zuhause möglichst keimfrei halte? Es gibt antibakterielle Reiniger, Desinfektionsmittel, Hygienespüler für die Wäsche und antibakterielle Müllbeutel ...
Tabori: Das alles ist Humbug. Sie brauchen nichts davon in Ihrem Haushalt. Die Industrie profitiert von der Angst der Menschen vor den Keimen. Dabei wird völlig übersehen, wie sehr wir die Keime brauchen. Der Mensch lebt seit Jahrmillionen mit den allermeisten davon in friedlicher Symbiose. Alle Keime zu beseitigen schadet uns mehr, als dass es nutzt. Die meisten Keime in und an uns, und das sind übrigens mehr als wir eigene Körperzellen haben, brauchen wir. Es gibt nur wenige Bakterien, die für den Menschen pathogen sind, ihn also krank machen können. Jetzt gegen alle Keime zu kämpfen, wäre in etwa so, als würde man beschließen, alle Tiere auszurotten. Ja, es gibt die Giftschlange und Löwen, aber deshalb müssen wir ja nicht den Hamster erschlagen.

BZ: Also lieber kein Desinfektionsmittel?
Tabori: Richtig. Das ist ein flächendeckendes Vernichtungsmittel, es vernichtet ungezielt sämtliche Keime – gesünder werden wir dadurch gewiss nicht. Im Gegenteil: Das sind ja auch Gifte. Wir sind nur größer als die Bakterien, deswegen bringen uns die Mittel nicht um. Dennoch atmen wir sie beim Reinigen ein, sie schaden uns und der Umwelt. Unbenommen hiervon spricht nichts gegen die Reinigung der Wohnung oder von Küche und Bad. Insbesondere ist ein sorgfältiger Umgang mit Lebensmitteln mehr als ratsam. Aber Desinfektionsmittel und antibakterielle Reiniger sind ganz sicher übertrieben und der falsche Weg.

BZ: Wie sieht es aus mit antibakteriell beschichteten Dingen wie dem Müllbeutel? Inzwischen gibt’s ja auch Tapeten oder Teppiche dieser Art, sogar in Unterwäsche und Sportkleidung werden Partikel gewebt, die Bakterien töten sollen.
Tabori: Mir erschließt sich der Sinn dieser Produkte überhaupt nicht. Wieso soll mein Abfall desinfiziert werden, wenn der sowieso direkt in die Verbrennung geht? Und will ich wirklich eine verschwitzte Unterhose drei Tage länger tragen, weil Nanopartikel die Bakterien im Stoff vielleicht zerstört haben? Viel wichtiger ist eine Frage, die noch keiner beantworten kann: Was genau machen diese Nanopartikel eigentlich in uns? Die sind ja – wie der Name schon sagt – so winzig klein, dass sie problemlos sämtliche Schutzbarrieren unserer Körperzellen durchschreiten und sogar ins Innere der Zellkerne gelangen können. Was sie hier anrichten, weiß heute noch niemand.
Ernst Tabori

Der gebürtige Freiburger hat in Freiburg, Bochum und Homburg Medizin und Psychologie studiert. Seit 1999 ist er Mediziner am Deutschen Beratungszentrum für Hygiene, seit 2009 dessen Ärztlicher Direktor. Tabori ist Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin, Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Infektiologe (DGI).

Erkältung oder Grippe: Was sind die Unterschiede?

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) erklärt die Unterschiede:
  • Entwicklung: Erkältungen entwickeln sich schleichend, eine Grippe schlägt rasch und hart zu. Grippekranke fühlen sich demnach schnell sehr krank.
  • Symptome: Kopfweh, Schleim in der Nase, Fieber und schmerzende Glieder - einige Symptome haben Erkältung und Grippe gemeinsam. Doch eine Grippe wirkt sich mehr auf den ganzen Körper aus. Kein Appetit, starke Müdigkeit, hohes Fieber (auch über 40 Grad) sind typisch. Bei Babys und Kleinkindern können Magen-Darm-Beschwerden dazukommen.
  • Dauer: Eine Erkältung ist oft innerhalb einer Woche vorbei. Auch bei einer Grippe lassen die schlimmsten Beschwerden binnen einer Woche spürbar nach. Allerdings kämpfen Betroffene oft noch länger mit Erschöpfung und Husten.

Autor: Claudia Füßler