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26. Oktober 2009

Mythos oder Realität?

Nur keine Panik!

Wenn die Pfanne brennt, der Taucher zu ersticken glaubt: Archaische Reaktionen auf Angst führen in kritischen Momenten zu Fehlverhalten.

Ruhe bewahren – nur keine Panik! Leicht gesagt: Wenn das Notfallprogramm "Panik" anläuft, schaltet der Verstand ab. Panische Menschen agieren wie fremdgesteuert: Alte, tief verwurzelte Verhaltensmuster übernehmen das Kommando. Die Verstörten handeln unbesonnen, übertrieben, unsinnig. Ihr Herz pocht hart und schnell. Der Atem rast, die Glieder zittern, der Schweiß rinnt. Im Bauch rumort es. Er fühlt sich mulmig an. An allen Nervenfasern zerrt Todesangst. Sie raubt jede Hoffnung, die Umstände auch nur ansatzweise im Griff zu haben. Und da soll jemand Ruhe bewahren?

Hier riecht es verbrannt, zuckt der 28-jährige Großhandelskaufmann zusammen. Mist, die Pfanne auf dem Herd! Die hat er vor lauter E-Mails glatt vergessen. Er spurtet zur Küche und sieht durch den Qualm: Das Fett in der Pfanne brennt lichterloh. Die Flammen lecken am Abzug. Ohne nachzudenken reißt der Kaufmann das Fenster auf, schnappt sich den nächsten Topf, füllt ihn mit Wasser und kippt es aufs Feuer. Warum, kann er den Feuerwehrleuten später selbst nicht erklären. Er weiß, dass brennendes Fett umherspritzt, ja explodiert, wenn Wasser dazu kommt. Aber vorhin war das alles wie weggeblasen.

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Die Vernunft streikt bei Panik. Diese Zustände äußerster Angst überfallen Menschen zudem völlig unvorbereitet in lebensbedrohlichen Situationen oder in solchen, die lebensbedrohlich erscheinen. Nach einigen Minuten verschwindet Panik wieder. Davor reagieren Körper und Geist extrem. Urzeitliche Reflexe bemächtigen sich des modernen Menschen. Er tut, was schon seine Vorfahren taten, die in der afrikanischen Savanne jagten, sammelten und sich mit feindseligem Getier herumschlugen: Er flieht, erstarrt oder kämpft. Beim Tête-à-tête mit Löwen mag das Leben retten. Weil Raubtiere auf Bewegung anspringen, fallen sie mit Glück sogar auf die Schreckstarre, das Todstellen, herein.

Autos, Flugzeuge und Wolkenkratzer lassen sich davon nicht beeindrucken. Hier lauert heute Panik, etwa bei Bränden, Motorausfällen und Erdbeben. In einer technisierten Umgebung versagen Flucht, Angriff oder Starre. Und die Panik verstellt den Blick für andere Lösungsstrategien. Sie führt in kritischen Momenten zu Zeitverlust und Fehlverhalten. Der Großhandelskaufmann hätte den Pfannenbrand ersticken sollen – mit einem Deckel, einer Decke.

Solche Fehler passieren immer wieder: Ein Taucher glaubte, er erstickt, weil aus seiner Flasche kein Sauerstoff mehr kam. Nach oben an die Luft, schrie jede Zelle seines Körpers! Hektisch paddelte er aufwärts, hielt die wertvolle Atemluft. Beim Auftauchen dehnte sie sich aus. Die Luft zerstörte die Lunge des Tauchers. Sie tötete ihn. Anschließend stellte sich heraus, dass die Sauerstoffflaschen noch halbvoll waren. Die Ausrüstung funktionierte einwandfrei. Ähnlich eingebildet war die Bedrohung bei einer amerikanischen Sportpilotin, die im Flug ein bösartiges Klopfen hörte. Die Untersuchung ergab später, dass lediglich der Sicherheitsgurt des Kopilotensitzes in die Tür eingeklemmt war und von außen an die Karosserie bollerte. Doch die Pilotin blockierte, vergaß zu steuern. Ihr Flugzeug stürzte in ein Einfamilienhaus.

Dabei trainieren Piloten und Taucher Notfälle, damit einstudierte Verhaltensmuster archaische Panikbefehle überlagern. Allerdings reagiert das Gehirn in Krisen offenbar meist sowieso unwillkürlich richtig: Heute sagen die Fachleute, starke Angst sei häufig, blinde Panik selten bis sehr selten. Dazwischen ziehen aber nur manche Experten klare Grenzen. Bei anderen sind sie fließend.

Auch der allgemeine Sprachgebrauch verwischt die Bedeutung des Wortes: Seine Dramatik verleitet zu Missbräuchen à la Torschlusspanik und Panikeinkäufen. Ihre Motive sind nicht lebensbedrohlich. Ernsthaft in Todesgefahr wähnen sich dagegen oft Menschen mit Angstkrankheiten. Die Auslöser ihrer Panikattacken können Höhe und Enge sein, aber genauso Blumen, Bücher, Telefone oder die Angst vor der Angst.

Ängste entwickeln sich einerseits durch die Erziehung und aus Erfahrung. Zusätzlich bringen Menschen, die zu Panik neigen, möglicherweise noch besondere Erbanlagen mit. Das zumindest behauptet Gleb Shumyatsky. Der amerikanische Genetiker hat in Mäusen das Gen Stathmin entdeckt, für das er eine Entsprechung in Menschen vermutet. Wenn Shumyatsky das Gen in seinen Mäusen bei der Züchtung ausschaltet, wandeln sich die vorsichtigen Nager zu tolldreisten Draufgängern. Keine Katze vermag sie zu schrecken. Hier zeigt sich der Sinn der Angst: Furchtlos wären Mäuse wie Menschen längst ausgestorben. Doch Panik steht nicht für Schutz, sondern für maßlosen Schrecken: Sie soll ansteckend sein – Mengen zivilisierter Menschen in Horden unkooperativer Egoisten umkrempeln, die Schwache gnadenlos totstampfen.

Einige Experten halten die Massenpanik allerdings für einen Mythos. Selbst in Extremsituationen handelten Menschen verantwortungsvoll, nähmen Rücksicht und würden Verletzten helfen, meint der amerikanische Soziologe Lee Clarke: Der Gemeinschaftssinn siege über die Selbstsucht. Schließlich versprach schon bei unseren Vorfahren die Jagd in der Gruppe den größten Erfolg auf fette Beute. Abstimmung und Zusammenarbeit waren gefragt – damals wie heute.

Als Paradebeispiel für den Panik-Mythos dient Clarke der 11. September 2001. Die Evakuierung der beiden Türme des World Trade Centers verlief koordiniert und überwiegend ruhig. Andererseits: 1985 starben im Brüsseler HeyselStadion 39 Menschen, als beim Fußballspiel FC Liverpool gegen Juventus Turin Chaos ausbrach. 1990 trampelten und quetschten Pilger in Mekka 1425 Menschen zu Tode, weil ein Fußgängertunnel überfüllt war. 2008 kursierte in einem nordindischen Hindutempel plötzlich das Gerücht, ein Erdrutsch stünde an. Auf der Flucht begruben die Gläubigen mindestens 145 Menschen unter sich.

Doch inzwischen halten Fachleute schlecht gestaltete Stadien und Fluchtwege sowie die Ignoranz Einzelner für die entscheidenden Gründe dieser Unglücke. Panik? Angst allein soll schon ausreichen, damit Menschen in der Menge schneller wuseln und weniger Abstand halten. Dadurch potenziert sich der Druck in der entfesselten Masse. Engpässe werden zu Todesfallen. Um das zu verhindern, analysieren Wissenschaftler die Dynamik der Massen: Menschen bilden bei Gefahr Herden, die sich nach Regeln bewegen. Sie verhalten sich ähnlich wie Tierschwärme und lassen sich durch geeignete "Leittiere", Pfosten oder Signale lenken. So behindern Säulen vor Notausgängen Flüchtlingsströme nicht. Im Gegenteil – richtig positioniert trennen und kanalisieren sie die Menge, verteilen den Druck der Drängenden so, dass von ihm kaum noch Gefahr ausgeht. Dann sinkt auch die Anspannung. Menschen lassen sich leichter trösten, beruhigen und dirigieren. Das gelingt besonders, wenn Helfer klar und langsam sprechen, sicher auftreten und Hoffnung verbreiten.

Deshalb bleibt es nach wie vor wichtig, sich nicht von anderen anstecken zu lassen, sei es mit Angst oder Panik. Also doch: Nur die Ruhe bewahren!

Autor: Jürgen Schickinger