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07. Dezember 2015 13:22 Uhr

Psychologie

Panikattacken haben den Sänger von Jupiter Jones krank gemacht

Angststörungen und Panikattacken können jeden treffen – auch Popstars: Jupiter-Jones-Musiker Nicholas Müller konnte seine Karriere nicht fortsetzen – eine Therapie verhalf ihm zum Neustart.

  1. Nicholas Müller, hier noch als Sänger der Gruppe Jupiter Jones im Jahr 2012. Foto: Britta Pedersen

  2. Panikattacken bekommen Betroffene oft, wenn sie sich in einer Situation eingesperrt fühlen – etwa im Fahrstuhl. Foto: dpa

"Es wäre krank, keine Angst zu haben", sagt Nicholas Müller, und man hört ihn geradezu durchs Telefon grinsen bei diesem Satz, der aus seinem Mund paradoxer nicht klingen könnte. Denn es war ja gerade die Angst, die den 34-jährigen erfolgreichen Musiker krank gemacht hat. So sehr, dass er im Mai 2014 nach zwölf Jahren aus seiner Deutschrockband Jupiter Jones ausstieg, deren Sänger er war. Mit seiner Ballade "Still", dem erfolgreichsten deutschsprachigen Song des Jahres 2011, hatte die Formation einen Radio-Echo gewonnen. Aber immer häufiger mussten Auftritte verschoben, Konzerte wie im Freiburger Jazzhaus abgesagt werden.

"Wie beim Pawlow’schen Hund: Ich war geradezu darauf programmiert und wartete auf die Angst." Nicholas Müller
Als die Tour zur Vorstellung der letzten Platte anstand, traf Müller die Entscheidung, auszusteigen. "Die Logistik in einer Band muss zuverlässig funktionieren." Das sei mit ihm nicht mehr möglich gewesen: "Ich hatte keine Kontrolle mehr." Sobald er auf der Bühne das Intro erklingen hörte, sei er von Panik überrollt worden. "Wie beim Pawlow’schen Hund: Ich war geradezu darauf programmiert und wartete auf die Angst." Sein Outing hat ihn erleichtert. "Endlich konnte ich sagen, was der Grund für die Absagen ist." Offensiv geht der Vater einer kleinen Tochter mit seiner Erkrankung inzwischen in die Öffentlichkeit als "Botschafter" der Deutschen Angst-Selbsthilfe. Seine Mission an die vielen Leidensgenossen: "Seid offener, sprecht darüber." Damit will er Diskriminierungen – etwa im Beruf – vorbeugen. Einer "fantastischen" Erzieherin, mit der er befreundet sei, habe der Kita-Träger gekündigt, nachdem sie wegen einer Angststörung monatelang krankgeschrieben war. "Aber die Einschränkung gilt doch nicht für immer!" Er hat sie als Babysitterin für seine Tochter engagiert.

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Manchen Ängsten kann man ausweichen

Es stimmt ja: Angst ist eigentlich eine gesunde Reaktion. Sie signalisiert dem Menschen: Gefahr im Verzug, sei vorsichtig! Dass der Terror der Islamisten solche Angst macht, liegt auch an seiner Willkür: Es kann jeden jederzeit und an jedem Ort treffen. Die Gefahr scheint unkontrollierbar. Gesund ist: Der Angst nicht den Sieg überlassen. Die meisten Menschen in Paris gehen weiter in Restaurants oder Konzerte. Krank macht die Angst, wenn sie "so massiv wird, dass ein Mensch sich nicht mehr aus seiner Wohnung traut, weil er allem ausweichen will, was unkontrolliert auf ihn zukommt". Das persönliche Leiden und die daraus resultierende Einschränkung der Lebensqualität markieren für Professorin Claudia Spahn die Grenze zwischen einer gesunden und einer krank machenden Angst.

Die Fachärztin für psychosomatische Medizin leitet das Institut für Musikermedizin in Freiburg, eine gemeinsame Einrichtung der Musikhochschule und der medizinischen Fakultät der Freiburger Universität. Sie kennt sich nicht nur mit Lampenfieber und Auftrittsangst aus, die sie als eine Unterform der "sozialen Phobie" einordnet. Es gibt Menschen, die haben Angst, ihresgleichen zu begegnen. Manche leiden unter Atemnot, wenn sie dicke schwarze Spinnen oder eine Schlange sehen, oder sie halten es in engen geschlossenen Räumen nicht aus, sind aber ansonsten völlig gesund. "Eine Schlangenphobie stört in unseren Breiten eher weniger", sagt Spahn. "Und wer Angst hat, mit dem Fahrstuhl zu fahren, nimmt eben die Treppe." Es soll keine Verharmlosung sein. Aber es gibt Situationen, denen lässt sich ausweichen, ohne dass das Leben als Ganzes tangiert ist.

"Ich bin eigentlich kein ängstlicher Mensch", sagt Nicholas Müller. "Sonst wäre ich nicht Musiker mit einer unsicheren Zukunftsperspektive geworden." Die Angst, dass auf der Bühne etwas schiefgehen könnte, sei ihm völlig fremd gewesen. "Die Bühne war lange meine Komfortzone." Bis eine Angst ganz anderen Ausmaßes auf ihn zurollte. "Sie war zuerst da, dann hat sie mir auch den Spaß an der Musik verdorben." Plötzlich überfiel ihn Todesangst auf der Bühne "wie jemand mit Höhenangst, der in die Tiefe guckt". Ähnlich ging es ihm, wenn er im Flugzeug saß. Die Angst entwickelte ein Eigenleben, zum Schluss beherrschte ihn die Angst vor der Angst.

"Die Angst ist wie ein Gas, das sich überall hin ausbreiten kann." Claudia Spahn
Die ersten Panikattacken kamen vor etwa zehn Jahren, als seine Mutter und kurz zuvor die Großmutter gestorben waren. "Das traf mich wie ein Schlag." Der knapp über 20-Jährige musste miterleben, wie unkontrollierbar, wie verwundbar und endlich jedes Leben ist. Eine Katastrophe für einen, den "die kleinsten Anzeichen einer Unregelmäßigkeit in den Wahnsinn" trieben. Wenn der Blutdruck über 120, der Puls über 70 stieg, konnte das Todesangst auslösen: "Ich hatte alles schon: Schlaganfall, Herzinfarkt, den Körper voller Metastasen." Seiner Hypochondrie kann er heute mit ironischer Distanz begegnen.

"Die Angst ist wie ein Gas, das sich überall hin ausbreiten kann", weiß Claudia Spahn. Wenn die Gedanken nur noch um Katastrophen kreisen, gerät auch der Körper außer Kontrolle und meldet Stressalarm mit Herzrasen, Übelkeit, Schwindel, beschleunigter Atmung. Manche flüchten sich in Betablocker oder den Alkohol, um weiter funktionieren zu können. Eine Lösung ist das nicht: "Ohne eine Therapie verlieren Menschen mit ausgeprägten Angst- und Panikstörungen den Boden unter den Füßen. Sie brauchen jemanden, der ihnen raus hilft aus ihrem Teufelskreis."

Hilfe in einer psychosomatischen Klinik

Nicholas Müller hat sich Hilfe gesucht. Zehn Wochen verbrachte er in einer psychosomatischen Klinik. Bevor die Therapie losging, haben sie ihn auf Herz und Nieren gecheckt und zu seinem eigenen Erstaunen festgestellt: "Ich war völlig gesund." Das brachte ihm die Erkenntnis: "Mein Herz hält viel mehr aus als ich für möglich gehalten hätte." Er hatte bis dahin also "viel Zeit mit Irrationalem verbracht." Sein Lernziel: Die Befürchtungen an der Realität zu überprüfen. Bei der nächsten Panikattacke wurde er mit seinem Todesangstgefühl allein gelassen. "Sie müssen da durch", hätten ihm die Pfleger und Therapeuten gesagt. "Wie eine Operation am offenen Herzen" hat er die Prozedur erlebt.

Die Verhaltenstherapie bei einer Angststörung arbeitet mit dem Expositonstraining: Die Patienten setzen sich den vermeintlich lebensbedrohlichen Situationen aus und machen die Erfahrung, dass sie sie überleben. "Dabei gewinnen sie Land zurück", weiß Claudia Spahn. "Ihre Sicherheit wächst." Neben etablierten verhaltenstherapeutischen Techniken ist ein tiefenpsychologisches Herangehen wichtig, weil der Angst auch lange zurück liegende frühere Erfahrungen zugrunde liegen. Auch Nicholas Müller hat erkannt: "Die Panik ist nur der Deckel auf der wahren Problematik. Sie ist ein Symptom für tiefer liegende Probleme." Über die will er aber nicht sprechen.

Lampenfieber statt Angst

Er fühlt sich inzwischen als "Fatalist" im guten Sinn: einer, der in der ganz realen Gegenwart angekommen ist. "Damit kann ich arbeiten." Die Zukunft vorwegnehmen kann er nicht. Schon gar nicht kann er sie kontrollieren. Seine Angst habe er im Griff. Und die Musik hat ihn wieder: Mit seinem neuen Partner Tobias Schmitz hat Nicholas Müller ein neues Album mit neuen Songs herausgebracht: "Lady Angst" heißt einer von ihnen. Durch Zufall kamen sie auf den Namen ihrer CD: "Weit weg von fertig". Erst im Nachhinein ist Nicholas Müller aufgefallen, wie beziehungsreich der Titel ist.

"Von Brücken" nennt sich das Duo, das sich mit der Namensgebung schwer tat. Das Bild vom Brückenbauen habe ihnen gefallen. Nach ersten Konzerten werden sie ihre Tournee im Februar fortsetzen. Beim ersten Auftritt nach eineinhalb Jahren kürzlich in Hamburg beschlich Nicholas Müller eine andere Art von Angst, über die er sich geradezu freute: "Das war stinknormales Lampenfieber, wie es viele Musiker vor einem Auftritt haben." Als "positive Aufregung" beschreibt es Professorin Claudia Spahn: "Das ist die Faszination des Risikos, ein bisschen wie beim Achterbahnfahren."



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Autor: Anita Rüffer