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01. Februar 2016 06:31 Uhr

BZ-Interview

Schopfheimer gründet Wissenschaftler-Netzwerk gegen Homöopathie

"Nicht einfach harmlose Kügelchen": Homöopathie-Kritiker Norbert Aust hat als Laie ein Wissenschaftler-Netzwerk gegen Homöopathie in Freiburg ins Leben gerufen. Rund 30 Mediziner, Biologen und andere Wissenschaftler sind dabei.

  1. Kleine Kügelchen mit umstrittener Wirkung: Homöopathische Globuli sorgen für Gesprächsstoff Foto: obs

  2. Norbert Aust Foto: Wolfgang Grabherr

In Freiburg hat sich am Sonntag ein Netzwerk von Kritikern der Homöopathie gegründet. Rund 30 Mediziner, Biologen und andere Wissenschaftler diskutierten zwei Tage lang, wie sie ihre Aktivitäten gegen die Homöopathie besser bündeln können. Initiiert hat das Treffen der Schopfheimer Norbert Aust, ein Ingenieur, der sich seit seinem Ruhestand intensiv mit der Homöopathie auseinandersetzt. Katharina Meyer befragte ihn zu dem neuen Netzwerk.

BZ: Herr Aust, Sie sind Ingenieur. Wie sind Sie zu einem Kämpfer gegen die Homöopathie geworden?

Aust: Meine Frau und ich standen der Homöopathie eigentlich positiv gegenüber. Wir haben einen Homöopathen aufgesucht. Einen Heilpraktiker mit Persönlichkeit, dem man Vertrauen schenkt. Und er hat sich eineinhalb Stunden Zeit genommen. Das ist ja positiv in der heutigen Fünf-Minuten-Medizin. Doch dann hat er uns ein Medikament in D 6 verschrieben, das nichts gebracht hat. Vom nächsten Besuch kamen wir mit D 12 zurück. Und ich habe angefangen, mich zu erkundigen, was es mit diesen Potenzen auf sich hat.

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BZ: Und Sie haben mitbekommen, wie wenig Wirkstoff in den Mitteln hoher Potenzierung enthalten ist – bis hin zu wahrscheinlich keinem einzigen Molekül pro Dosis bei den ganz hohen Potenzen.

Aust: Ja. In einem Medikament in der Potenzierung D 6 kommt ein Gramm Wirkstoff auf einen Kubikmeter Wasser. Diese Mischung wird im Verhältnis 1:100 auf Zucker aufgebracht. Das ergibt 100 Tonnen Zucker mit einem Gramm Wirkstoff. Und davon nimmt man dann 0,3 Gramm ein. Bei D 12 muss man nicht mehr in Ladungsmengen von Eisenbahnwagen rechnen, sondern in denen von Schiffen – und zwar von allen, die es auf der Welt gibt. Ich dachte zuerst, er muss sich vergriffen haben, bis mir klar wurde, dass das Methode hat. Ich bin in der Zeit in den Ruhestand gegangen und hatte viel Zeit, rumzuschmökern. Auch wenn wir viele Verfechter der Homöopathie im Bekanntenkreis haben, kam ich zum Ergebnis: Das kann nicht sein.

BZ: Und nun haben Sie sich mit vielen anderen Kritikern zu einem Netzwerk zusammengeschlossen.

Aust: Wir sind alle engagiert gegen Homöopathie, weil wir es für eine gesellschaftliche Fehlentwicklung halten, dass sich eine esoterische Medizin verbreitet – oder besser gesagt eine, die im Widerspruch zu den naturwissenschaftlichen Gesetzen steht. Die Homöopathen sind in der Gesellschaft bestens aufgestellt. Wir sind dagegen Einzelpersonen, die nun gemeinsam bessere Wirkung erzielen wollen.

BZ: Was ist Ihr Ziel?

Aust: Wir wollen zur Aufklärung der Patienten beitragen. Derjenige, der sich für die Homöopathie entscheidet, soll wissen, was das ist, damit er nicht falschen Verheißungen aufsitzt. Also wollen wir im Internet eine Plattform schaffen, auf der wir den Pro-Argumenten der Homöopathen unsere Contra-Argumente entgegenstellen. Dort wollen wir auch auf die inneren Widersprüche der Homöopathie hinweisen. Die gibt es reichlich!

BZ: Sie wollen auch eine Fallsammlung veröffentlichen. Was steckt dahinter?

Aust: Das Internet ist voll von Geschichten, in denen hoffnungslose Fälle angeblich mittels Homöopathie geheilt wurden. Deswegen wollen wir Fälle sammeln und veröffentlichen, in denen Patienten durch Homöopathie zu Schaden gekommen sind. Die gibt es ja auch! Das finden Sie im Netz sonst nirgendwo. Wir würden auch gerne erreichen, dass die Arzneimittel mit ihren deutschen Namen benannt werden müssen: "excrementum canis" und "urinum equinum" sagt ja niemandem etwas – das ist bei "Hundescheiße" und "Pferdepisse" schon anders. Außerdem wollen wir – und da sind wir schon weit gediehen – eine Liste mit Ansprechpartnern zur Verfügung stellen.

BZ: Die Kritik an der Homöopathie ist ja nicht neu. Und dennoch sagen Millionen Menschen: Bei mir funktioniert’s.

Aust: Schon die Keimzelle der Homöopathie beruhte auf einem Irrtum – und diesem Irrtum erliegen auch viele Menschen heute noch. Hahnemann, der Begründer der Homöopathie, nahm als Gesunder das Antimalariamittel Chinarinde ein. Es rief in ihm Schwächegefühl hervor, Hitze und Schweiß – Symptome, die man mit Malaria in Verbindung brachte. So kam er zu seiner These, dass Ähnliches mit Ähnlichem geheilt werden kann. Doch der Chinarinden-Versuch konnte seit 1790 nie reproduziert werden. Vermutlich hatte Hahnemann eine allergische Reaktion auf das Mittel.

BZ: Und was hat das mit heutigen Anwendern zu tun?

Aust: Was ich damit sagen will: Eine Abfolge von Ereignissen ist nicht unbedingt eine Kausalität. Dass man Beschwerden hat, ein homöopathisches Medikament einnimmt und danach gesund wird, ist kein Beweis für die Wirksamkeit der Homöopathie. Das ist ein Fehlschluss, den Menschen häufig ziehen. Die wissenschaftlichen Methoden, die es heute gibt, sind dafür da, solche Fehlschlüsse zu vermeiden.

BZ: Trotzdem noch einmal: Viele Menschen schwören auf die Wirksamkeit der Homöopathika. Auch Claudia Witt, die den Lehrstuhl für Alternativmedizin in Zürich innehat, kommt zum Ergebnis, dass zwar nicht nachgewiesen ist, dass die Medikamente besser wirken als Placebo. Aber ihre Schlussfolgerung ist, dass es einen anderen Wirkmechanismus gibt. Etwa die Arzt-Patienten-Interaktion.

Aust: Dass es eine psychologische Wirkung gibt, glaube ich gerne. Für den Naturwissenschaftler aber bleibt: Es fehlen die Wirkstoffe in den Medikamenten. Warum sollte man sie dann kaufen?

BZ: Selbst wenn die Homöopathie nicht besser wirken sollte als Placebo: Kann man nicht anerkennen, dass hier ein System errichtet wurde, mit dessen Hilfe die Selbstheilungskräfte des Körpers stimuliert werden – was die Schulmedizin mit ihren engen Vorgaben oft nicht gut hinkriegt?

Aust: Wenn ich als Gesundheitswesen mit diesem Argument die Homöopathie finanziere, warum dann nicht Wunderheiler, Kartenleser, Auraheiler? Die versprechen ihren Kunden auch Hilfe. Dass unser Gesundheitssystem kaputt gespart wurde, da gebe ich Ihnen völlig recht. Aber deshalb eine Scheinmedizin zu etablieren, halte ich für falsch. Das Problem ist doch, dass diejenigen, die uns vor Quacksalberei und Pseudowissenschaft schützen sollten, es nicht tun. Im Gegenteil: Das Arzneimittelgesetz adelt die Homöopathie als besondere Therapierichtung, die Apothekenpflicht gaukelt eine Wirksamkeit vor, die Homöopathie wird als Wahlpflichtfach an den Universitäten gelehrt – und die Ärztekammern bieten Fortbildungen dazu an.

BZ: Und das sehen Sie als gefährlich an?

Aust: Ja, denn die Homöopathie ist auch mit ganz anderen Dingen verbunden: Sie ist oft ein Einstieg in die Impfskepsis, in Skepsis der Pharmaindustrie generell gegenüber. Es gibt Homöopathen, etwa den Buchautor Jens Wurster, der mit dieser Methode gegen Tumore und Metastasen angehen will. Die US-Autorin Kate Birch spricht von homöopathischer Malariaprophylaxe, sie propagiert auch Homöopathie statt Impfen. Homöopathie besteht nicht einfach nur aus harmlosen Kügelchen! Über den Heilpraktiker kann sie eine Brücke in die richtige Esoterik-Medizin bilden. Am Ende dieses Weges könnten auch Therapien wie MMS – Miracle Mineral Supplement – oder die Germanische Neue Medizin stehen. Die Haltung dort zum Gesundheitswesen ist ähnlich. Diesen Weg pflastern dann Leichen.

Norbert Aust (63) widmet sich seit seinem Ruhestand ausgiebig der Homöopathie: zum Beispiel in seinem im Selbstverlag herausgebrachten Buch "In Sachen Homöopathie. Eine Beweisaufnahme" oder in seinem Blog www.beweisaufnahme-homoeopathie.de. Aust ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

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Autor: Katharina Meyer