Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

07. Februar 2011

Viereinhalb entscheidende Stunden

Die übelsten Folgen eines Schlaganfalls lassen sich verhindern, wenn man schnell genug beim richtigen Arzt landet.

  1. Ultraschallüberprüfung der Hirngefäße Foto: Verwendung weltweit, usage worldwide

  2. Schlaganfallareal im Bild des Magnetresonanztomographen Foto: Verwendung weltweit, usage worldwide

Die Uhr tickt. 160 Minuten nach seinem Schlaganfall kommt der Patient per Rettungswagen in der Uniklinik an. Seinen linken Arm kann er immer noch nicht bewegen, und wenn er sprechen will, bringt er nur verwaschene Satzfetzen hervor. Auf dem Flur der Schlaganfallstation startet ein Neurologe die Stoppuhr an der Wand, ein Kollege ist schon mit dem Ultraschallgerät zur Stelle.

Nur Minuten später schieben Ärzte und Pfleger den Patienten weiter zur Kernspintomographie (MRT) ein Stockwerk tiefer. In spätestens einer Stunde soll klar sein, was die Ursache des Schlaganfalls ist und wie nun behandelt wird. Denn je mehr Zeit bis zur Therapie vergeht, desto mehr Hirngewebe stirbt – Minute für Minute.

Eine Schlaganfallstation wie die Stroke-Unit des Freiburger Neurozentrums ist der beste Ort, um die gefährdeten Nervenzellen zu retten. Die Ärzte und Pflegekräfte auf der Stroke-Unit sind hoch spezialisiert und behandeln fast ausschließlich Schlaganfall-Patienten. "Allein die Behandlung auf einer Stroke-Unit statt auf einer Normalstation senkt die Sterblichkeit bei einem Schlaganfall um 25 Prozent", erklärt Matthias Reinhard, Oberarzt der Freiburger Schlaganfallstation.

Werbung


Das liege nicht nur am erfahrenen Personal, sondern auch an der engen Überwachung der Patienten: ständig werden Blutdruck, Puls, Herzrhythmus und Blutsauerstoff gemessen. Rund um die Uhr sind Neuroradiologen und Neurochirurgen bereit, eventuell notwendige schnelle Eingriffe vorzunehmen.

Beim Schlaganfall ist ein Teil des Gehirns plötzlich ausgefallen – schnellstmöglich müssen die Ärzte klären, ob eine verschlossene Hirnarterie der Grund dafür ist oder eine Hirnblutung. Beide Arten von Schlaganfällen verursachen ähnliche Symptome und lassen sich nur durch Computer- oder Kernspintomogramm sicher voneinander unterscheiden.

"Dabei entscheidet sich auch die Therapie", sagt Reinhard. Denn die rettende Thrombolyse-Therapie steht nur bei einem Gefäßverschluss zur Verfügung. Bei vier von fünf Schlaganfällen ist eine solche durch ein Blutgerinnsel verschlossene oder verengte Arterie im Hirn die Ursache. Die Folge davon ist ein Hirninfarkt: Nervengewebe, das stromabwärts des Verschlusses liegt, erhält kaum noch Blut und Sauerstoff und stirbt. "Unser Ziel ist es dann, das verschlossene Gefäß wieder zu öffnen und möglichst viel Hirngewebe zu retten", sagt Reinhard.

Injizieren dürfen die Ärzte das blutverdünnende Thrombolyse-Mittel, die das verstopfende Blutgerinnsel auflöst, aber erst, wenn durch das MRT eine Blutung sicher ausgeschlossen ist. Der Grund: In diesem Fall können die Medikamente die Blutung sogar verstärken, weil sie oft Gerinnsel aus dem Weg räumen, die den Blutfluss bisher etwas eindämmten. All das muss möglichst schnell geschehen: "Wenn keine Blutung vorliegt, spritzen wir noch im MRT-Raum die ersten Milliliter", sagt der Arzt.

Die Eile ist berechtigt: Je mehr Zeit nach dem Schlaganfall vergeht, desto mehr Hirngewebe ist dauerhaft geschädigt und desto mehr Handicaps wird ein Patient davontragen. Das Absterben der Nervenzellen schreitet derart schnell voran, dass spätestens 4,5 Stunden nach dem Infarkt auch die intravenösen Blutverdünner keinen Vorteil mehr bringen.

"Stellen Sie sich eine Stadt vor, die plötzlich von der Trinkwasserversorgung abgeschnitten wird", erklärt Volker Schuchardt, Chefarzt der Neurologie des Ortenau Klinikums Lahr-Ettenheim. "Je später die Leitungen wieder frei sind, desto mehr Menschen verdursten." Deshalb sei es wichtig, bei typischen Symptomen keine Zeit zu verlieren. Plötzliche Schwierigkeiten beim Sprechen, eine Halbseitenschwäche oder Schwäche in Arm oder Bein oder Sehstörungen seien typische Zeichen für einen Schlaganfall, warnt Schuchardt. "Da gibt es nichts zu überlegen: Man kann nur alles stehen und liegenlassen und sofort den Notarzt rufen. Denn an einem schweren Schlaganfall kann man sterben."

Die Behandlung auf Spezialstationen wie der Freiburger Stroke-Unit ist dabei leider noch nicht überall selbstverständlich. "Bevor es diese Stationen gab wurden Schlaganfall-Patienten oft von Ärzten ohne spezielle Ausbildung und in verschiedenen Fachabteilungen behandelt", erklärt Matthias Reinhard. "Die vorherrschende Meinung war: Bei einem Schlaganfall kann man sowieso nichts machen." Erst 1994 öffnete die erste deutsche Schlaganfallstation ihre Pforten. Seit Mitte der 90er-Jahre trauen sich die Ärzte erst, Thrombolyse-Mittel gegen verschlossene Hirngefäße einzusetzen.

Mittlerweile gibt es in jedem Bundesland mehrere solcher Stationen und die meisten sind zertifiziert nach den Gütekriterien der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft und der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe. Die Stroke-Units müssen unter anderem ein Team von Medizinern verschiedener Fachrichtungen nachweisen, eine enge Überwachung lebenswichtiger Messwerte wie die von Herz- und Blutdruck garantieren und ihre Patienten gemäß aktuellem Stand der Forschung und damit gemäß der Leitlinien der Fachgesellschaften behandeln.

Was aber, wenn schon mehrere Stunden oder ein halber Tag nach dem Schlaganfall vergangen sind? "Wir wollen trotzdem alle Patienten so schnell wie möglich sehen", betont der Freiburger Neurologe. "Man hat in jedem Fall mehr Möglichkeiten, je früher der Patient in der Klinik ist – auch außerhalb des Zeitfensters, in dem eine Thrombolyse noch möglich ist. "

Denn auch zu einem späteren Zeitpunkt kann es noch lebensrettend sein, die Ursache des Schlaganfalls zu identifizieren. Nur so lassen sich durch vorbeugende Maßnahmen weitere Infarkte verhindern, die in den Stunden und Tagen nach dem ersten Ereignis besonders häufig sind. Auch hierfür sind die Schlaganfallstationen bestens geeignet, betont Reinhard. "Auf der Stroke-Unit tun wir alles, um die Auswirkungen des Infarkts so gering wie möglich zu halten und Komplikationen zu verhindern."

Vortrag: "Ist ein Schlaganfall vermeidbar? Früherkennung, Prävention und Behandlung von Schlaganfällen."

Prof. Volker Schuchardt, Chefarzt der Neurologischen Klinik am Ortenau Klinikum Lahr-Ettenheim, berichtet über die Diagnostik und konservative Therapie der Schlaganfälle. Dr. Werner Lindemann, Chefarzt der Chirurgie und Leiter des Gefäßzentrums, über die operative Therapie von Schlaganfall und Halsschlagaderverengungen.
Vortrag und Podiumsdiskussion finden am Donnerstag, den 17. Februar, um 19 Uhr in der Klinikkapelle am Ortenau Klinikum in Lahr, in der Klostenstraße 19 statt. Tickets für ein Euro (100 Plätze gibt es insgesamt) werden von allen BZ-Geschäftsstellen verkauft
.

Autor: Achim Jatkowski