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14. Oktober 2013

"Wir sind uns selbst der größte Feind"

BZ-INTERVIEW: Der Keim- und Hygieneexperte Ernst Tabori über die krisenanfällige Wohngemeinschaft Mensch/Bakterium.

  1. Ernst Tabori. Links: Coliforme Bakterien Foto: Thomas Kunz/dpa

  2. asda sda SD Asd Foto: dpa

Ob Wohnzimmer, Küche oder Bad – unsere heimischen Vierwände müssen wir uns mit Millionen von Bakterien teilen. Ein Grund sich zu fürchten? Oder gar zum Gegenschlag mit Desinfektionsmitteln auszuholen? Michael Brendler sprach mit Ernst Tabori, dem Ärztlichen Direktor des Deutschen Beratungszentrums für Hygiene in Freiburg.

BZ: Herr Tabori, der Küchenschwamm ist im Haushalt die Bakterienbrutstätte Nummer eins, der Toilettensitz wieder Erwarten in Sachen Infektionsgefahr relativ sicher. Wie ist das zu erklären?
Tabori: Die Antwort ist eigentlich ganz einfach. Der Küchenschwamm liegt in der Regel an einem warmen Ort, er ist feucht, an ihm sind Nahrungsmittelreste vorhanden – alles Eigenschaften, die ihn zu einer idealen Brutstätte für Keime machen. Der Toilettensitz ist trocken, er wird häufig gereinigt und gegessen wird von ihm auch nicht – all das mögen Bakterien überhaupt nicht und es erklärt, warum er – anders als von den meisten Menschen angenommen – von Bakterien eher spärlich besiedelt ist. In der Regel gilt: Dort wo wir uns gerne aufhalten, sind auch die Bakterien gerne zuhause. Das liegt allein schon daran, dass wir im Haushalt der wichtigste Keimträger und Keimverbreiter sind.

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BZ: Mit elf Millionen Keimen pro Quadratzentimeter folgt der Kühlschrank in der Keimrangliste auf Rang zwei. Warum?
Tabori: Weil die Bakterien dort in Ruhe gelassen werden. Da der Kühlschrank eher sporadisch gereinigt wird aber immer wieder mit Nahrungsmitteln in Kontakt kommt, bietet er vielen Bakterien angenehme Lebensbedingungen. Gut, es ist ein wenig kühl, aber die Kälte tötet keinen Keim, er vermehrt sich dort nur langsamer.

BZ: Wie oft rät denn der Hygieniker, den Kühlschrank zu putzen?
Tabori: Auf jeden Fall rät er, alle sichtbaren Verschmutzungen sofort zu entfernen. Das Gleiche gilt für Schimmel, wenn er sich irgendwo bildet. Und eine Grundreinigung viermal im Jahr ist sicher nicht verkehrt.

BZ: Als bakterielle Gefahrenzonen hat die US-amerikanische Gesundheitsorganisation NSF zudem das Spülbecken und die Arbeitsflächen in der Küche ausgemacht. Muss einem das Sorgen machen?
Tabori: Sorgen machen muss es einem sicher nicht, aber es sollte einem schon diese Dinge bewusst machen. Denn wo viele Keime sind, können auch viele krankmachende Bakterien sein. Coliforme Darmbakterien, die wir an den genannten Orten zum Beispiel finden, kommen nicht einfach so ins Waschbecken – die bringt der Mensch aus der Toilette mit, wenn er sich nicht richtig die Hände wäscht. Solche Befunde sollten uns daran erinnern, dass wir uns in Sachen Infektionen oft selbst der größte Feind sind und uns zur Händehygiene ermahnen. Das gilt vor allem in der Küche.

BZ: Warum?

Tabori: Die Küche ist der Ort, an dem wir unsere Nahrung zubereiten, wo wir etwas essen. Hier haben auch Infektionserreger die besten Chancen in uns hineinzugelangen. Denn die meisten krankmachenden Keime nehmen wir über Mund und Nahrung auf. Selbst die ekligste Toilette wird erst dann gefährlich, wenn man sich hinterher nicht die Hände wäscht und dann ein Brötchen isst.

BZ: Was würden Sie denn dem gesundheitsbewussten Badener raten. Worauf sollte er seine Aufmerksamkeit in der Küche im Besonderen richten?
Tabori: Sauberkeit, bis es glänzt, ist immer gut, das ist Punkt eins. Punkt zwei: Bevorzugt frische Nahrungsmittel aus der Region verwenden, die qualitativ in Ordnung sind. Auch die Zubereitung des Essens ist sehr wichtig: Roher Fisch, rohes Fleisch, Geflügel und Eier sind immer eine potenzielle Keimquelle, alles, was mit ihnen in Berührung kommt, muss gesäubert werden, bevor es mit anderen Nahrungsmitteln in Kontakt kommt. Das gilt gleichermaßen für Messer, Brettchen und Hände. Dann natürlich: Fleisch immer richtig durchgaren und später die zubereitete Speise nicht stundenlang in der warmen Küche stehen lassen. Im Kühlschrank empfiehlt sich zudem, rohe und gekochte Nahrungsmittel voneinander getrennt und geschützt aufzubewahren.

BZ: Und was hält der Hygieniker von Desinfektionsmitteln?

Tabori: Die haben im Haushalt nichts zu suchen – außer auf ärztliches Anraten in wenigen Ausnahmefällen. Nicht nur weil Seife und Reinigungsmittel genauso gut ihren Dienst tun, sondern auch weil sie Mensch und Umwelt belasten können.

BZ: Ist ein bakterienfreier Haushalt eigentlich erstrebenswert?
Tabori: Absolut nicht, definitiv Nein. Wir brauchen Bakterien, sie leben auf uns, wir würden krank werden, wenn wir nicht von unseren  "guten" Bakterien besiedelt wären, die verhindern, dass sich andere krankmachende Keime auf und in uns breitmachen. Unter Normalbedingungen sind Mensch und Bakterium eine funktionierende Wohngemeinschaft – auch im eigenen Haushalt.

VERANSTALTUNG: KEINE MACHT DEN KEIMEN

Wie kann ich mich im Haushalt und im Krankenhaus vor krankmachenden Keimen schützen? Experten beantworten anlässlich des Freiburger Infektiologie- und Hygienekongresses ihre Fragen zu Bakterien und Infektionen. Der Eintritt ist frei. Podiumsdiskussion, Donnerstag, 17. Oktober, um 20 Uhr im Konzerthaus Freiburg  

Autor: mich

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