Im Alter von 100 Jahren eine "gewisse Narrenfreiheit" genießen

Karin Stöckl-Steinebrunner

Von Karin Stöckl-Steinebrunner

Mo, 17. Dezember 2018

Görwihl

Woizlawa-Feodora Prinzessin Reuß feiert am heutigen Montag in Strittmatt ein außergewöhnliches Fest / Ihr Vater war Gouverneur von Togo.

GÖRWIHL-STRITTMATT (kss). Sie habe noch viel zu organisieren, meint die kleine, energische Frau bestimmt, deshalb nur wenig Zeit. Woizlawa-Feodora Prinzessin Reuß wird am heutigen 17. Dezember 100 Jahre alt – und sie ist noch kein bisschen müde. Gleich nach der Feier in ihrem jetzigen Lebensumfeld wird sie mit Freunden nach Gera aufbrechen, wo eine weitere große Feier mit allen sechs Kindern und elf Enkelkindern auf sie wartet. "Das dortige Theater gehörte zu unserem Besitz und war für mich früher eine Art Heimat, und dort werde ich feiern", verkündet sie, mit einem Konzert, das zu ihren Ehren stattfinden wird. Sie liebt die Musik sehr und freut sich auf Bachchoräle und Mozartdivertimento ebenso wie auf den Auftritt des Schulchores, der Adventslieder singen wird.

Über Weihnachten bleibt die Jubilarin dann in Gera. Und damit ihr Weihnachtsbäumchen am Fenster mit der geliebten Aussicht auf die schöne Umgebung, in der sie seit 2005 lebt, nicht vernachlässigt wird, brennen die Kerzen bereits jetzt im Advent. "Thüringen ist landschaftlich auch sehr schön", beeilt sich die alte Dame zu versichern und fügt an, als Kind habe sie den Bau einer der großen Talsperren Thüringens erlebt und sei extrem davon beeindruckt gewesen, dass viele Menschen eigens für dieses Bauwerk umgesiedelt worden seien.

Geboren in Rostock als Woizlawa-Feodora Elise Marie Elisabeth Herzogin zu Mecklenburg, kann sie auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Bereits einen Tag nach ihrer Geburt verlor sie ihre Mutter Viktoria Feodora geb. Prinzessin Reuß. "Aufgewachsen bin ich bei meinem Vater, war aber als Kind auch viel bei meinen Großeltern", berichtet die Jubilarin. Ihr Vater Adolf Friedrich zu Mecklenburg war bei ihrer Geburt bereits 45 Jahre alt. In den Jahren 1912 bis 1914 war er Gouverneur der damaligen deutschen Kolonie Togo gewesen.

Schöne Erinnerung an eine Reise nach Togo

"Seine Verbindung dorthin blieb zeitlebens erhalten, und eine meiner schönsten Erinnerungen ist ein Fest anlässlich von 100 Jahren deutsch-togolesischer Freundschaft 1984, zu dem ich eingeladen war", berichtet Woizlawa-Feodora Prinzessin Reuß. Sie habe noch einmal eine Woche lang die Möglichkeit gehabt, alle Orte, an denen ihr Vater gewirkt hatte, zu bereisen, und habe dem alten Boy ihres Vaters, der noch am Leben war, ein Bild von ihm mitgebracht.

Beide hätten sie vor Rührung beim Schwelgen in Erinnerungen geweint. Nach dem Krieg hatte ihr Vater die togoischen Studenten in Deutschland beraten, außerdem war er von 1945 bis 1951 der erste Präsident des Deutschen Olympischen Komitees. Er starb 1969 und wurde im Ratzeburger Dom beigesetzt. "Nach Mecklenburg konnten wir ja vor der Wende nicht mehr, aber die Dominsel gehörte zum Mecklenburger Gebiet", kommentiert die Jubilarin sachkundig.

"Mein Mann hat die Wende ja leider nicht mehr erlebt", berichtet sie weiter Er war nach 42 Ehejahren 1982 gestorben. "Er wäre sofort wieder nach Thüringen zurück", ist sie sicher. Auch sie indes zog es nach der Wende zurück, von 1991 an lebte sie einige Jahre in Gera, bevor sie, angeregt durch die religiösen Anschauungen von Fiat Lux, in den Schwarzwald kam.

Noch im April 1945 war die Familie ausgebombt worden, Schloss Osterstein brannte völlig aus, auch die Schlosskirche und das Theater waren getroffen worden. Über einen kurzen Aufenthalt in Südthüringen hatten sie den Weg nach Hessen angetreten, wo sein Schwager ihrem durch einen Unfall im Jahr 1941 kriegsuntauglichen und seither dauerhaft gehbehinderten Mann eine Stellung in der Verwaltung besorgte. "Mit damals zwei kleinen Kindern mussten wir unser Flüchtlingsschicksal auf uns nehmen, und ich habe in der finanziell schlechtesten Zeit meines Lebens meine sechs Kinder großgezogen", weiß die Jubilarin zu berichten. Das war absolut kein Zuckerschlecken, aber sie stehe auf dem Standpunkt, man solle sein Schicksal annehmen und nicht jammern.

Am Ende sei alles, was einem widerfahre, für etwas gut. Sie habe auch nie das Gefühl gehabt, zur falschen Zeit geboren worden zu sein, jede Zeit habe ihre Aufs und Abs, und sie wolle auch nicht noch mal jung sein. Sie sei glücklich über ihr Alter und genieße die "gewisse Narrenfreiheit", die es biete, meint sie verschmitzt.

Petra König, die die alte Dame seit 2013 über die Görwihler Nachbarschaftshilfe unterstützt, so dass sie bis heute in ihrer Wohnung selbständig leben kann, attestiert ihr eine positive Lebenseinstellung mit viel Humor. Sie sei an allem interessiert, lese viel, höre Musik und halte sich bevorzugt an der Sonne auf ihrem Balkon auf.

"Früher habe ich gern Klavier gespielt, auch im Chor gesungen, jetzt genieße ich die Ruhe, die gute Luft, die wunderbare Landschaft, ich fühle mich wie ununterbrochen im Urlaub", meint die 100-Jährige zufrieden lächelnd.