Kesslergrube

Streit um alte Chemiedeponie in Grenzach-Wyhlen

Ralf Staub

Von Ralf Staub

Mi, 10. Dezember 2014 um 21:24 Uhr

Grenzach-Wyhlen

Auf einer Fläche von fünf Fußballfeldern schlummern in Grenzach-Wyhlen giftige Chemieabfälle in der Erde, meterdick. Nun wird die Keßlergrube saniert – doch über die Methode der Wahl gibt es heftigen Streit.

Ein gewaltiges Erbe aus der Chemieproduktion der 50er- und 60er-Jahre schlummert in Grenzach-Wyhlen in mehreren unmittelbar am Rhein gelegenen ehemaligen Kiesgruben – die der Einfachheit halber als Keßlergrube bezeichnet werden. Mehr als 300.000 Kubikmeter Abfälle lagern dort, jetzt soll mit der Sanierung der Grube begonnen werden.

Die Sanierung der einzelnen Teile der Grube erfolgt allerdings mit völlig unterschiedlichen Methoden. Die Firma Roche, seit mehr als 100 Jahren präsent, räumt ihren Teil komplett aus – Kosten von rund 280 Millionen Euro. Die BASF, die das frühere Geigy- und spätere Ciba-Werk übernommen hat, will die Altlasten in der Grube belassen und einkapseln – die Kosten werden auf ein Zehntel der Ausgaben fürs Ausheben geschätzt. Die Kritik an diesem Vorgehen ist gewaltig.

Was drin ist

Seit den 90er-Jahren wird die Keßlergrube erkundet, mittels Bohrungen wurde ein großer Chemiemix festgestellt. Das Grundwasser unter der Grube ist belastet, etwa mit Chlorbenzolen und Ammonium. Deshalb soll das 52.000 Quadratmeter große Areal – das entspricht etwa fünf Fußballfeldern – saniert werden. Bis zu 13 Meter stark ist die Schicht der Chemieabfälle, im Durchschnitt sind es sechs Meter. Drei Viertel der Grube sind Brachland, der Rest ist bebaut, unter anderem mit einer Kläranlage.

Nachhaltigkeitsgutachten

Beide Vorgehensweisen sind genehmigt, die Altlastenkommission unter Federführung des Landratsamtes hat beide Sanierungsmethoden als "zielführend, rechtmäßig und genehmigungsfähig" beurteilt. Diese Einschätzung rief breiten Widerstand hervor: nicht nur bei der Bürgerinitiative Zukunftsforum, die sich zuvor gegen die Ansiedlung eines Chemieabfallentsorgers auf dem BASF-Areal gebildet hatte, sondern auch bei der Gemeinde. Es gab eine Resolution des Gemeinderates und den Versuch, über die politische Schiene Druck auf Behörden und BASF auszuüben, um deren Sanierungskonzept zu ändern. Am Ende einigten sich alle Seiten auf ein Nachhaltigkeitsgutachten, das beide Methoden untersuchte. Ergebnis: Der Totalaushub ist nachhaltiger, je länger der Betrachtungszeitraum ist. Aber aus Sicht des Landratsamtes berücksichtigt das Gutachten zu wenig die kurzfristige Belastung der Bevölkerung durch die viel längere Dauer der Aushubarbeiten.

Vorbild Roche

Bereits Mitte November wurde der Firma Roche der Totalaushub genehmigt. Die Vorbereitungen dafür sind längst in Gang, ein Containerdorf ist aufgebaut, am Rheinufer unterhalb der Grube wird sogar eine Schiffsanlegestelle eingerichtet. Die Arbeiten sollen bis zum Jahr 2022 abgeschlossen sein. Roche wird seither als Vorbild betrachtet, weil die Firma den Aufwand von bisher erwarteten 280 Millionen Euro Kosten nicht scheut.

BASF am Pranger

Vor Wochenfrist hat das Landratsamt Lörrach auch der BASF die Sanierung ihres Teils der Grube genehmigt – nicht unerwartet, hatte die Behörde doch stets betont, die gewählte Methode nach dem Bundesbodenschutzgesetz gelte als sicher. Die BASF will ihren Grubenteil mit einer 800 Meter langen, 30 Meter tiefen und einen Meter breiten Betonmauer einfassen und die Oberfläche so versiegeln, dass kein Wasser eindringen kann. Nach der Einfassung sollen Pumpen das Grundwasser unter der Grube dauerhaft fernhalten, sodass auch kein belastetes Wasser mehr nach außen fließen kann.

Reaktionen

Mit der Genehmigung für den BASF-Konzern hat das Landratsamt auch Sofortvollzug angeordnet mit der Begründung, dass dies im öffentlichen Interesse liege. Kritiker vermuten freilich, es wolle damit die Widerspruchsmöglichkeiten beschneiden. Nachdem die Behörden etwa 40 Jahren gebraucht hätten, um die Altlast zu untersuchen und deren Sanierung anzuordnen, könne jetzt nicht plötzlich von einer aktuellen Gefahr die Rede sein. Bürgermeister Tobias Benz, der erst am 1. Dezember sein Amt angetreten hat, will deshalb die Gerichte einschalten.

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