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30. Oktober 2014 00:05 Uhr

Familien in Südbaden

Großfamilie, Familienbetrieb und ein Schuss WG

Bei der Familie Vogelbacher aus Schwärzenbach leben vier Generation in einem Haus. Die Großfamilie ist zugleich ein Familienbetrieb – mit einem Schuss Wohngemeinschaft.

  1. Ein generationsübergreifendes Hallo der Familie Vogelbacher: Angelika, Rainer, Franziska, Max, Hubert und Margarethe (von links) leben und arbeiten gemeinsam. Foto: Archivbild: Sebastian Wolfrum

NEUSTADT. Es gibt wenige intakte Familien, bei denen Vater und Sohn morgens flaschenweise Schnaps leeren. Es ist halb zehn und Hubert Vogelbacher lässt das Kirschwasser laufen. Der Arm des 60-Jährigen kreist über dem schokoladenbraunen Kuchenboden, er tränkt den Biskuit mit dem leicht verdünnten Destillat, das die Vogelbachers bei einem kleinen Winzer in der Ortenau einkaufen. "Das ist unsere Galionsfigur, da kommen nur beste Zutaten rein", sagt er. Die Schwarzwälder Kirschtorte im Café Feldbergblick ist über die Region hinaus bekannt, viele Gäste würden "auf dem Absatz kehrtmachen", wenn sie in der Vitrine des Hochschwarzwälder Cafés fehlt.

Hubert Vogelbacher reicht die Flasche an seinen Sohn, damit der die Herrentorte kirschwässern kann. Seine Frau Angelika kommt aus dem Gastraum und stellt die leeren Frühstücksteller der israelischen Touristen in die Spülmaschine. Vor der kleinen Theke fährt der zweijährige Enkel Max auf seinem Trettraktor vorbei, und nebenan, im ehemaligen Leibgedinghaus, stärkt sich Margarethe Vogelbacher, die Mutter, Großmutter und Uroma, wie jeden Tag mit Kamillentee und Haferflockensuppe. Hier in Schwärzenbach, dem idyllisch gelegenen Ortsteil von Titisee-Neustadt, leben vier Generationen unter einem Dach. Und die Vogelbachers sind nicht nur Großfamilie, sondern auch Familienbetrieb. Während andere Menschen grübeln, wie sie Beruf und Familie vereinbaren können, ist das im Feldbergblick überhaupt nicht zu trennen.

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"Hier muss jeder für jeden einspringen können. Unser Modell würde nur mit Angestellten gar nicht funktionieren", sagt Rainer Vogelbacher, 32. Morgens um sieben geht es los, wenn das Frühstück für die Pensionsgäste gerichtet wird, danach isst die Familie gemeinsam. Ein Arbeitsessen, die Aufgaben des Tages werden durchgegangen und verteilt. Sechs Tage die Woche wird in der Pension zusammengelebt und gearbeitet. 3000 Übernachtungen hat das Haus im Jahr, dazu kommen die Gäste des Cafés. Waschen, backen, Buchhaltung, Pflege des Internetauftritts, Kellnern – Arbeit gibt es genug, besonders an Wochenenden und dann, wenn andere Menschen Ferien machen. Und wenn im Herbst die Inversionswetterlage Freiburg und Umland in dichten Nebel hüllt, kommen viele Besucher, um auf gut 1000 Meter Höhe über den grauen Schwaden in der Sonne zu sitzen. "Wenn viel los ist, da kann es schon mal schneller Zoff geben, auch wenn es nur um Dampfnudeln geht", sagt Angelika Vogelbacher, die 58-Jährige, die sie hier die "Chefin" nennen. "Das Problem ist, dass sich jeder Konflikt in der Arbeit ins Private überträgt – und andersrum", sagt ihr Sohn Rainer. Ein Wirt mit mieser Laune ist aber ein schlechter Gastgeber. "Vielleicht ist das mit ein Grund, warum es bei uns funktioniert, dass wir so viel so eng zusammen sind. Wir müssen alles schnell aus der Welt schaffen. Und das machen wir auch. Das Allermeiste ist nach fünf Minuten erledigt", sagt Rainers Frau Franziska (29), die Hotel und Gastronomiemanagement studiert hat und ebenfalls voll mitarbeitet im Familienbetrieb.

Wenn draußen neue Bestellungen eingehen, Gäste auf allen Sprachen nach Torten, Kaffee und Zimmerpreisen fragen, E-Mails mit Reservierungen am Bildschirm an der Rezeption blinken und Max seinen Milchbecher fallen lässt, bricht keine Hektik aus im Hause Vogelbacher. Ruhig bleiben, weiterschaffen – noch ein Schwarzwälder Erfolgsrezept. Nicht für Kuchen, sondern für ein funktionierendes Zusammenleben.

Eine andere Zutat ist, dass alle hier Familie genau so wollen, wie sie sie leben. "Familie, das bedeutet für mich das Leben", sagt Margarethe Vogelbacher. Bis sie 85 war, hat sie noch mitgeholfen, bis sie eines Tages bei der Arbeit umgekippt ist, dann hat sie sich zurückgezogen. Auf dem Wohnzimmertisch und der Kommode der heute 92-Jährigen stehen Bilder von ihren Töchtern und ihrem Sohn, von Enkeln und Urenkel – ihr Sessel ist umringt von gerahmten Fotos. Inzwischen geht sie meist nur noch zum Mittagessen nach nebenan, in das Café, das sie und ihr Mann um 1954 aufgebaut haben, nachdem er aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war. Ihr Kopf ist wach, ihr Körper Anfang 90. Morgens kommt eine Mitarbeiterin der Sozialstation, sonst helfen ihr die Kinder und Kindeskinder. Sie wird zu Hause alt, inmitten der Menschen, die sie liebt. "Das ist viel wert. Und wenn alle um mich rum sind – das ist ein Fest."

Ein bisschen mit den Schultern zucken alle Vogelbachers, wenn sie darauf angesprochen werden, dass ihre Großfamilie doch etwas Besonderes sei. "Ich kenne das nicht anders", sagt Hubert, der Vater und Opa. Er zeigt auf ein Schwarzweißbild, das über dem Frühstückstisch der Familie hängt. "Der kleine Knopf auf dem Schoß meiner Mutter, das bin ich", daneben sitzen Vater, die Schwester und der Uropa. Vier Generationen in einem Haus? Das gab es hier schon Mitte der 1950er-Jahre. Auch seine Frau ist so aufgewachsen, "alle unter einem Dach" haben sie damals gelebt. Wahrscheinlich ist es ein Lebensentwurf, den man heute eher auf dem Land findet, glaubt sie. Wo es mehr Platz hat und wo das Modell der Mehrgenerationenfamilie eigentlich schon immer gelebt wurde, auch wenn es das inzwischen auch abseits der Ballungszentren immer weniger gebe. Auch Franziska, die erst, seit sie mit Rainer zusammen ist, bei den Vogelbachers mitarbeitet, stammt aus einer großen Familie. Ihre Eltern hatten Gastronomie, eine gutgehende Wirtschaft bei Donaueschingen.

Die Nachteile des Mischmodells Großfamilie, Selbstständigkeit und Familienbetrieb fallen bei den Vogelbachers nur in Nebensätzen. Die vielen Verpflichtungen, fehlende Rückzugsorte, wenig Freizeit, werden angesprochen, aber nicht beklagt. "Ab und zu ist es schon ein bisschen viel. Da ist es hier wie in einer WG. Aber man bekommt so viel zurück. Und der Zusammenhalt und die Geborgenheit, das finde ich nur hier", sagt Franziska.

"Eine Familie, die sagt, dass sie nicht streitet, die lügt", sagt Rainer. "Natürlich kommt das bei uns vor. Aber man weiß eben auch, dass man sich hundertprozentig aufeinander verlassen kann", sagt er. "Familie steht an erster Stelle, auch vor dem Geschäft. Aber wenn die Familie auseinanderbricht, dann bricht auch das Geschäft auseinander."

Großfamilie und die Liebe zum ländlichen Raum wird auch bei den Vogelbachers nicht dominant vererbt. Rainers Schwester lebte erst in Kreuzberg, jetzt in Potsdam, ihr Familienmodell gehe eher in Richtung Patchwork, "und wenn sie ein paar Tage hier war, dann merkt man schon, dass sie genug hat", sagt er. Es klingt nach Feststellung, nicht nach Vorwurf. Und auch von anderer Seite bekommen sie hin und wieder zu spüren, dass ihr Lebensentwurf nicht für alle Menschen normal ist. Etwa dann, wenn ihre Gäste aus der Stadt nachfragen, warum Max nicht in die Kita geht und der Vorwurf mitschwingt, der Kleine verpasse dadurch Bildung und Chancen.

Bei allem Zusammenhalt, "runterkommen", wie Hubert Vogelbacher es nennt, muss auch die Familie in Schwärzenbach. Montags ist Ruhetag in dem Café – und auch in Sachen Großfamilie. Dann geht Rainer mit seinem Sohn Traktorfahren, Franziska trifft Freundinnen, Hubert und Angelika wandern. "Die Zeit braucht jeder für sich", sagt Angelika Vogelbacher.

Im Gastraum der hellgelb gestrichenen Pension mit dem weiten Blick über die Täler und Bergrücken des Hochschwarzwalds ticken viele alte Uhren, alle sind von hier, aus dem Ortsteil Schwärzenbach. Anfang des 20. Jahrhunderts war in dem Haus die Schreinerei der Uhrmacherfirma Winterhalder & Hofmeier untergebracht, die Heimat alter Schwarzwälder Uhrmacherkunst. Exemplare wurden im 19. Jahrhundert bis nach London exportiert.

Vor der Tür weht an einem Fahnenmast die badische Flagge, in deren Mitte das Wappen des Ortsteils mit seinen etwa 250 Einwohnern prangt. Ein Schild gibt Besuchern auf sieben Sprachen Bescheid, dass geöffnet ist – inklusive Dialekt. "Isch uff", steht neben japanischen Schriftzeichen.
Das Haus hat Geschichte und die Vogelbachers wollen sie weiterschreiben. Der Termin beim Notar steht, im Januar 2015 soll der Betrieb in die Hände von Rainer Vogelbacher übergehen.

Der steht wieder an der hochprozentigen Herrentorte, hat sie mit einem glänzenden Überzug aus dunkler Schokolade versehen. "Das war immer mein Wunsch, die Familientradition weiterzuführen. Sonst hätte ich nicht Koch gelernt, sondern Elektriker." Nach seiner Ausbildung war er unterwegs, war bei der Bundeswehr, hat in Grindelwald und in Arosa in der Schweiz gearbeitet. Jetzt steht er wieder in der Küche, in der schon zwei Generationen seiner Familie vor ihm Teig rührten und backten. "Wenn ich noch mal jung wäre – ich würde es wieder so machen", sagt er. Sein Sohn kommt durch die Küche getappst. Er hält sich an den Beinen der gestreiften Kochhose seines Vaters fest. "Ich werde Max zu nichts drängen. Aber wenn er einmal mit mir hier drin zusammenarbeitet, so wie ich und mein Vater heute – das wäre schon ein Traum."

Autor: Sebastian Wolfrum