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10. November 2008

Handwerkskunst im großen Stil

Das Maschinenhaus für das neue Wasserkraftwerk in Rheinfelden wächst rasant aus dem Flussbett / Text und Fotos von Ralf Staub

  1. Wie beim Schiffsbau: Der Zimmermann richtet die Schalung aus. Foto: Ralf Staub

  2. Das Herz des neuen Kraftwerks sind die Turbinenkammern. Foto: Ralf Staub

  3. Präzision ist gefragt, damit das Wasser gleichmäßig in die Turbinen strömt. Foto: Ralf Staub

ie Dimensionen sind gigantisch: Die Baugrube liegt – durch Spundwände geschützt – 30 Meter unter der Wasseroberfläche vier große und diverse kleinere Kräne sorgen dafür, dass tonnenweise Material dorthin gebracht wird, wo es gerade benötigt wird. 120 000 Kubikmeter Beton werden für den Bau des Maschinenhauses gebraucht, dazu 12 000 Tonnen Stahl, um ihn zu armieren. Doch trotz dieser gewaltigen Mengen, "bei den einzelnen Arbeiten kommt es zum Teil auf Zehntelmillimeter an", sagt Projektleiter Helmut Reif.

DWenn die Besucher von oben einen Blick auf das entstehende Maschinenhaus des neuen Kraftwerks werfen, dann haben sie Mühe auf den ersten Blick überhaupt einen der 120 Arbeiter zu erkennen, die derzeit schweißen, hämmern, Eisen biegen, sprengen oder baggern – so winzig wirken sie vom Rand der Grube aus, selbst die fest installierte Betonpumpe mit ihrem langen Rüssel sieht aus der Entfernung aus wie ein Spielzeugmodell. Mittlerweile nimmt das Herz des Maschinenhaus Konturen an: Die vier Kammern, die jeweils eine der rund 750 Tonnen schweren Turbinen samt Generator aufnehmen sollen, sind bereits betoniert, die so genannte Saugrohrpanzerung eingepasst. Präzision ist hierbei unabdingbar.

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Wenn die Turbinen ihren hohen Wirkungsgrad von 94 Prozent, den sie im Test erzielt haben, auch in Echt bringen sollen, dann darf nichts ihre Drehung stören. Die konisch zulaufende Stahlröhre, die sich von einem Durchmesser von 6,50 Metern auf 9 Meter weitet, muss nicht nur vollkommen rund sein, sondern auch so stabil, dass sie auch dem stärksten Wasserdruck standhält ohne sich zu verziehen. Umgeben ist der Stahl von einer ein Meter dicken Betonschicht "Da darf keine einzige Luftblase drin sein", so Reif.

Damit das neue Kraftwerk, dessen erste Turbine bereits im April 2010 Strom liefern soll, tatsächlich auf die angepeilte Leistung von jährlich 600 Millionen Kilowattstunden kommt, was mehr als das dreifache des alten Kraftwerks mit insgesamt 20 Turbinen ist, ist Präzision auch an Orten erforderlich, an denen sie der Laie nicht unbedingt vermuten würde: Damit alle vier Turbinen gleichmäßig Wasser erhalten, muss der Zufluss so geregelt sein, dass es keine Wirbel gibt, die für Vibrationen sorgen können. Im Oberwasser ist eine etwa schräge Rampe betoniert, auf der Wasser in Richtung Maschinenhaus strömt. Eine Herausforderung sei allerdings die Gestaltung des Trennpfeilers gewesen, der die – vom Schweizer Ufer aus betrachtet – vierte Turbine vom Stauwehr trennt, erzählt Helmut Reif, der sich seit 20 Jahren mit dem neuen Wasserkraftwerk beschäftigt. Etliche Modellversuche an der Uni in Karlsruhe – vergleichbar mit Windkanaltests bei Autos – waren notwendig, bis der Klotz im Flussbett richtig geformt war.

"Wir verbauen hier Tausende von Tonnen Beton und doch kommt es bisweilen auf

Zehntel Millimeter an".

Nach der Turbine muss das Wasser in der genau richtigen Menge abgeführt werden, ohne dass es Wirbeln kommt. Die Turbinenkammern können daher nicht einfach enden, sondern müssen ebenso wie der Pfeiler am Einlauf speziell geformt werden – selbstverständlich auch aus Beton, schließlich rauschen einmal bis zu 1500 Kubikmeter je Sekunde durch die Turbinen. Die Schalung ist das A und O für die Wasserschnittigkeit: Zunächst werden die Armierungseisen so gebogen, dass sich der Auslauf flussabwärts ausweitet, dann sind die Zimmerleute gefragt, die eigentlich auch Schiffsbauer sein könnten: Geschwungen wie ein Bootsrumpf schmiegt sich das Schalholz entlang der Armierung, so dass die Betonbauer jetzt ans Ausgießen des Hohlraums können. "Das ist noch richtige Handwerkskunst", freut sich Helmut Reif.

Obwohl der Bau gegenüber der ursprünglichen Planung etwa neun Monate voraus ist, will er keine Verzögerungen, der Bauzeitenplan ist längst angepasst. Für ihn ist jetzt eine Phase, in der es viele Gewerke zu koordinieren gilt, damit der Ablauf weiterhin reibungslos von statten geht wie bisher. Die Teile für den Rechen müssen rechtzeitig kommen, und auch die gesamte Technik des Maschinenhauses. Parallel dazu läuft die Ausbaggerung des Unterwasserkanals, beginnend mit neun Metern läuft er erst nach 1,8 Kilometern beim "Höllhooge" aus. Täglich werden etwa 2500 Kubikmeter Gestein aus dem Rhein geholt. In einem guten Jahr wird das Maschinenhaus geflutet, im April 2010 soll der erste Strom aus Neu-Rheinfelden kommen. Im Abstand von etwa zwei Monaten wird dann jeweils der nächste Turbine ans Netz gehen.

Dann wird vermutlich auch der Besucherstrom nachlassen, denn die Kraftwerksbaustelle ist in Rheinfelden die Attraktion schlechthin: In diesem Jahr werden es wohl 30 000 Interessierte sein, die sich das Neubauprojekt erklären lassen. Vier Führerinnen wurden dazu von der Energiedienst eigens geschult und angesichts des raschen Baufortschritts auch ständig auf dem laufenden gehalten.

Autor: Text und Fotos von Ralf Staub