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05. November 2013 07:41 Uhr

Empfängnisverhütung

Hat die Pille auch eine abtreibende Wirkung?

Die Pille ist Deutschlands beliebtestes Verhütungsmittel. Was viele nicht wissen: Ihr Wirkstoff kann auch verhindern, dass sich eine bereits befruchtete Eizelle in der Gebärmutterschleimhaut einnistet.

  1. Einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zufolge verhüten 53 Prozent der Frauen mit der Pille. Foto: Heiko Rothe/fotolia.com

  2. Die Pille ist Deutschlands beliebtestes Verhütungsmittel: Weil die Frauen ihre wahren Wirkmechanismen nicht kennen? Foto: dpa

Was wissen wir über die "Pille"? Die Frage klingt eigenartig, schließlich feierte die Pille vor zwei Jahren bereits ihren 50. Geburtstag und ist damit quasi in den Wechseljahren. Ihre Sicherheit, Risiken und Nebenwirkungen sind mittlerweile gut erforscht. Aber ethisch bedenklich? Abtreibend gar?

Von solchen Problemen war im Zusammenhang mit dem Verhütungsmittel noch nie die Rede. Dennoch sind einige Mediziner davon überzeugt, dass es sie gibt – nur beweisen konnten sie das bislang nicht. Auch und vor allem deshalb, weil die Forschung um diese Problematik bisher einen großen Bogen machte.

Konkret geht es darum, dass auch die Pille ihre verhütende Wirkung manchmal wohl einem Effekt verdankt, der bei der sogenannten "Pille danach" vor kurzem noch die Gemüter in Wallung brachte. Sie kann demnach nicht nur verhindern, dass eine Eizelle befruchtet wird, sondern auch, dass sich eine bereits befruchtete Eizelle in der Gebärmutterschleimhaut einnistet.

Im Sinne des Gesetzes könnte die Pille abtreibend wirken

Durch diese Schleimhaut-Veränderung wirkt sie im Sinne des Embryonenschutzgesetzes abtreibend. Denn diesem zufolge gilt bereits die befruchtete Eizelle, deren Kern mit dem des Spermiums verschmolzen ist, als Embryo.

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Auch der Mediziner Walter L. Larimore von der Universität in Südflorida zeigte sich vor 13 Jahren überrascht, als Kollegen ihn auf die Möglichkeit von derartigen "postfertilization effects" hinwiesen, die in den Packungsbeilagen nicht erwähnt wurden. Larimore durchforstete daraufhin gemeinsam mit seinem Kollegen Joseph B. Stanford von der Universität in Utah sämtliche seit 1970 erschienenen Studien zu oralen Verhütungsmitteln. Und er nahm deren Beipackzettel unter die Lupe.

Sein Fazit: Es gibt Beweise für die Richtigkeit der Annahme, dass die Effektivität hormoneller Verhütungsmittel zu einem Teil auf ihrer Wirkung auf die befruchtete Eizelle beruhen. Diese "postfertilization effects", so der Forscher, seien aber niemals systematisch untersucht worden und tauchten auch auf den Beipackzetteln nicht auf. Die Ursache für dieses allgemeine Stillschweigen, so spekulieren Larimore und Stanford, seien wirtschaftlicher Natur. Denn sollte sich die Problematik herumsprechen, müssten die Hersteller mit einer unangenehmen Ethikdebatte rechnen – ähnlich der, wie sie die Pille danach gerade erleben durfte.

Tatsächlich gibt es im Beipackzettel der Antibabypille Valette – der Nummer Eins auf dem deutschen Markt – keine Hinweise auf derartige Probleme. Der Hersteller Jenapharm beschränkt sich stattdessen auf die Nennung der Wirkstoffe: Gelbkörperhormon und Östrogen. Beim Konkurrenzprodukt Belara – Zulassungsinhaber ist die ungarische Firma Gedeon Richter – erfährt man unter dem Stichwort "Pharmakologische Eigenschaften" immerhin dies: "Unter der kontinuierlichen Einnahme von Belara über 21 Tage kommt es zu einer Hemmung der hypophysären FSH und LH-Sekretion und damit zu einer Hemmung der Ovulation. Das Endometrium proliferiert und wird sekretorisch transformiert. Der Zervixschleim wird in seiner Konsistenz verändert. Dies bewirkt eine Verhinderung der Spermienmigration durch den Zervixkanal und eine Motilitätsänderung der Spermien."

Das deutet zumindest an: Die Pille wirkt nicht nur primär, sondern auch sekundär. Für den Fall, dass der Eisprung nicht verhindert wird – der primäre Wirkmechanismus – oder es gar zu einer Befruchtung kommt, bewirkt die Pille a) zusätzlich eine Bewegungseinschränkung der Spermien und b) eine Veränderung der Gebärmutter- wie auch der Gebärmutterhalsschleimhaut.

Larimore gewann im Laufe seiner Recherche die Überzeugung, dass diese Sekundäreffekte nicht selten sind. Stichhaltige Zahlen kann er allerdings nicht nennen. Trotzdem schlussfolgerte er: Die Effektivität hormoneller Verhütungsmittel gründe zu einem guten Teil auf "postfertilization effects". Darüber müssten die Patientinnen aufgeklärt werden.

Diese Ansicht vertritt heute auch der Freiburger Medizinethiker Giovanni Maio. Zunächst wäre es allerdings "wünschenswert", so der Mediziner, dass eine der großen unabhängigen Forschungsinstitutionen, etwa die Deutsche Forschungsgemeinschaft, "ein Programm auflegt, um diese Frage industrieunabhängig zu klären". Das Dilemma sei nämlich, dass es bislang keine wirklich verlässlichen Daten gebe. Das wiederum sei auch "interessengeleitet", weil der Pharmaindustrie wenig daran liegen könne, die genauen Wirkmechanismen zu erforschen. Das Einzige, was für die Hersteller und für viele Ärzte zähle, sei die Sicherheit der Methode und weniger der Wirkmechanismus als solcher, sagt Maio. Letzterer sei "aller Hinweise zum Trotz immer noch relativ unklar".

"Sicher ausschließen können wir eine postkonzeptionelle Wirkung nicht." Julia Bartley, Charité
Auch Julia Bartley, Oberärztin an der Frauenklinik der Berliner Charité und Leiterin der gynäkologischen Endokrinologie, vermisst eine wirkliche Unbedenklichkeitsuntersuchung bei dem Verhütungsmittel: Der Wirkmechanismus der Pille sei zwar sehr gut untersucht und man wisse, dass sie den Eisprung hemme: "Aber sicher ausschließen können wir eine postkonzeptionelle Wirkung letztendlich nicht." Der Zeitraum zwischen Befruchtung und Einnistung des Eis sei weiterhin "eine Art Blackbox, an die wir nicht gut rankommen".

Zwar gebe es "Pillenversager", also Frauen, die trotz Pilleneinnahme schwanger werden. Daher wisse man, dass der Schutz durch das Mittel nicht hundertprozentig sei. Daraus könne man aber nicht schließen, so Bartley, dass die Pille gar keinen Effekt auf die Entwicklung und Einnistung einer befruchteten Eizelle habe. "Da stehen wir wieder vor der Blackbox", sagt die Ärztin.

Valette-Hersteller Jenapharm kann die Gründe für die Diskussion nicht ganz nachvollziehen. Sprecher Michael Diehl verweist auf den "primären Wirkmechanismus Eisprunghemmung" von Valette sowie auf "eine spezielle Ovulationshemmstudie an 22 Frauen", bei der keine einzige Frau einen Eisprung bekommen habe (Moore C. et al 1999) . Diese Studie hatte der Hersteller einst selbst gemeinsam mit der Universität Jena durchgeführt. Zum Ausschluss sekundärer Effekte ist sie zudem kaum geeignet.

Was die Nicht-Auffindbarkeit dieser Effekte in der Packungsbeilage betrifft, so beruft man sich bei Jenapharm auf den Gesetzgeber: Eine Erläuterung der Wirkweise habe dieser "nicht vorgesehen". Allein der Arzt stehe deshalb in der Aufklärungspflicht; Angaben zu den Wirkmechanismen finde er in der Produkt-Fachinformation. "Die kontrazeptive Wirkung von Valette", so heißt es allerdings in der, "beruht auf dem Zusammenwirken verschiedener Faktoren, wobei die Ovulationshemmung und Veränderung der vaginalen Sekretion als die wichtigsten anzusehen sind" – sprich, man schließt nichts aus, erwähnt aber nur das, was einem selbst genehm ist.

Fair gegenüber den Frauen ist das jedenfalls nicht: Denn viele von denen würden eine hormonelle Verhütungsmethode ablehnen, wenn sie von diesen Problemen wüssten. Das zeigt eine neue, von den Autoren selbst als repräsentativ bezeichnete Studie (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23957574) . Je nach ethisch-moralischer Überzeugung – so das Ergebnis – würde jede dritte Frau in Europa eine Pille mit potenziell "abtreibender" Wirkung nicht nehmen wollen. Gesundheitsforscher der Universitäten Navarra, Bielefeld und Bremen befragten dazu 1137 Frauen zwischen 18 und 49 Jahren in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Schweden und Rumänien.

Frauen würden eine Pille mit fragwürdigen Effekten ablehnen

In Spanien so das Ergebnis einer ähnlichen Untersuchung lehnen 45 Prozent der Frauen eine Pille ab, die auch nach der Befruchtung aktiv ist. 57 Prozent fänden eine Pille inakzeptabel, die die Einnistung der befruchteten Eizelle in die Gebärmutter verhindert. Die Studienautoren appellieren deshalb an Ärzte, Frauen besser über die Wirkweisen von Verhütungsmethoden aufzuklären – auch über die der "Pille". Deshalb reiche es nicht aus, wenn Ärzte nur über Effektivität, Vorteile und mögliche Gegenanzeigen des Verhütungsmittels informierten, so Studienleiterin Cristina López-del Burgo von der Universität Navarra.

Die Medizinerin plädiert für eine Sprachregelung, die Walter L. Larimore vorgeschlagen hat: "Meist verhindert die Pille den Eisprung. Trotzdem können Frauen trotz Pille manchmal schwanger werden. Einige Ärzte vertreten die Ansicht, dass die Pille zu Verlusten in der Frühschwangerschaft führt, bevor Sie überhaupt von einer Schwangerschaft erfahren haben. Wäre es für Ihre Entscheidung, die Pille zu nutzen, wichtig, mehr darüber zu erfahren?" (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/10693729)

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Autor: Birgitta vom Lehn