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02. Mai 2015 11:33 Uhr

BZ-Serie "Baden blüht" (1)

Warum in Deutschland das Gartenvirus umgeht

Graben, mulchen, jäten – Gartenarbeit ist nur was für Spießer? Von wegen! In Deutschland geht das Gartenvirus um – und dafür gibt es gute Gründe. Die neue BZ-Serie "Baden blüht" spürt ihnen nach.

  1. Die einen machen Yoga, die anderen werkeln im Garten. Entspannend ist beides. Foto:  DPA Deutsche Presse-Agentur GmbH

  2. Ab ins Beet! Foto: regula wolf

Rund 45 Millionen Hobbygärtner in Deutschland machen sich freiwillig die Hände schmutzig; sie säen und ernten, fachsimpeln über umweltverträgliche Schädlingsbekämpfung, historische Rosensorten und altes Saatgut oder diskutieren, wie viel Pflege ein Präriegarten braucht. Wer weder einen Garten noch einen Balkon hat, kümmert sich liebevoll um die Baumscheibe vorm Haus oder stellt wenigstens ein paar Töpfe mit Kräutern vors Fenster.

Die Deutschen entdecken ihren grünen Daumen. Junge Familien tragen sich in die immer länger werdenden Wartelisten ein, um einen Schrebergarten in einer Stadt zu pachten, Großstadt-Hipster beteiligen sich an Gemeinschaftsgärten und Urban-Gardening-Beeten, triste Verkehrsinseln und dröge Innenstadt-Grünstreifen sind nicht mehr sicher vor Saatbomben und Wildblumenwiesen, auf Brachen und Flachdächern wird Biogemüse gezogen. Wer sich nicht langfristig binden möchte, mietet für eine Saison eine von Profis mit Salat und Gemüse bepflanzte Parzelle.

Tipps für Anfänger und erfahrene Gärtner

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Die Serie "Baden blüht" wird sich in den kommenden drei Wochen mit dem allerorten grassierenden grünen Fieber befassen. Wir besuchen uralte Bauern- und historische Klostergärten, wir nehmen Schulgärten unter die Lupe, wir beschäftigen uns mit fast vergessenen Gemüsesorten und Initiativen, die statt Tagetes und Tulpen Kohlköpfe und Karotten in öffentlichen Beeten pflanzen, wir stellen Schreber-, Selbsternte- und Landschaftsgärten vor. Dazu gibt es zahlreiche Tipps für Anfänger und erfahrene Gärtner.

DIE SUCHE NACH BODENHAFTUNG

Was fasziniert all die Gartenbewegten am Tomatenpäppeln und Unkrautzupfen? Silke Borgstedt, Trendforscherin am Heidelberger Sinus-Institut, erklärt die Sehnsucht nach dem Paradies vor der Haustür mit dem Stichwort "Re-grounding". Gemeint ist die Rückkehr zu den Wurzeln, die Suche nach Bodenhaftung in Zeiten der Digitalisierung, der Wunsch nach einer nicht entfremdeten Beschäftigung, die alle Sinne anspricht. Es ist die Generation Facebook, die die Lust am Pflanzen und Ernten als Gegenpol zur Technisierung des Alltags entdeckt. Statt den Anforderungen einer globalisierten Welt hinterherzuhetzen, wollen die urbanen Gärtner die Dinge selbst in die Hand nehmen: Obst und Gemüse ziehen, Bienen oder Hühner halten, die Stadt ein Stück weit grüner und freundlicher gestalten.

Gerade jüngere Menschen gärtnern mit Leidenschaft

Früher erwischte das Gartenvirus die Menschen meist in der Lebensmitte. Heute experimentieren die Jüngeren mit alten Gemüsesorten und Wildkräutern. Neue Weltflucht? Kurzlebiger Spleen überspannter Städter? Pure Luftgärtnerei?

So unterschiedlich die Motive der Gärtner auch sein mögen, viele verstehen ihr Tun als politische Basisarbeit. "Sie gärtnern, um praktisch zu zeigen, wie es besser laufen könnte mit der Lebensmittelproduktion", schreibt die Soziologin Christa Müller, die sich seit Jahren mit den urbanen Gärten beschäftigt. Das heißt: frisch vom Feld statt langer Transporte, sonnensatte Tomaten statt geschmacksneutraler Einheitsware, alte und regionale Sorten statt Hybridzüchtungen, die weltweit vermarktet werden.

GIESSEN UND GENIESSEN
Die Gärtner mit ihren gemeinsamen Gemüsebeeten mitten in der Stadt sind zwar nur ein (winziger) Teil der grünen Szene. Mit den neuen Gärtnern verändern sich aber auch die Gärten: Jägerzaun, strammstehende Salatköpfe, sauber getrimmter Rasen und akkurat geschnittene Hecken, das war einmal. Heute herrscht fröhliche Anarchie: Das Gemüse wächst in alten Säcken und Einkaufswägen, in Konservendosen, Badewannen und Regenrinnen. Auch die Schrebergärten sind in Bewegung: Sie öffnen ihre Tore, immer mehr verzichten auf trennende Zäune.

Gärten können auch ein Lernort für Kinder sein

Die Gründe, sich einen Garten zuzulegen, sind so vielfältig wie die Pflanzen, die darin wachsen, sagt Thomas Wagner vom Bundesverband Deutscher Gartenfreunde: "Ein Garten ermöglicht gesunde, unbelastete Nahrungsmittel, er befriedigt als Wellnessoase das Bedürfnis nach neuer Natürlichkeit, er ist grünes Wohnzimmer und ein Lernort für die Kinder."

Die Gartenprofis mit den schwarzen Fingernägeln und manikürten Gärten kennen den pH-Wert ihres Bodens, die anderen schauen lieber vom Liegestuhl aus dem Gras beim Wachsen zu. Natürlich dienen die (Vor-)Gärten auch der Selbstdarstellung: Wer die Nachbarn beeindrucken möchte, beschränkt sich nicht auf ein paar Rosenstöcke oder ein Erdbeerbeet. Er glänzt mit Blumenpracht, ausgewählten Stauden und einem makellosen Rasen. Das zahlt sich aus: Ein schöner Garten steigert den Wert der Immobilie.

WACHSTUMSBRANCHE GARTEN

Jeder zweite Haushalt in Deutschland bewirtschaftet laut dem Bundesverbraucherministerium ein Stückchen Grün, entweder vor der eigenen Haustür oder in einem der 15 000 Kleingartenvereine. Dort findet seit einigen Jahren ein Generationswechsel statt: 45 Prozent aller Schrebergärten werden mittlerweile an Familien mit Kindern verpachtet. Vor allem in den Ballungsräumen ist die Nachfrage gewaltig. Die Begehrlichkeiten der Städteplaner sind ebenfalls groß. Nicht nur in Freiburg, auch in Berlin, Hamburg oder Hannover werden Kleingärten für neue Wohnquartiere geräumt.

Kleingärten nehmen so viel Platz wie Naturschutzgebiete ein

Die Fläche aller Freizeitgärten wird auf 1,4 Millionen Hektar geschätzt – das entspricht der Fläche aller Naturschutzgebiete in Deutschland. Gestiegen ist auch die durchschnittliche Gartengröße: von knapp 300 im Jahr 2002 auf 485 Quadratmeter.

Die Gartenlust ist auch ein Riesengeschäft. Für Setzlinge, Teichpumpe, Rasenmäher, Dünger, Erde oder wetterfeste Möbel geben die Deutschen nach Branchenangaben 18 Milliarden Euro im Jahr aus. Neun Milliarden Euro davon allein für Blumen und Pflanzen. "Die Branche hat ihr Wachstumspotenzial noch längst nicht ausgeschöpft", heißt es in einer Marktstudie. Allein der Markt für Gartendekoration und Licht im Garten, also für Rosenkugeln, Buddhas und Kugellampen, stieg zwischen 2006 und 2013 um 47 Prozent.

Gärtnern ist mittlerweile ein Lifestyle

Zurück-zur-Natur-Sehnsucht ist dies allerdings nicht – mit dem Landlust-Hype hat sich Gärtnern zum Lifestyle-Hobby gemausert. Wer trendy sein will, schafft sich eine verzinkte Gießkanne mit Patina und sündhaft teure Gummistiefel aus England an, die für die Arbeit im Beet eigentlich viel zu schade sind.

Ebenso groß ist der Zuwachs bei motorisiertem Schnickschnack. Mähen lassen lautet die Devise. Vor allem Mähroboter, Laubsauger und Akkugeräte sind gefragt, heißt es bei der Gesellschaft für Konsumforschung. Da kommt das "lebende Grün", wie es im Fachjargon heißt, fast schon zu kurz. Der Trend gehe zur Mitnahme- und Wegwerfpflanze, klagt Johannes Welsch, Geschäftsführer des Industrieverbandes Garten. Samen gewinnen? Ableger züchten? Sprösslinge ziehen? Viel zu mühsam! Was nicht mehr blüht, fliegt raus.



GRÜN MACHT GESUND


Bei aller Plackerei – ein Garten ist ein Ort zum Wohlfühlen. Gartenarbeit entspannt, ersetzt das Fitnesszentrum, der Blutdruck sinkt, der Herzschlag wird langsamer, Muskelspannung und elektrische Leitfähigkeit der Haut werden reduziert. Forscher der University of Essex haben herausgefunden, dass bereits fünf Minuten körperliche Arbeit im Grünen die Stimmung und das Selbstwertgefühl deutlich verbessern können. Beides sind Indikatoren für die psychische Gesundheit. Studien der niederländischen Universität Wageningen zeigen, dass Gartenbesitzer gesünder und entspannter sind als ihre Nachbarn ohne Garten.

Besonders hilfreich ist der Kontakt mit Erde bei psychisch angegriffenen Menschen. Wer gärtnert, grübelt nicht, sagen die Vertreter der Gartentherapie. Wer jemals im Wutanfall den Nacktschnecken und Blattläusen den Garaus gemacht hat, wisse um die erlösende Wirkung von Gartenarbeiten. Auf was warten wir noch? Ab in den Garten!

Am Montag lesen Sie: "Vergesst den Boden nicht" – Gärtnerin Heide Bergmann über Wegwerfpflanzen und die jungen Garteninitiativen in den Städten.

Autor: Petra Kistler