Casting für den neuen WG-Mitbewohner

Sarah Schädler

Von Sarah Schädler

Sa, 14. Oktober 2017

Haus & Garten

Druck auf Wohnungsmarkt erlebt zum Start des Wintersemesters einen Höhepunkt / Wohngemeinschaften können aus einer großen Zahl an Bewerbern auswählen.

"Du bist eine Runde weiter!" Die Stressflecken gehen zurück und Freudentränen steigen dem Bewerber in die Augen. Dieser ist aber nicht Teilnehmer einer Castingshow, sondern auf der Suche nach einem WG-Zimmer in Freiburg. Viele Wohngemeinschaften (WGs) in der Region bedienen sich am Castingformat, um mit der starken Nachfrage umzugehen.

Die Suche
So unterschiedlich WGs in Sachen Größe, Ausstattung oder Lage sind, so vielfältig sind auch die Anforderungen, die an einen Bewerber gestellt werden: Manche mögen es gesellig, andere ziehen sich gerne mal zurück; den Müll runterbringen sollte eine Selbstverständlichkeit sein; und ab und zu das Bad putzen, ist auch gern gesehen.

Oli und Verena sind Mitbewohner, Mitte 20, leben in Freiburg, und haben zu Semesterbeginn ein freies WG-Zimmer zu vermieten. "Das Zimmer ist zwar günstig, aber wirklich klein", meint Oli. In der Anzeige haben die beiden darauf hingewiesen, dass das Zimmer "im Herzen einer Hauptverkehrsachse" liege. "Trotzdem habe ich bis jetzt noch nie so eine starke Nachfrage erlebt", sagt er.

Wie sich das Casting letztendlich gestaltet, ist individuell sehr unterschiedlich. Oli und Verena haben sich einen Samstag dafür freigenommen, die Suchenden kommen in halbstündigen Abständen. Genug Zeit, den Bewerber kurz persönlich kennenzulernen und ihm oder ihr die Wohnung zu zeigen.

Freundlich und effizient werden die geladenen Bewerber von Verena durch die kleine 60-Quadratmeter-Wohnung gelotst. Die kurze Führung endet in der WG-Küche, wo noch ein bisschen Zeit zum Plaudern bleibt.

Die Not
Ein Blick in die Statistik zeigt: Freiburg wächst, und bezahlbarer Wohnraum wird zum Glücksfall. Das gilt aber auch für andere Regionen – den Großraum Basel/Lörrach zum Beispiel.

Um der Wohnungsnot entgegenzutreten, wurden in Studentenstädten in den vergangenen Jahren neue Wohnheime gebaut. Zum aktuellen Wintersemester werden in Freiburg etwa zwei Wohnheime mit insgesamt 216 Plätzen eröffnet, und auch für die nächsten Jahre sind weitere neue Gebäude geplant.

Renate Heyberger vom Studentenwerk Freiburg (SWFR) rät allen Wohnungssuchenden, "zu Beginn des Studiums das zu nehmen, was man bekommt, und sich im Sommersemester eventuell neu umzusehen". Dieser Ratschlag kann neben Verenas und Olis sympathischer Art auch ein Grund dafür gewesen sein, weshalb sich so viele Suchende auf die Anzeige gemeldet haben. Die Internetplattform wg-gesucht.de verzeichnet jedes Jahr im August und September die höchste Nachfrage nach Zimmern. "Im Schnitt erhält ein WG-Angebot in Freiburg 27 Nachrichten. Die telefonischen Kontaktaufnahmen sind hierbei nicht erfasst", sagt Annegret Mülbaier von wg-gesucht.de.
Die Anfragen
Oli und Verena haben ihre Anzeige nach zwei Tagen wieder deaktiviert. Oli sagt, er käme ansonsten nicht hinterher mit dem Durchlesen der Anfragen. "Jeder Bewerber soll fair behandelt werden; dazu gehört natürlich auch, eine Absage zu schreiben, falls nichts aus dem Zimmer wird." 115 Anfragen waren mehr als genug.

Wer bis zum Semesterbeginn nicht fündig wird, kann sich beim SWFR Hilfe holen. Renate Heyberger verweist auf die bereitgehaltenen Notunterkünfte: "Hier kann man für eine begrenzte Zeit in Schlafsälen übernachten."

Die Entscheidung
Nach drei Castings, 15 Kandidaten in der engeren Auswahl, unzähligen Gesprächen über Hobbys, Putz-, Kochgewohnheiten, Lieblingsbands und Heimatorte steht die Gewinnerin fest: Caro ist 23 Jahre alt, kommt aus Frankfurt und beginnt zum Wintersemester ein Psychologiestudium in Freiburg.

Warum sie das Rennen gemacht hat? Genau kann Verena es nicht erklären. "Ich denke, die Chemie hat einfach gestimmt." Viele andere seien unlocker gewesen und hätten sich künstlich verhalten.

In diesen Fällen wurde die Definition von Casting wohl zu ernst genommen: Eine Rolle zu spielen ist zwar die Idee des Konzepts. Gefragt ist das Schokoladenseiten-Ich, häppchenweise garniert mit ein paar Fehlern und Schwächen. Dabei sollte sich der Bewerber jedoch stets auch fragen, ob er die Rolle, für die er sich gerade bewirbt, überhaupt möchte oder ob er sich dafür nicht doch zu sehr verstellen muss.