Das Problem hinter dem Streit

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Sa, 15. November 2014

Haus & Garten

BZ-INTERVIEW über Mediation als Möglichkeit zur Streitschlichtung im Immobilienbereich.

in Gerichtsverfahren bei Immobilienstreitigkeiten kann anstrengend und teuer sein. Eine Alternative dazu ist Mediation: Ein unparteiischer Dritter vermittelt zwischen den Streitparteien. Mit dem Immobilienmediator Albrecht Müller hat BZ-Mitarbeiter Markus Boetzer gesprochen. Auch ein Kürbis spielte dabei eine Rolle.

E BZ: Welche Konflikte gibt es im Immobilienbereich?
Müller: Eine Immobilie wird geplant, gekauft, betrieben, vermietet, vererbt, aufgeteilt, verkauft, und in diesen Prozessen gibt’s natürlich jede Menge mögliche Konflikte. In der Planungsphase zum Beispiel zwischen dem Bauherrn und dem Architekten. Während des Baus gibt’s ein großes Thema: die Baumängel. Auch Konflikte in Wohnungseigentümergemeinschaften und Erbauseinandersetzungen gibt es immer wieder.
BZ: Was ist Mediation?
Müller: Mediation ist ein freiwilliges, strukturiertes Verfahren, bei dem die Konfliktparteien mit Unterstützung eines Mediators die außergerichtliche Einigung eines Konflikts anstreben. Wenn Sie und ich ein Problem haben und wir versuchen wollen, das miteinander zu regeln, dann können wir uns Unterstützung von einem Mediator holen.
BZ: Kommt es vor, dass eine Streitpartei Sie bittet, sich mit der anderen in Verbindung zu setzen?
Müller: Nein, das funktioniert nicht. Es muss so sein, dass beide Parteien diesen Beschluss getroffen haben. Und dann gibt es ein erstes Gespräch, bei dem die Mediation als solche erläutert wird.
BZ: Was wird da besprochen?
Müller: Wie ist der Ablauf? Was müssen wir wissen? Was müssen wir vielleicht miteinander vereinbaren? Und was sind die Prinzipien einer Mediation? Wie sind die Regeln? Dann können sich die beiden Konfliktparteien überlegen: Wollen wir das? Und es stellt sich natürlich die Frage, ob die Konfliktparteien mit mir als Mediator arbeiten wollen. Es wird auch über die Kosten gesprochen. Es wird ein Arbeitsbündnis vereinbart, in dem bestimmte Dinge geregelt sind: Ein wesentlicher Punkt ist die Freiwilligkeit; das Zweite ist Vertraulichkeit; es wird die Offenlegung vereinbart, das heißt, dass beide Parteien alles auf den Tisch legen; der Mediator unterliegt der Verschwiegenheitspflicht. Wenn es eine Einigung gibt, die eine wirtschaftliche Dimension hat, wird vereinbart, dass sich beide über Anwälte beraten lassen.
BZ: Kommt es auch vor, dass Sie von einer Mediation abraten?
Müller: Wenn die Konfliktparteien sagen "Wir möchten das gerne tun", haben sie einen wesentlichen Schritt geleistet. Dann würde ein Mediator nicht sagen "Das hat keinen Sinn". Es kann sein, dass die Parteien ohne Einigung auseinandergehen, aber in diesem Prozess sehr viel gelernt haben. Sie wissen vielleicht auch mehr über sich selber. Sie können das Problem genauer eingrenzen.
BZ: Wie geht es nach dem Erstgespräch weiter?
Müller: Wir schreiben auf, was wir für Themen haben. Nur die, zu denen beide bereit sind, werden fixiert. Und dann werden zu den Themen die Interessen beleuchtet. Das heißt, wir sprechen von Dingen, die hinter den Positionen liegen. Das ist der zentrale Punkt einer Mediation. Die Lösung kann nur entwickelt werden, wenn ich weiß, was dahinter so wichtig ist.
BZ: Was kann das sein?
Müller: Es gibt in der Mediation die Geschichte vom Kürbis: Zwei Männer gehen zum Markt – Sie und ich. Wir wollen beide einen Kürbis, aber es gibt nur noch einen. Die Marktfrau sagt: "Ich kann ihn durchschneiden." Nun sagen Sie "Nein" und ich sag "Nein". Warum nicht? Ihr Kind hat ein Halloween-Fest heute Abend und kann ohne Kürbis nicht mit den anderen Kindern spielen. Und ich hab’ ohne Kürbis Stress mit meiner Frau, weil sie morgen Kürbissuppe für unsere Gäste machen will. Jetzt erkennen wir, was dahinter liegt, und können die Lösung finden: Der eine kriegt das Fruchtfleisch und der andere die Schale. Das macht deutlich, worin der Kern einer Mediation liegt, nämlich auf die Bedürfnisebene zu gehen.
BZ: Auf dieser Ebene werden Lösungsvorschläge gesammelt?
Müller: Genau. Die Lösungsoptionen wären hier: Wir schneiden ihn durch; oder Sie kriegen heute den Kürbis und ich morgen; oder wir machen ein kleines Loch und nehmen das Fleisch raus.
BZ: Wie lange dauert es, bis man zu so einem Ergebnis kommt?
Müller: Das ist schwer zu sagen, weil es davon abhängt, wie komplex die Sache ist.
BZ: Was tun Sie, wenn der Streit besonders verhärtet ist?
Müller: Natürlich ist es schwierig mit den Konfliktparteien diesen Punkt zu erreichen, an dem wir miteinander arbeiten können. Es wird eine Gesprächsatmosphäre aufgebaut, die ermöglichen soll, dass die Konfliktparteien sich entgegenkommen können. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das im Gespräch zu unterstützen. Zum Beispiel, indem der Mediator versucht, das Gesagte so zu wiederholen, dass Dinge klarer werden.

Zur Person: Albrecht Müller ist Architekt und arbeitet im Bereich Gebäudemanagement bei der Stadt Freiburg. Er ließ sich zudem zum Mediator ausbilden und gründete vor eineinhalb Jahren das Mediation-Netzwerk in Freiburg, in dem neun Mediatoren unterschiedlicher Fachbereiche tätig sind.