Projekt mit Straßburg

Heizen mit Wärme aus dem Kehler Stahlwerk

Bärbel Nückles

Von Bärbel Nückles

Mo, 09. Juli 2018 um 20:30 Uhr

Wirtschaft

Es ist ein ungewöhnliches grenzüberschreitendes Projekt: Demnächst könnten Tausende, vielleicht sogar Zehntausende Straßburger Haushalte mit Fernwärme aus Kehl beheizt werden.

Die Abwärme von Industrieanlagen lässt sich nutzen – zum Beispiel zum Heizen von Wohnungen und Häusern. Vor diesem Hintergrund treiben Das Umweltministerium, die Badischen Stahlwerke (BSW) Kehl und die Stadt Straßburg das Projekt voran. Die Idee kam unlängst bei einem Arbeitstreffen mit Vertretern aus Stuttgarter Ministerien sowie der Städte Kehl und Straßburg auf.

In den nächsten Tagen wird das Umweltministerium dazu eine Machbarkeitsstudie als Forschungsauftrag ausschreiben. Bis Ende dieses Jahres, heißt es, rechne man mit einem Ergebnis. "Es gibt aber bei einem Vorhaben dieser Größenordnung sehr viele Fragen, die im Vorfeld diskutiert und beantwortet werden müssen", räumte ein Sprecher auf Anfrage der Badischen Zeitung ein.

In der Machbarkeitsstudie müssten die Fragen der technischen Umsetzung – etwa wie die Abwärme transportiert werden kann – sowie die dafür nötigen Investitionen geklärt werden. "Das wird in den nächsten Monaten passieren. Erst danach lässt sich sagen, ob und wie die Idee realisiert werden kann", so der Sprecher. Das enorme Abwärmepotenzial der Badischen Stahlwerke zu nutzen, sei jedoch "im Interesse des Klimaschutzes und der Energiewende eine tolle Sache, die wir grundsätzlich unterstützen". Dass dabei über ein grenzüberschreitendes Projekt nachgedacht werde, verleihe dem Vorhaben "einen besonderen Charme".

Bereits 2014 hatte der Energieversorger Badenova die Möglichkeit untersucht, die Abwärme des seit 1955 im Kehler Hafen ansässigen Stahlwerks in Heizwärme umzuwandeln. Für Kehl alleine wäre die Menge allerdings zu groß gewesen. Letztlich hatte sich das Stahlwerk aus dem Projekt zurückgezogen.

Zu den aktuellen Plänen wollen sich die Stahlwerke nicht äußern, wohingegen die Stadt Straßburg geradezu euphorisch reagiert. "Das Potenzial ist gigantisch", sagt Thierry Willm, der bei der Eurometropole für den Energiesektor verantwortlich ist. "Das Kehler Stahlwerk konsumiert tagtäglich so viel Strom wie eine Großstadt", betont Willm. Entsprechend viel Abwärme fällt bei der Stahlproduktion an.

Straßburgs Interesse an der Zusammenarbeit mit dem badischen Stahlkocher ist umso größer, als sich die Stadt beim Ausbau erneuerbarer Energien ein ehrgeiziges Ziel gesetzt hat. Heute liegt der Ballungsraum mit einem Anteil von 16 Prozent bereits um fünf Prozentpunkte vor anderen französischen Städten. Bis 2050 will Straßburg sich schrittweise auf 100 Prozent steigern.

Dabei spielen energieeffizientes Bauen und Sanieren, Biomasse-Kraftwerke, Methanisierung und Tiefen-Geothermie eine große Rolle. Anfang nächsten Jahres soll auf dem Gelände der stillgelegten Erdölraffinerie Reichstett eines von derzeit vier bei Straßburg geplanten Geothermiekraftwerken in Betrieb gehen und dann unter anderem Fernwärme liefern. Bisher werden schon 55 000 Wohnungen und etliche öffentliche Gebäude mit Fernwärme aus Biomassekraftwerken und ähnlichen Quellen versorgt.

Durch die Zusammenarbeit mit den Badischen Stahlwerken könnten laut Willm anfangs zwischen 4400 und 8750 Wohnungen beheizt werden – je nach Energieeffizienz der Gebäude. Die bürokratischen Hürden zwischen Deutschland und Frankreich hält Willm für den zeitraubendsten Teil des Verfahrens. Hingegen ist er überzeugt davon, dass eine Lösung für die Verlegung von Rohren unter dem Rhein hindurch gefunden wird. "Unsere beiden Länder haben ja ein Interesse daran, die Klimaerwärmung zu stoppen", sagt Willm. "Schließlich sind wir spätestens, seit die Tram von Straßburg nach Kehl fährt, ein Ballungszentrum."
Badische Stahlwerke (BSW) Kehl

Das einzige Stahlwerk Baden-Württembergs sitzt im Kehler Rheinhafen und produziert nach eigenen Angaben mit rund 850 Mitarbeitern jährlich etwa 2,3 Millionen Tonnen Walzprodukte aus Stahl. Das Werk arbeitet mit Strom. Das Ausgangsmaterial ist Schrott, der in zwei Drehstrom-Elektrolichtbogenöfen eingeschmolzen und dann zu Stabstahl und Walzdraht weiterverarbeitet wird. 2016 erwirtschafteten die Badischen Stahlwerke (BSW) Kehl einen Umsatz von 833 Millionen Euro, der Gewinn nach Steuern betrug 38 Millionen Euro.