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16. Juni 2012 17:30 Uhr

Keine Zwischenfälle

Hells-Angels-Präsident heiratet in evangelischer Kirche

Die Aufregung war groß: Der Reutlinger Präsident der Hells Angels wollte kirchlich heiraten. Die Trauung am Samstag verlief allerdings ohne Zwischenfälle. Applaus gab’s für die Zungenküsse vor dem Altar.

  1. Ingo Dura und seine Frau Ulrike verlassen nach der Trauung die Reutlinger Marienkirche. Foto: dpa

So etwas hat es in der ehrwürdigen evangelischen Marienkirche in Reutlingen noch nie gegeben: Muskelpakete in Hells-Angels-Kluft quetschen sich in die Bänke. Auf ihrem Rücken prangt das Emblem der "Höllenengel", ein Totenkopf mit Vogelschwinge, sowie die Namen von Städten in ganz Deutschland und Nachbarländern. Die Haut der Männer ist an vielen Stellen mit Tätowierungen eingefärbt. Gekommen sind die Motorradrocker zu einem Gottesdienst: Der Präsident der Reutlinger Hells-Angels-Gruppe will an diesem sommerlichen Samstag seiner Ehefrau Ulrike auch in der Kirche das Ja-Wort geben.

Präsident Ingo Dura hat an diesem Tag keine Motorradjacke an. Er trägt einen schwarzen Anzug - doch wer ganz genau hinsieht, erkennt auf seinem Rücken ebenfalls das Hells-Angels-Emblem, nahezu unsichtbar aufgetragen wie ein hauchdünnes Relief. Den Besucherandrang regeln die Rocker selbst. Das sind einige von ihnen beruflicherseits als Türsteher gewohnt. Allerdings ist ihnen der Unterschied zwischen einer Kirche und einem Bordell nicht klarzumachen - etwa wenn sie versuchen, Fotoapparate einzukassieren und ein angebliches Hausrecht für sich reklamieren. Dass evangelische Gottesdienste grundsätzlich öffentliche Veranstaltungen sind, zu denen jeder Zugang hat, ist für einige der selbst ernannten Ordner ein fremder Gedanke.

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Die Kulturen prallen in diesem Gottesdienst aufeinander. Hier singt die Gemeinde das berühmte Paul-Gerhardt-Lied "Geh aus, mein Herz, und suche Freud". Da lauschen alle den Klängen eines Musikers, der das Lied "Nothing else matters" der Band "Metallica" einfühlsam auf der Kanzel intoniert. Aufstehen, beten, hinsitzen, singen - das alles machen die "Höllenengel" und ihre Freunde willig mit.

Sicherheitsbedenken gegen die kirchliche Trauung hatte schon vorher der evangelische Dekan Jürgen Mohr zerstreut und darauf verwiesen, dass nach Angaben des Landeskriminalamtes das Hells-Angels-Chapter in Reutlingen im Gegensatz zu anderen Gruppen keine kriminelle Vereinigung sei. Der evangelische Pfarrer Andreas Bihl lässt sich vom Rummel um das außergewöhnliche Brautpaar nicht aus der Ruhe bringen. Es gehe nicht um Motorräder und nicht um die Besonderheiten der Hells Angels. Es gehe bei der Trauung um "etwas Schlichtes und Einfaches", dass ein Mann und eine Frau einander ein Versprechen auf Lebenszeit geben und sich dazu segnen lassen wollten.

Dazu predigt Bihl über einen Vers aus dem biblischen Buch Hohelied: "Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich." Der Theologe nutzt die Chance, seinem kirchenfernen Publikum etwas vom christlichen Liebesverständnis zu erklären. Er zeichnet ihnen Jesus Christus als einen Menschen vor Augen, der perfekt geliebt habe. Er erinnert Dura daran, dass dieser nach eigenen Worten im Gefängnis drei Mal die Bibel durchgelesen habe. "Liebe ist immer all inklusive - es gibt keinen Ort, wo die Liebe Gottes draußen bleiben müsste", sagt Bihl.

Das Ehegelübde legen Mann und Frau mit der Formel "Ja - mit Gottes Hilfe" ab. Dann werden die beiden vor dem Altar gesegnet. In einem Gefühlsrausch verbinden sie sich danach in einem anhaltenden Zungenkuss, der bei den Gästen johlenden Applaus auslöst. Das frisch gesegnete Ehepaar kann sich daraufhin einer Zugabe nicht enthalten.

Als "Gepäck" für ihren gemeinsamen Weg erhalten die beiden eine Bibel. Der evangelische Pfarrer übergibt sie mit den Worten, die Bibel sei wie eine edle Zigarre - zu gut, um als Andenken im Regal zu landen. Die Gemeinde gedenkt noch der Verstorbenen und derer, die nicht zur Hochzeit kommen konnten, weil sie derzeit im Knast sitzen. Dann rauscht die Festgesellschaft ab Richtung Hechingen, wo die Feier weitergeht.

Autor: kna


6 Kommentare

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Gerhard Blesch

Registriert seit: 20.05.2012

Kommentare: 13

16. Juni 2012 - 18:37 Uhr

Etwas ungewöhnlich ,aber gut.
Der evang. Pfarrer hat vor Ort demonstriert,dass Toleranz und Nächstenliebe einen hohen Stellenwert gerade in den großen Amtskirchen haben sollen.
Mit welcher Begründung hätte er sich auch verweigern sollen ??
Und wie man sieht, ist ja auch alles friedlich abgelaufen..

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Wolfgang Grothusmann  

Wolfgang Grothusmann

Registriert seit: 08.03.2012

Kommentare: 4

16. Juni 2012 - 20:34 Uhr

Kein Standpunkt ist auch ein Standpunkt. Die evangelische Kirche steht offensichtlich für alles.

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helli billig

Registriert seit: 18.04.2012

Kommentare: 30

16. Juni 2012 - 22:16 Uhr

Das ist klasse und auf den Pfarrer wirklich ein Lob----Also doch von oberster Stelle abgesegnet----keine kriminelle Vereinigung--sage ich doch schon lange ,da hat es wie überall ein paar Solche und Solche.!!!
Glückwunsch dem Paar und jetzt seit Ihr dran die standesgemässen Nachkommen,die für das Nichtaussterben und der Vermehrung der Nichtkriminellen Hells zuständig sind !!!

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Martin Bitdinger

Registriert seit: 21.04.2012

Kommentare: 201

17. Juni 2012 - 10:34 Uhr

"Mit welcher Begründung hätte er sich auch verweigern sollen ??"

Ich glaube nicht, daß man mit HÖLLENengeln "diskutieren" kann.
Ist doch wie bei der Mafia das berüchtigte "Angebot, daß Du nicht ablehnen kannst".

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Michael Riedle

Registriert seit: 17.07.2011

Kommentare: 572

17. Juni 2012 - 12:15 Uhr

@Hans-Georg Baumgartner

Wies der Pfarrer macht ist es nicht recht, Hauptsache was zum motzen....

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Jochen Kiefer

Registriert seit: 01.06.2012

Kommentare: 64

17. Juni 2012 - 13:33 Uhr

Toleranz leben - und nicht nur predigen. Das ist das, was der örtliche Pfarrer gemacht hat. Dafür gebührt ihm Respekt.
Wie es mit der Toleranz einiger Kommentarschreiber bestellt ist, ist offensichtlich. Der Deckmantel der Religion(szugehörigkeit) gibt eben den Kleingeistern überall (und in jeder Religion) die Möglichkeit sich zu ereifern.

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