Langzeitarchiv

Im Barbarastollen in Oberried wird es eng

Simone Höhl

Von Simone Höhl

So, 17. Mai 2009 um 19:27 Uhr

Oberried

Im Langzeitgedächtnis Deutschlands, dem Barbarastollen im Schauinsland, bewahrt die Republik ihr wichtigstes Kulturgut auf Mikrofilm gebannt und luftdicht in Edelstahlfässer gepackt auf. Jetzt sind 50 Fässer dazu gekommen. Langsam wird’s eng.

OBERRIED. Was haben Martin Luther, der Hauptmann von Köpenick und Pforzheim gemeinsam? Sie lagern alle in Oberried. Genauer: Kopien historischer Dokumente über sie. Im Barbarastollen im Schauinsland lagert das Gedächtnis der Deutschen Kultur. Immer wieder kommen neue, auf Mikrofilm gebannte Dokumente hinzu.

Die nunmehr 1430. der ungewöhnlichen Filmdosen ist am 55. Jahrestag der Haager Konvention eingelagert worden. Diese Vereinbarung wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten getroffen. Ihr untersteht als einziger Ort in Deutschland der unscheinbare Barbarastollen bei Oberried, den Militär nicht einmal überfliegen darf. Er ist der katastrophen- und bombensichere Speicher für bedeutende Werke von Dichtern und Forschern, Pläne und Akten deutscher Geschichte. Sollten die Originale zerstört werden, wie beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs, bleiben zumindest die Kopien in diesem Stollen. Der Sicherheitsstatus ist auch weltweit selten. "Uns sind sonst nur noch der Vatikan und das Reichsmuseum in Amsterdam bekannt", sagt Ursula Fuchs vom zuständigen Bundesamt für Bevölkerungsschutz.

Sie und ihre Kollegen bringen Oberrieds Bürgermeister zum Jahrestag ein Geschenk mit: eine Taschenlampe, die mit Handkurbelbetrieb funktioniert. Sie ist ein Symbol, wie die Sicherungskopien für die ferne Zukunft aufbewahrt werden. Denn auch dabei wird auf Hightech verzichtet. Statt digitale Medien, die wie Floppy-Discs bald kaum mehr gelesen werden können, setzen die Archivare auf die altbewährte Fotografie. Um die Einzelbilder auf den 35-Millimeter-Filmen zu betrachten, braucht es nur eine Lampe und höchstens noch eine Lupe. Gelagert werden die Filmfässer bei zehn Grad, die der Berg das ganze Jahr über konstant hält. "Einfach genial", sagt Lothar Porwich vom Bundesamt vergnügt.

Doch manches ist ziemlich aufwendig, bis die Filme in etwa 400 Metern Tiefe im Berg lagern: Die Landesarchivare entscheiden, was für die Nachwelt von Bedeutung ist, und lichten es hochwertig ab. Auf den entwickelten Filmen dürfen keine Chemikalien zurückbleiben, die sie zersetzen könnten. Die Filme werden in München auf großen Rollen zusammengefügt in die extra dichten Behälter gepackt, die erst nach einem Monat Klimatisierung in einem Reinraum verschlossen werden, damit es keine Schadstoffe und kein Kondenswasser in ihrem Innern gibt.



Seit 1975 werden die Aufnahmen in den Untersuchungsstollen des ehemaligen Silberbergwerks gebracht. Von Anfang an dabei: der Münchner Unternehmer Dietrich Hofmaier. Das Verfahren beeindruckt den Mitsiebziger, der extra zur Einlagerung angereist ist, noch immer: "Man hat damals was entwickelt, was bis heute Bestand hat." Die Kopien sollen noch viel länger halten – mindestens 500 Jahre. Regelmäßig gibt es Stichproben, "nie gab es Beanstandungen", sagt Porwich.

Die wohldosierte Geschichte wird mit einem Stapler in den Stollen gefahren. Kopien der Akten aus Berliner NS-Verfahren werden zu denen von Bach-Handschriften, der Polizeiakte des Hauptmanns von Köpenick, der päpstlichen Bannandrohungsbulle gegen Luther, der Startbahn-West-Baupläne oder des Kölner Katasters gestellt. Oder neben den Bestand 228, der alles erfasst, was an Urkunden und Verwaltungsakten aus badischen Städten vorhanden ist. Im zentralen Schutzort, dem größten Mikrofilmarchiv Europas, lagern bereits gut 820 Millionen Aufnahmen auf 27 000 Kilometer Film. "Das ist fast einmal um die Erde", sagt Porwich.

Viel Luft bleibt in den beiden muffigen Lagerkammern allerdings nicht mehr, 2015 sind sie wahrscheinlich voll. Im Bundesamt wird überlegt, bald eine dritte Kammer einzurichten – damit das kulturelle Erbe Deutschlands auch künftig nicht verschütt gehen kann.