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23. Januar 2016

"Im Leben tun, worauf man Lust hat"

BZ-SERIE (TEIL 12): Betty BBQ ist eine hauptberufliche Drag Queen, sie setzt sich für offene und tolerante Lebensweisen ein.

  1. Betty BBQ Foto: MichaelBamberger

Angesichts der Debatte um die Flüchtlinge fragen wir Deutsche uns: Welche Werte sind uns wichtig, welche Traditionen und Konventionen wollen wir eingehalten wissen? Um das zu erfahren, lassen wir Menschen aus Südbaden erzählen.

"Ich bin in einer sehr liberalen Familie aufgewachsen, meine Eltern waren in der alternativen Szene unterwegs, ehe sie ‚vernünftig’ wurden. Die frühe Kindheit in den 80ern verbrachte ich in Freiburg, ehe meine Eltern – ich war damals etwa fünf Jahre alt – beschlossen, aufs Land zu ziehen. So bin ich in einem kleinen Schwarzwalddorf aufgewachsen. Das war dort schon sehr anders als in Freiburg – sehr geordnet. Wenn man dort nicht Fußball spielte oder dem Musikverein angehörte, war man als junger Mensch schnell außen vor. Ich habe natürlich versucht auszubrechen, aber das war nicht so einfach. Ich habe mich auf dem Dorffest betrunken und in der Sparkasse übernachtet, bis der Bürgermeister meinen Vater angerufen hat, denn auf dem Land regelt so etwas noch der Bürgermeister.

Meine Mutter war und ist sehr arbeits- und strebsam, sie hat mir bei aller Offenheit auch konservative Werte mitgegeben, zum Beispiel Pünktlichkeit oder dass man Dinge durchziehen muss. Aber sie hat mich auch gelehrt, im Leben zu tun, worauf ich Lust habe. Durch meine Großeltern war auch Religion wichtig, erst mit meinem Outing habe ich sie ‚abgelegt’. Heute bleibe ich der Kirche fern – nicht, weil ich nicht dazugehören will, sondern weil ich nicht dazugehören darf.

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Als ich mit 17 Jahren die Möglichkeit hatte auszuziehen, bin ich nach Freiburg geflohen – nicht aus dem Elternhaus, sondern aus der Enge des Dorfes. Das war unglaublich wichtig für mich. Endlich konnte ich leben! Ich wollte in der Region bleiben, denn mir war klar, dass ich hierher gehöre und nicht nach Hamburg oder Berlin. Bis heute ist Heimat für mich wichtig.

Ich habe immer schon gern Theater gespielt, hatte immer schon Spaß an Verkleidung, war immer schon gerne bunt und schrill (mittlerweile bin ich das privat überhaupt nicht mehr, den Job hat voll und ganz Betty BBQ übernommen). Meinen ersten Freund hatte ich, ohne zu wissen, was Homosexualität überhaupt ist, denn mit mir hatte niemand darüber gesprochen. Das war noch auf dem Land, natürlich sind wir da nicht als Paar aufgetreten. Die Homosexualität war aber nicht der Grund für meinen Umzug in die Großstadt. Vielmehr wollte ich etwas erleben, zum Beispiel Kultur.

Offen homosexuell lebe ich erst, seit es Betty BBQ gibt. Zuvor war ich acht Jahre lang mit einer Frau verheiratet – und das sehr glücklich. Betty war Teil meines Outing-Prozesses, damals war ich Ende 20. Sie hat mir mit ihrem Selbstbewusstsein sehr geholfen – es ist wichtig, dass man mit sich und seiner Sexualität im Reinen ist. Ein Outing ist kein Allheilmittel, aber für meine seelische Gesundheit und Zufriedenheit war es sehr wichtig – es war ein Schalter, der mich zurück ins Leben geholt hat. Heute setze ich mich als Betty BBQ sehr für den Bildungsplan der grün-roten Landesregierung ein, damit in der Schule überhaupt einmal über Homosexualität gesprochen wird.

Betty ist mehr als ein Kostüm, sie ist ein Charakter, der an Fasnacht auf dem Ball Verqueer im Freiburger E-Werk entstanden ist, wo meine Freunde und ich jahrelang immer wieder den Kostümwettbewerb gewonnen haben. Ich habe in der Gruppe die Frauenrollen übernommen – Fräulein Rottenmeier aus "Heidi", die Venus oder eine 20er-Jahre-Witwe. Schon drei Monate nach Bettys erstem Auftritt musste ich mangels Zeit entscheiden, ob ich für sie meinen bisherigen Job aufgebe.

Inzwischen gibt es Betty seit dreieinhalb Jahren. Sie macht Partys, Moderationen und Stadtführungen. Sie ist eine von elf hauptamtlichen Drag Queens im deutschsprachigen Raum. Um eine zu sein, muss man – siehe Lilo Wanders – nicht homosexuell sein. Betty ist nicht nur ein schillernder, sondern auch ein sehr politischer Charakter. Sie engagiert sich bei Christopher Street Days, bei der Rosa Hilfe und bei der Aids-Hilfe. Es geht ihr um Themen wie Outing, sie unterstützt Fluss e.V., einen Verein, der Aufklärungsarbeit macht, auch an Schulen, auch Betty war schon an einer Schule in Kirchzarten, das war eine tolle Stunde.

Betty BBQ hat mit mir heute wenig zu tun. Ich nutze sie als Plattform und Sprachrohr, um unbequem sein zu können – um beispielsweise zu sagen, dass Freiburg keine so offene, tolerante Stadt ist, wie sie immer tut. Betty ist eine unglaublich starke, heterosexuelle Frau. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, ist schrill, aber auch bieder, anständig, katholisch. Keine Skandal-Drag-Queen und kein Party-Luder, eher eine Mutti, die für viele zur Vertrauensperson geworden ist. Sie steht für verschiedenste Lebensformen, nicht nur für eine schwul-lesbische, sie unterstützt auch das Mädchen, das lieber Künstlerin werden will, als den Hof der Eltern zu übernehmen. In Freiburg werden Schwule regelmäßig verprügelt. Öffentlich ein Thema war das bis vor kurzem nie. Hier können Männer keine Händchen halten, nach zehn Minuten werden sie bespuckt. Auch ich wurde schon öfters angegriffen, zuletzt am Neujahrsmorgen in der Innenstadt: Der Angreifer beschimpfte mich, sprang auf mich zu und schubste mich. Einer meiner beiden Begleiter ging dazwischen und bekam eine verpasst. Diesmal habe ich Strafanzeige erstattet. Privat könnte ich diesen Hass nicht aushalten, bei Betty verschwinden die Droh-Mails und Beschimpfungen im Abfluss. Die Kunstfigur ist also ein Schutzschild, um die Anfeindungen zu ertragen.

Politisch wurde nie thematisiert, dass Homophobie zum Alltag der Stadt gehört – dass es reicht, als Mann mit lackierten Fingernägeln in der Straßenbahn zu sitzen, um beschimpft zu werden. Doch allein dadurch, dass Betty inzwischen zu so ziemlich jedem gesellschaftlichen Ereignis der Stadt eingeladen wird und damit das queere Freiburg überhaupt einmal ein Gesicht bekommt, habe ich schon viel erreicht. Darauf bin ich stolz.

Die nächste Folge unserer Serie lesen Sie am kommenden Mittwoch im Politikteil. Alle bisherigen Folgen finden Sie online unter mehr.bz/dafuersteheich.

ZUR PERSON: Betty BBQ

Das Treffen mit Betty BBQ findet im Raucherbereich einer Freiburger Szenekneipe statt. Doch anstatt der Kunstfigur Betty sitzt ein Tee trinkender Mann am Tisch, freundlich, gesprächsbereit, meinungsstark. Nur bei der Frage nach dem Alter gibt er sich divenhaft, auch seinen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen: "Um mich zu schützen und meine Ruhe zu haben, habe ich meine private Identität verschwinden lassen, auch aus allen sozialen Medien." Während Travestiekünstler nur auf der Bühne so tun, als wären sie eine Frau, spielen Drag Queens ihre Rolle auch im Alltag. Wieder etwas anderes sind Transvestiten, für sie sind Damenkleider und Make-up ein sexueller Fetisch. Transsexuelle fühlen sich im falschen Körper und machen deshalb eine Therapie (Hormonbehandlung, geschlechtsangleichende OP).  

Autor: fz

Autor: Aufgezeichnet von Frank Zimmermann