In Asien nimmt die Diskriminierung von Minderheiten zu

Willi Germund

Von Willi Germund

So, 24. Dezember 2017 um 07:00 Uhr

Ausland

Hetze gegen Andersgläubige: In vielen Regionen Süd- und Südostasiens nimmt die Hetze gegen Minderheiten zu. Viele Politiker beuten das politisch aus.

Ein Selbstmordattentäter stolpert auf dem Weg zum Eingang der kleinen Methodistenkirche in der pakistanischen Stadt Quetta. Der andere Attentäter braucht eineinhalb Minuten, um das verschlossene Eisentor zu überwinden. Das zeigen die Aufnahmen einer Überwachungskamera. Obwohl die Sicherheitskräfte schnell vor der mit 400 Gläubigen gefüllten Kirche auftauchten, starben bei dem Anschlag neun Menschen. Christen in ganz Asien fürchten sich alljährlich im Advent vor Anschlägen islamistischer Extremistengruppen.

Doch die Hasswelle gilt nicht nur ihnen, sondern allen religiösen Minderheiten in vielen Regionen Süd- und Südostasiens. Viele Politiker beuten das politisch aus: In Pakistan wird bei Streitigkeiten aller Art schon lange der Vorwurf der Blasphemie wegen vermeintlicher Verunglimpfung des Propheten Mohammed erhoben. Die mächtigen Generäle des Landes ließen im November eine kleine, lautstarke Fundamentalisten-Gruppe wochenlang an einer Straßenkreuzung der Hauptstadt Islamabad so lange protestieren, bis der Justizminister seinen Hut nahm.

Beim großen Nachbarn Indien betätigt sich der hindunationalistische Premierminister Narendra Modi als Sprachrohr der Hetze. "Wollt ihr eine Aurangzeb-Herrschaft?", fragte er während des Wahlkampfs im Bundesstaat Gujarat in Anspielung auf den muslimischen Mughal-Fürsten (1618 bis 1707), der im Norden Indiens herrschte. Die Bemerkung zielte auf den frischgebackenen Chef der Kongresspartei Rahul Gandhi, doch die versteckte Botschaft war klar: Modi schürt die Angst vor dem Islam. "Toleranz verursacht Aggressivität", sagt der hindunationalistische Vordenker Rakesh Sinha von der India Policy Foundation. Bei dieser handelt es sich um eine Denkfabrik der Massenorganisation Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS), dem hindunationalistischen, paramilitärisch organisierten Freiwilligenkorps. "Wir werden Familien stärken und der Hinduismus wird zu den wichtigsten Soft-Power-Faktoren der Welt gehören."

Die Saat des Hasses ist aufgegangen. Im Bundesstaat Rajasthan hackte ein fanatischer Hindunationalist einen muslimischen Tagelöhner in Stücke, ließ den Mord von einem 14-jährigen Verwandten filmen und veröffentlichte die Bilder im Internet. Auf dem Bankkonto der Ehefrau des verhafteten Mörders gingen Spenden von mehr als 500 Sympathisanten ein.

Nahezu gleichzeitig landete im Bundesstaat Madhya Pradesh eine Gruppe von Katholiken hinter Gittern. Sie hatte in einigen Dörfern Weihnachtschoräle gesungen. Die hindunationalistische Truppe Bajrang Dal zeigte sie prompt wegen des Versuchs der religiösen Bekehrung an. Laut eines Gesetzes des Bundesstaats muss sich jeder Konvertit bei der Polizei melden.

Indiens Hindunationalisten schüren die Furcht vor einer Islamisierung des Landes. Tatsächlich ist der Islam laut einer Untersuchung des US-amerikanischen Pew-Instituts aus dem Jahr 2015 die am stärksten wachsende Religion in Asien. Laut der Prognose werden im Jahr 2050 knapp 30 Prozent der in Asien lebenden fünf Milliarden Menschen Muslime sein, eine Zunahme von rund 48 Prozent gegenüber dem Jahr 2010. Die Zahl der Hindus wird auf etwa 28 Prozent steigen, ein Wachstum von etwa 34 Prozent gegenüber dem Jahr 2010.

Die Furcht vor einer anderen Religion ist freilich keine hindunationalistische Spezialität. Im buddhistisch dominierten Myanmar, dessen Militärs seit Mitte August über 600 000 muslimische Rohingyas aus dem Land vertrieben, verfügte die Regierung vor einiger Zeit unter dem Druck der inzwischen umbenannten buddhistischen Mönchsgruppe Ma Ba Tha vier Gesetze, die Religionswechsel und interreligiöse Ehen erschweren.

Im überwiegend muslimischen Indonesien verbüßt der einstige Gouverneur Basuki Tjahaja eine zweijährige Haftstrafe, nachdem ihm vor einem Jahr während des Wahlkampfs um den Gouverneursposten von radikalen islamistischen Gruppen Blasphemie vorgeworfen worden war. Das rund 250 Millionen Einwohner zählende Indonesien ist weltweit die Nation mit den meisten Muslimen. Der Sieger der Wahl, der muslimische frühere Erziehungsminister Anies Baswedan, triumphierte nach der erfolgreichen Kampagne gegen den chinesischstämmigen Christen: "Jakarta gehört uns", sagte Basuki Tjahaja. "Es gehört nicht einigen von uns."