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30. April 2002

"In keinem Land sind Frauen so vernachlässigt"

BZ-INTERVIEW mit dem Arzt Michael Runge über Afghanistan.

BZ: Was hat Sie bei Ihrem Besuch am meisten bewegt?
Runge: Ich habe zehn Jahre in Entwicklungsländern wie Kambodscha oder Vietnam gearbeitet. Aber nie habe ich ein Land gesehen, in dem alle medizinischen Einrichtungen so kaputt gewesen sind wie in Afghanistan. In der Zwei-Millionen-Stadt Kabul gibt es nur noch wenige funktionierende medizinische Einrichtungen. Die Uniklinik wurde im Krieg gegen die Sowjets zerstört. In der Folgezeit haben die Mudschaheddin in den medizinischen und universitären Einrichtungen alle Kabel, Heizkörper und Geräte herausgerissen, um sie als Altmetall zu verkaufen. Die Taliban schließlich haben in den Lehrbüchern, die ohnehin schon veraltetet waren, die Bilder herausgerissen oder die Bücher gar vernichtet. Es gibt also heute kaum mehr eine medizinisch-technische Ausrüstung, noch gut ausgebildete Ärzte. In Kabul arbeiten heute fünf Fachärztinnen und ein Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Auf dem Land ist die Situation noch deutlich schlimmer.

BZ: War das Niveau des Gesundheitswesens nicht schon früher niedrig?
Runge: Natürlich gab es ein Stadt-Land-Gefälle, aber das Niveau der medizinischen Fakultäten war vor dem Einmarsch der Sowjets recht gut. Die Ausbildung orientierte sich an Deutschland und Frankreich. Die Uniklinik von Kabul galt als eine der besten in Asien.

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BZ: Wie sieht die Lage der Frauen aus?
Runge: Frauen und Kinder sind in Afghanistan die schwächsten Glieder der Gesellschaft. Jedes vierte Kind in Afghanistan erreicht das fünfte Lebensjahr nicht. Bei 100 000 Geburten sterben 1700 Frauen, das heißt 17 500 Frauen pro Jahr. Die Mehrzahl dieser Frauen verblutet unter der Geburt oder stirbt am Kindbettfieber. Nur noch in Sierra Leone liegt die Zahl toter Mütter höher. In Deutschland zum Vergleich sterben nur acht Frauen pro 100 000 Geburten. Ich habe noch kein Land gesehen, in dem die Frauen so vernachlässigt gewesen sind. Sie sind schlechter ernährt, leiden fast alle an ernst zu nehmender Blutarmut und sterben viermal häufiger an Tuberkulose als Männer. Wenn sich im Krankenhaus der Schleier lüftet, blickt man nur noch in traurige Augen.

BZ: Was muss jetzt getan werden?
Runge: Gesundheitsministerin Souhaila Sediq meint, dass in Afghanistan vorrangig Mediziner ausgebildet werden sollten. Denn was nützen moderne Geräte, wenn die Ärzte sie nicht sinnvoll bedienen können? In ganz Afghanistan gibt es heute nicht einen Professor für Geburtshilfe und Gynäkologie mehr. Die Älteren sind geflohen, Nachwuchs wurde keiner ausgebildet.

BZ: Inwieweit ist Afghanistans Regierung bereit, sich für das Land zu engagieren?
Runge: Ich habe mit sieben Ministern gesprochen. Für mich sind das Menschen, die für ein neues Afghanistan ihr Leben und ihre Gesundheit riskieren. Denn die politische Lage ist nicht stabil. In den Bergen gibt es immer wieder Zusammenstöße zwischen den Kriegsherren und im Osten kämpfen die USA gegen die al-Qaida.

BZ: Wie kann der Westen helfen?
Runge: Der Afghanische-deutsche Ärzteverein in Freiburg ist dabei, rückkehrwillige afghanische Ärzte ausfindig zu machen. Diese könnten mit deutschen Stipendien Dienst tun und Frauenärzte und andere dringend benötigte Fachleute ausbilden. Da die Universitäts-Frauenklinik Freiburg einen neuen Operationstrakt bekommen hat, konnten wir die alte, aber noch gut erhaltene OP-Ausrüstung vergangenen Monat nach Afghanistan verschiffen. Dies ist alles nur ein Anfang. Wir suchen dringend Gelder, um in den Frauenkliniken wieder Narkosen und Operationen möglich zu machen. Das Kooperationszentrum für die Facharztausbildung in Entwicklungsländern an der Universität Freiburg könnte mit finanzieller Unterstützung auch Lehrmaterialien in Landessprache für die Ausbildung von Fachärzten zur Verfügung stellen. Damit die jetzige Regierung durch die Loya Dschirga, die Ratsversammlung der Stämme, bestätigt wird, muss sie bald Erfolge vorweisen. Deshalb müssen die versprochenen Milliarden so schnell wie möglich fließen.


Spenden an: Sparkasse Freiburg, BLZ 680 501 01, Kontonummer 2004406, Verwendungszweck: "1084 3219 01" Frauen in Afghanistan, Universitätsklinik Freiburg