Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

01. Juli 2012 10:07 Uhr

Mexiko

Rückkehr der Revolutionäre

80 Millionen Mexikaner sind am Sonntag aufgerufen, ein neues Parlament sowie den Nachfolger für Staatschef Felipe Calderón zu wählen. Sechs Jahre nach Calderóns umstrittenem Sieg steht das Land vor einer Schicksalswahl. 60 000 Menschen starben in dieser Zeit durch den Drogenkrieg.

  1. Anhänger der PRI feiern ihren Kandidaten Enrique Pena Nieto. Foto: dapd

Calderón kann nach der Verfassung nicht erneut kandidieren. Als Favorit geht laut Umfragen Enrique Peña Nieto ins Rennen, der 45-jährige Ex-Gouverneur des Bundesstaates Mexiko. Er ist der Frontmann der Partei der Institutionellen Revolution (PRI), die 70 Jahre lang mit eiserner Faust Mexiko regiert hat und auf ein Comeback hofft. Hinter ihm liegen mit deutlichem Abstand Josefina Vásquez Mota von der regierenden konservativen Partei der Nationalen Aktion (PAN) und Andrés Manuel López Obrador von der linken Partei der Demokratischen Revolution (PRD). Obrador hatte 2006 nur knapp gegen Calderón verloren und landesweite Proteste gegen den angeblichen Wahlbetrug gestartet. Peña Nieto gilt als Favorit.

Während López Obrador auf einen starken Staat setzt und der Armutsbekämpfung Vorrang einräumt, plädieren die anderen Kandidaten für eine Öffnung des Wettbewerbs etwa im Telekom- und Erdölsektor. Kaum konkrete Vorschläge gab es, wie man die Drogenmafia effektiver bekämpfen könnte. Der Wahlkampf dümpelte eher lustlos dahin – bis die Studenten auftauchten.

Werbung


"Als Peña Nieto Mitte Mai an die iberoamerikanische Universität kam, um dort sein Programm vorzustellen, beschlossen einige von uns spontan, gegen ihn und seine Partei zu protestieren. In Mexiko schien sich keiner daran zu erinnern, aber immerhin ist die PRI gleichbedeutend mit Menschenrechtsverletzungen, Korruption und Autoritarismus", so die Kommunikationsstudentin Leticia Floresmeyer. So wie sie dachten Hunderte Kommilitonen, die Peña Nieto unangenehme Fragen stellten, auf die der intellektuell wenig geschliffene Kandidat keine befriedigenden Antworten gab. Angesichts der aufgewühlten Stimmung flüchtete Peña Nieto schließlich auf eine Toilette.

Die beiden dominierenden Radio- und TV-Stationen, die in Mexiko als Königsmacher gelten und von Peña Nieto viel Geld für Spots und positive Berichterstattung erhalten, spielten die Vorfälle zunächst herunter. Das aber entfachte den Unmut der Studenten noch weiter. Es folgten landesweite Proteste und es entstand ein "mexikanischer Frühling", der vor allem López Obrador nützte. Auch, weil die Proteste die Defizite der seit 2000 regierenden Konservativen offenlegten: Noch immer ist Mexiko ein Land übermächtiger Monopole, verhindern mafiaähnliche Verstrickungen zwischen Gewerkschaften, Unternehmern, Medien und Politikern eine Modernisierung.

In der Region fällt Mexiko zurück

Hinzu kommt der Kollaps der Justiz und Sicherheitsbehörden, die dem Bürger keine Rechtssicherheit garantieren, vom organisierten Verbrechen unterwandert sind und nicht fähig, der Drogenkartelle Herr zu werden. Auch bei Wirtschaftswachstum und Armutsbekämpfung hat Mexiko in den vergangenen Jahren schlechter abgeschnitten als viele andere lateinamerikanische Länder, besonders Brasilien. Und gerade für die Jugend, die nun auf die Straße geht, bieten ein miserables Ausbildungssystem, niedrige Löhne und prekäre Arbeitsplätze kaum verlockende Zukunftsperspektiven.

Autor: Sandra Weiss