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12. September 2011 09:10 Uhr

Raus aus dem Heim

Irmtraut Anstätt: Eine Mutter auf Zeit

Irmtraut Anstätt hat über 30 Jahre lang Pflegekinder aufgenommen – als Kind ist sie misshandelt worden. Nun hat sie ein Buch über ihre Erfahrungen geschrieben.

  1. Ohne die leiblichen Eltern aufwachsen ist hart – eine Pflegefamilie kann helfen. Foto: dpa/privat

  2. Irmtraut Anstätt Foto: privat

"Leben ist wunderbar." Wer so einen Satz sagt, der ist mit sich und seiner Umwelt im Reinen, ist zufrieden – vielleicht sogar glücklich. Irmtraut Anstätt ist so ein Mensch. Aber die 56-Jährige hat sich den Satz vom wunderbaren Leben, der an diesem Spätsommernachmittag scheinbar so leicht und sicher daherkommt, hart erkämpft. Härter, als man es sich vorstellen kann. Denn Irmtraut Anstätt hat als Kind die Hölle erlebt. Als Baby lebte sie mit ihrer Mutter auf der Straße, als Kleinkind missbrauchte und misshandelte sie ihr Stiefvater. Als Pflegekind erlebte sie, wie es ist, ein Mädchen zweiter Klasse zu sein, weil die leiblichen Eltern nicht für einen da sind. Als Heimkind erfuhr sie, welche drakonischen Strafen darauf stehen, ein klein wenig Freiheit und Gerechtigkeit für sich und andere Kinder zu erkämpfen.

"Mit elf Jahren, als im Heim mein Geburtstag vergessen wurde, da habe ich mir vorgenommen: Wenn ich erwachsen bin, werde ich ein Kind aus einem Heim aufnehmen, das eine ähnliche Geschichte hat wie ich; ein Kind, das keiner will." Irmtraut Anstätt hat diesen Entschluss, den sie in ihrem gerade erschienenen Buch schildert, aber auch der Reporterin in ihrem südbadischen Zuhause, in die Tat umgesetzt. Doch anders als sie und ihr Mann anfänglich geplant hatten, gaben sie nicht einem Kind ein Zuhause auf Zeit, sondern 18 Jungen und Mädchen im Laufe von 30 Jahren. Der letzte junge Erwachsene verließ vor eineinhalb Jahren seine Pflegefamilie.

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Irmtraut Anstätts Händedruck ist weich und fest zugleich. Sie bittet ihren Mann, ihren Lieblingskräutertee für die Besucherin zu kochen und ist in den nun folgenden eineinhalb Stunden sehr konzentriert beim Frage- und Antwortspiel. Was sie schildert, kann einem den Atem rauben, doch im Angesicht von so viel Freundlichkeit, Lebensklugheit, Güte und Gelassenheit hat die Kälte keine Chance.

Das Buch, das jetzt erschienen ist, wollte Irmtraut Anstätt schon vor 25 Jahren schreiben. Es erzählt im ersten Teil von ihrer eigenen traumatischen Kindheit und im zweiten Teil von ihrem Pflegemutter-Dasein. "Ich denke, ich kann vielen Menschen mit dem Buch helfen", sagt sie. Auch andere hätten problematische Kindheiten durchlebt – gerade in ihrer Generation sei darüber fast immer geschwiegen worden. Die Namen von Orten und Menschen sind im Buch verändert, auch das Heim wird nicht näher benannt. Irmtraut Anstätt glaubt nicht, dass es damals eine Ausnahme war, wie die Kinder in dem Heim, in das sie als Zehnjährige kam, behandelt wurden: Die jungen Bewohnerinnen wurden überaus streng erzogen, Briefe wurden zensiert, das Essen war rationiert, wer gegen Regeln verstieß, wurde geschlagen und gedemütigt. Die Kinder hatten endlos viele Pflichten und wenig Rechte.

Wer sexuellen Missbrauch erlebt hatte – wie nicht wenige der Mädchen, weiß Irmtraut Anstätt – hätte Zuwendung gebraucht. "Die haben wir nicht bekommen." Freilich: Wenn sie jemand in den Arm genommen oder gestreichelt hätte, so wäre sie sicher zurückgeschreckt. "Ich habe das später auch bei meinen Pflegekindern gespürt: Missbrauch fängt ja häufig an mit solchen körperlichen Kontakten. Die Kinder können das dann schlecht einordnen, sie igeln sich ein, wehren sich auch. Ich habe Kinder gehabt, bei denen hat es zwei, drei Jahre gedauert, bis es möglich war, sie unbefangen in den Arm zu nehmen."

Obwohl sie ihr eigenes Schicksal verarbeitet hat, kann Irmtraut Anstätt nicht vergessen, was ihr angetan wurde. "Es prägt den Charakter, es prägt die Emotionen. Man bleibt sein ganzes Leben misstrauischer." Weil sie eine so lange Zeit überall Gefahren für ihr Leib und Leben witterte, hat Irmtraut Anstätt eine Sensibilität entwickelt, "die andere nicht haben, weil sie sie auch nicht brauchen." Für die ihr anvertrauten Kinder war diese Sensibilität ein Segen.

Irmtraut Anstätt beschreibt im zweiten Teil des Buchs in klarer, schnörkelloser Sprache, wie sie, ihr Mann und ihre gemeinsame Tochter, die fremden Kinder in ihre Familie aufnahmen und "ein Fundament legen wollten, damit aus ihnen Erwachsene wurden, die auch einmal Verantwortung würden übernehmen können."

Ein Junge wollte seine Freunde mit in die neue
Pflegefamilie bringen.

Liebevoll, ohne etwas zu beschönigen, schildert die Pflegemutter ihre Schützlinge, die alle unter schwierigen Bedingungen groß wurden. Einer wollte nicht ohne seine Freunde aus dem Heim fort, ein anderes Kind wurde Irmtraut Anstätt buchstäblich vor die Füße geworfen. Ein Junge war geistig behindert, ein Mädchen so traumatisiert, dass es nur schlecht über seine neuen Eltern reden konnte und sich die leiblichen Eltern schön phantasierte. Irmtraut Anstätt schildert den Alltag mit den Kindern, der nicht immer leicht war, aber immer gestaltbar, offen und transparent.

"Ich hätte noch mehr Kinder aufgenommen. Den Platz hatten wir. Aber es hat immer finanziell geklemmt. Das Pflegegeld hat nicht gereicht, dann musste das Gehalt von meinem Mann herhalten. Wenn auch das aufgebraucht war, war das Konto überzogen. Es war auch ein Kampf – aber es hat mir so viel Freude bereitet. Ich war so dankbar, dass ich, ausgerechnet ich, diesen Kindern helfen konnte und durfte", sagt Irmtraut Anstätt.

Hilfe bekam sie vom Jugendamt – insbesondere von einem Beamten, der die Familie über die 30 Jahre hinweg begleitete –, aber auch von den Rektoren und Lehrern der Dorfschule, von Nachbarn und der Kinderärztin am Ort. Schwierig war es, wenn Pflegekinder in ihre Ursprungsfamilien zurück mussten – weil Jugendrichter so entschieden. Dann kam es vor, dass Irmtraut Anstätt verzweifelt war, weil sie wusste, dass die Zukunft des Kindes ungewiss war. Von manchen hat die "Mutter auf Zeit" nie wieder ein Wort gehört. Andere jedoch sind immer noch Teil ihrer Familie, kommen zu Besuch, bringen auch ihre Partner mit. Familienleben eben. Irmtraut Anstätt kann mit der relativen Ruhe gut leben. Vielleicht wird sie ein weiteres Buch schreiben. Über ihr Leben, das wunderbare.

– Irmtraut Margarete Anstätt: Missbraucht – aber nicht zerbrochen. Mein Weg aus einer traumatischen Kindheit. Herausgegeben von Sabine Frigge. Rombach Biografien, Freiburg 2011. 140 Seiten, 13 Euro.

Autor: hoss