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30. Juni 2012

Irritation ist auch Aufgabe der Kunst

Mit "Turista" von Marius von Mayenburg wagt die Theater AG des Oken ein mutiges Experiment.

  1. Theater Oken Turista Foto: Theater AG

OFFENBURG. Offenburg hat keinen Campingplatz. Zum Glück, möchte man meinen, wenn man "Turista" von Marius von Mayenburg auf der neuen Bühne des Oken-Gymnasiums gesehen hat. Gezeigt werden Familien am Abgrund. Körperliche, seelische, emotionale Wracks. Doch wo ein Georg Büchner noch schauderte ("Jeder Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einen, wenn man hinabblickt"), hat man bei von Mayenburg (Jahrgang 1972) den Eindruck, dem Autor gehe es in diesem 2005 entstandenen Drama nur um die Verhöhnung seiner Figuren, die zunehmend ihre menschliche Würde einbüßen.

Nicht so in der Inszenierung des bewährten Regie-Duos Schröder & Schröder. Die jugendlichen Darsteller im Alter von 11 bis 19 Jahren spielen präzise, hochkonzentriert und mit so viel Leidenschaft, dass man die skurril-überzeichneten, allesamt kranken Typen nach drei Stunden Spieldauer fast schon liebgewonnen hat. Doch diese Camper sind dem Untergang geweiht und haben ihn verdient. Am – leider leicht voraussehbaren – Ende wird das Todesmotiv aus "Romeo und Julia" überraschend auf den Kopf gestellt.

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Gleich zu Beginn stirbt ein elfjähriger Junge auf offener Bühne. Aus dem Fluss gezogen röchelt er seine letzten Worte. Betroffenheit, Schmerz, Trauer. Wer ist schuld? Jeder, auf seine Weise. Deshalb muss Oli in dieser Ferienwoche insgesamt sechsmal sterben. Die Hölle, so scheint das Stück Sartre abzuwandeln, das sind nicht die anderen, sondern alle. Ihr Prinzip ist die Wiederholung. Die geringfügige Abwandlung des Immergleichen, die Vorabendserie, die Reality-Talkshow. Familien- und Nachbarschaftsstreitereien, Impotenz und sexueller Missbrauch, Flaschenbier, Gewalt und rohe, obszöne Sprache. "Der liebe Gott wird uns schon helfen", sagt einer der Irren, die mit ihrem Betreuer das Märchenspiel "Hänsel und Gretel" proben und (als Spiel im Spiel) zur Aufführung bringen. Doch daran glaubt in einer Welt des Wahnsinns nur ein Debiler. Es gibt kein Entkommen.

Anrührende, beklemmende Szenen wechseln ab mit befreiender Komik aber auch plumpem Klamauk. Ordinärste Sexualmetaphorik, viel Blut und Gewehrknallerei, ein schwül-dumpfe Grundstimmung. Die Textvorlage will es so, die Inszenierung versucht das Beste daraus zu machen.Und es gelingt, auch dank eines ansprechenden Bühnenbildes (Richard Endres und Florian Amend), farbenfroher Kostüme und ironischer Ausstattungsdetails. Im Wortsinne köstlich die als "Running Gag" eingesetzte Sprühsahne – genussvoll vom Finger oder der Grillwurst geschleckt.

Die Aufführung eines zeitgenössischen Stücks durch eine schulische Theater AG ist ein mutiges Experiment. Es hat sich, was die Präsentation theatralischer Möglichkeiten und Entfaltung schauspielerischen Talents angeht, in jeder Hinsicht gelohnt. Auch die Möglichkeit, bereits Fünft- und Sechstklässler auftreten zu lassen, wird mit beeindruckendem Ergebnis genutzt. In diesem Erwachsenenstück spielen Kinder, zum Beispiel als Opfer sexuellen Missbrauchs, eine wichtige Rolle.

Das Stück selbst bleibt problematisch und wird bei vielen Zuschauern, welche die schauspielerische Leistung, Bühnenbild und Ausstattung mit großem Beifall gewürdigt haben, zwiespältige Gefühle ausgelöst haben. Irritationen hervorzurufen ist auch eine Aufgabe der Kunst.

Offenburg mag ein Campingplatz fehlen, die Stadt hat aber eine sehr lebendige, vielfältige und experimentierfreudige Schultheater-Szene.

Weitere Aufführung am Montag, 2. Juli, 19.30 Uhr Aula des Oken-Gymnasiums.

Autor: Wolfgang Menzel